Raubüberfälle: Dutzende Fahnder mischen sich unters Volk

Von: Stephan Mohne
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Ist die „Spitze gebrochen“? Nach vier Festnahmen geht die Zahl der Raubüberfälle in der City wieder etwas zurück. Ob das wirklich der Durchbruch ist, bleibt allerdings noch offen. Am Wochenende sind wieder dutzende Fahnder in der City unterwegs. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Es hätte alles so schön werden können – zumindest für die Kriminalstatistik. Denn wenn es um Straßenraub geht, dann war die Zahl der Taten in diesem Jahr bis August im Vergleich zum gleichen Zeitraum der Jahre davor deutlich zurückgegangen.

166 waren es vor zwei Jahren, 184 im Vorjahr und nun „nur“ noch 137, wie Kriminaloberrat Willi Sauer vorrechnet. Mehr als 25 Prozent weniger – das ist eine erfreuliche Hausnummer, die die Polizei auch darauf zurückführt, dass sie Anfang des Jahres ihre Maßnahmen in diesem Bereich deutlich intensiviert hat. Doch dann kam der August – und die bisherige Statistik interessierte niemanden mehr. Denn da – und insbesondere ab dem letzten August-Wochenende – begann eine beispiellose Serie von Raubstraftaten in der Innenstadt mit neun Taten an einem einzigen Wochenende und mittlerweile 35 zumeist auch noch gewalttätigen Überfällen. Die Zahl der Taten alleine im August lag bei 29. Im Vorjahr waren es 13.

Die Polizei hat längst in der Stadt Plakate verteilt und gewarnt, nachts nicht alleine nach Hause zu gehen. Am Mittwoch gingen Polizeipräsident Dirk Weinspach und der zuständige Abteilungsleiter Sauer in die Informationsoffensive. Kein Wunder: In der Bevölkerung herrscht Angst und Verunsicherung. „Was tut die Polizei eigentlich?“, lautet eine der aktuell meistgestellten Fragen.

„Selbstverständlich tun wir alles, um die Taten aufzuklären und die Täter festzunehmen – mit allen uns zur Verfügung stehenden rechtsstaatlichen Mitteln. Wir nehmen das sehr ernst“, sagt der Polizeipräsident. Und das heißt für etliche Polizisten: Nachtschicht. Denn auf der Suche nach den Tätern rücken insbesondere an den Wochenenden zahlreiche Zivilfahnder aus. Wie viele es sind, mag Weinspach aus taktischen Gründen nicht verraten. So viel sagt er aber: „Zeitweise sind es mehrere Dutzend.“ Am Wochenende werden zusätzlich die uniformierten Kollegen Stellung an Partytreffpunkten beziehen. Und mit wie vielen Beamten ist die Ermittlungskommission besetzt? Mit keinem, denn es gibt keine. Anders als zuletzt beim Fall des rassistischen Mobbings an der Polizeischule würde dies hier keinen Sinn machen, sagt Weinspach: „Ich brauche hier keine IT-Experten im Präsidium, sondern die Fahnder auf der Straße.“

Zumindest Teilerfolge sieht die Polizei auf der Habenseite. Vier Festnahmen hat es bisher in Bezug auf die jüngste Raubserie gegeben. Bei den Verdächtigen handelt es sich um drei Jugendliche aus Marokko und einen aus Libyen – alle um die 16 Jahre alt, alle „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“, die in zunehmender Zahl in Aachen stranden. Polizeipräsident Weinspach unterstreicht jedoch nachdrücklich, dass die Polizei in keinster Weise diese Flüchtlingsgruppe – in Aachen leben derzeit 417 „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ – unter Generalverdacht stelle. Auch fokussiere man nun nicht alle Ermittlungsmaßnahmen auf diese Jugendlichen: „Das wäre unseriös“, betont Weinspach. Straftäter gebe es in allen Gruppen von Jugendlichen – und die Kriminalitätsrate sei unter „unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen“ im Vergleich zu allen anderen Jugendlichen „signifikant geringer“. Von den 417 seien dieses Jahr 31 straffällig geworden. In einigen Fällen seien es „nur“ einfache Ladendiebstähle gewesen. Lediglich in einem Fall gehen wohl 15 Taten – vom Diebstahl bis zum Raub – auf das Konto eines dieser Jugendlichen.

Gleichwohl könnte es sein, dass Gruppen aus diesem Umfeld – in wechselnder Besetzung – maßgeblich für Raubstraftaten der vergangenen Wochen infrage kommen. Bei einem der Festgenommenen sieht die Polizei Ansatzpunkte für weitere erfolgreiche Ermittlungen. Details dazu werden derzeit nicht genannt. Zwei der Verdächtigen sitzen in U-Haft. Einer der Jugendlichen gilt als „vermisst“ – hat sich also aus dem Staub gemacht. Die Festnahmen könnten laut Willi Sauer ein Grund sein, warum die Anzahl der Taten zuletzt geringer geworden ist: „Wir hoffen, dass die Spitze gebrochen ist.“ Die September-Zahlen seien zwar bisher immer noch leicht höher als in den Vorjahren, aber nicht so dramatisch wie im August.

Zwei Drittel der Taten sind den Ermittlern zufolge zwischen Samstags, 0 Uhr, und Sonntag, 7 Uhr, verübt worden – fast alle im nördlichen Bereich des Grabenrings. Laut Sauer „eine Frage von Angebot und Nachfrage“, denn dort sei nachts eben am meisten los. Die Opfer – zumeist männlich, 14 von ihnen bis 26 Jahre, 21 über 26 Jahre alt – seien gezielt ausgewählt. Meist seien es – nicht selten alkoholisierte – Personen, die alleine auf dem Heimweg waren. Die Tatortauswahl sei hingegen willkürlich: „Man kann nicht sagen, wenn ich aus der Kneipe XY komme, ist das Risiko größer“, so Sauer.

Die Fahnder werden am Wochenende wieder ausschwärmen. „Wir können allerdings nicht an jedem Winkel der Innenstadt gleichzeitig sein. Da braucht man auch das Glück des Tüchtigen“, sagt Weinspach. Diesmal vielleicht noch mehr als sonst. Schließlich werden Tausende bei vorhergesagten 26 Grad Celsius den Spätsommer unter anderem beim „September Special“ in der City genießen. Und sie werden irgendwann in alle Richtungen den Heimweg antreten.

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