Rathaussanierung: Aus dem Marienturm klingt frohe Kunde

Von: Hans-Peter Leisten
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Nach 22 Jahren fast fertig: Die Sanierung des Rathauses mit dem Marienturm soll Ende des Jahres abgeschlossen sein. Foto: Andreas Steindl
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Unter Marktniveau: Ein Betonrundgang lässt jetzt Arbeiten am unterirdischen Turmfundament zu. Manfred Lennartz vom Gebäudemanagement demonstriert, dass die Steine immer noch aussanden. Foto: Andreas Steindl
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Unter Marktniveau: Ein Betonrundgang lässt jetzt Arbeiten am unterirdischen Turmfundament zu. Manfred Lennartz vom Gebäudemanagement demonstriert, dass die Steine immer noch aussanden. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Beim Blick auf die Rathausfassade überlegt Manfred Lennartz kurz, ist sich dann aber ganz sicher: „Ja klar. Vor ziemlich genau 22 Jahren haben wir hier angefangen. Das Erdbeben kurz vorher hatte uns unmissverständlich gezeigt, dass hier etwas nicht stimmt!“ Ausrufezeichen!

In der Tat stimmte etwas nicht, als die Experten vom Gebäudemanagement die Erdbebenschäden von 1992 unter die Lupe nahmen. Die Fassade des Rathauses hatte sich von der Grundmauer gelöst, das Dach war nicht mehr dicht, und, und und. Jetzt, 22 Jahre später, ist Land in Sicht. Die Sanierungsarbeiten am Marienturm haben in der Tat Chancen, Ende des Jahres den Schlussstein der Arbeiten zu bilden. Im übertragenen wie direkten Sinn.

Engelbert Chaumet wird sich wahrscheinlich dann einen Moment zurücklehnen. Aus gutem Grund, aber auch erst dann, denn bis dahin hat er noch jede Menge zu tun und vor allem richtigen Zeitstress. Dafür kann der Architekt, der als Denkmalexperte beim städtischen Gebäudemanagement arbeitet, gar nichts. Die zeitlichen Abläufe zwingen ihn in ein Arbeitskorsett: Einerseits laufen die entsprechenden Fördermittel aus dem Welterbe-Förderprogramm Ende des Jahres aus, andererseits musste das Gerüst, das bereits am Marien- oder auch Marktturm stand, wieder entfernt werden.

Hier schließt sich in gewisser Weise der Kreis – und natürlich hat Karl der Große seine Hände im Spiel. Die aktuelle Ausstellung im Krönungssaal „Orte der Macht“ zeigt zahlreiche Fremdexponate als Leihgaben. Und die Versicherungen waren von der theoretischen Einstiegshilfe für üble Gesellen über das Gerüst gar nicht begeistert. „So müssen wir die Arbeiten am Dach des Turms nach dem Ende der Ausstellung und vor Beginn des Weihnachtsmarktes fertig stellen“, nennt Engelbert Chaumet den durchaus sportlichen Zeitrahmen. Immerhin – die Vorarbeiten sind schon jetzt recht weit gediehen.

Der hölzerne Dachstuhl zeigte sich nach dem Entfernen der Schieferschindeln und des alten Bleis in hervorragendem Zustand: „Wir konnten auf die vorhandene Schalung das neue Blei – heute nimmt man spezielles Kirchenblei – aufbringen“, ist Manfred Lennartz erleichtert. Die Verkleidung der Turmspitze wurde komplett in luftiger Höhe von Hand maßgefertigt. Die Vorlage des früheren Stadtkonservators Leo Hugot wurde dabei exakt eingehalten.

Im Zuge der Dach- und Bleiarbeiten tat auch das Glockenspiel einen Schritt in die Moderne. Der Anschlag erfolgte bis vor kurzem elektromagnetisch, jetzt über eine neue Hydraulik. Auch wenn automatisch gespielt wird, hört sich das jetzt wie von Hand an. „Bis zu 100 Jahre sollte die neue Dachbedeckung dann schon halten“, hofft Chaumet – und dass Ende September nach Ausstellungsende auf dem neuen Gerüst die Dachdecker Vollgas geben können. 500 000 Euro werden dann in die Sanierung des Daches geflossen sein.

Vom Dach in den Keller: Auch bei diesen Arbeiten war die Zeit nicht unbedingt der beste Freund des Denkmalexperten, der sich von Berufs wegen in einem ewigen Zwiespalt befindet: „Einerseits ist es toll, wenn die Archäologen etwas Bedeutsames finden. Andererseits gerät unser Zeitplan dann immer durcheinender.“ Wirklich überrascht waren die Experten vom Gebäudemanagement dann auch nicht, als die Stadtarchäologen um Andreas Schaub bei ihren Grabungen bemerkenswerte Funde machten. Sie stellten aber auch fest, dass die karolingischen Mauerfundamente unter dem Marktturm feucht waren. Die Denkmalschützer mussten wieder ran.

Um die Fundamente des Marktturmes wurde mit Abstand von etwa einem Meter unter dem Marktniveau ein Betonring gegossen, so dass ein Rundgang entstand. Der Beton selbst berücksichtigt in seinem Verlauf vorhandene römische Mauerreste, ist aber auch stark, dass er ein Gewicht von 40 Tonnen aushält. Vor dem Turm halten nämlich nicht selten Lkw mit schwerem Equipment für die Festveranstaltungen im Rathaus selbst.

Die Baumeister des gotischen Rathauses haben es mit der Fundamentierung da offensichtlich nicht so genau genommen, denn die Erweiterungen des Marienturms in jener Epoche wurden mehr oder minder auf den Dreck gesetzt. Und immer wieder tauchen römische Mauern auf, die die Form einer Wehrmauer erkennen lassen. „Karl der Große hat seine Aula offensichtlich ganz bewusst in ein bestehendes Wehrsystem auf dem Markthügel gesetzt“, schließt Engelbert Chaumet daraus.

Auch im Keller bleibt noch einiges zu tun. Bei der Trockenlegung des Gemäuers besteht offensichtlich noch Optimierungsbedarf, die Fugen sondern Sand ab, was auf Dauer die Statik beeinflussen kann. Hier sollen ein spezieller Mörtel und Bleiwolle als Fugenmasse das Problem lösen, Material, das im Übrigen auch der Denkmalschutz für unproblematisch hält. Im unterirdischen Rundgang zwischen alter Turmmauer und neuem Betonring trifft man regelmäßig auf Luftschächte, die die weitere Trockenlegung des Fundamentbereiches beschleunigen.

Es gibt auch noch Fragen, zum Teil kuriose. Im Turmfundament wurde zum Beispiel ein Wasserbecken gefunden, dessen Funktion noch Rätsel aufgibt. Möglicherweise wurde es nach dem Rathausbrand 1883 eingebaut, um Löschwasser zu speichern.

Danach geht‘s zum Marschiertor

Letztlich gehörte zum Kapitel der Marienturmsanierung noch die Überarbeitung der Fenster. Die Maßnahme ist abgeschlossen und nur auf den zweiten Blick zu erkennen – denkmalpflegerisch also optimal gelöst. Die Betonglasfenster wurden 1963/64 von dem Architekten Gerhard Graubner eingebaut, sind also ihrerseits bereits denkmalgeschützt. Aber auch hier knirschte es im Beton. Die dort eingearbeiteten Stahlelemente waren gerostet, die Standsicherheit war in Gefahr.

Gemeinsam mit Experten der RWTH wurde eine Textilbetonlösung gefunden, bei der Karbonfasern in den Beton eingearbeitet sind. Insgesamt sind 17 Fenster erneuert, zwei kleinere wurden aus denkmalpflegerischen Gründen im alten Zustand belassen. Auch dieser Umstand weist auf den stetigen Spagat hin, den das Gebäudemanagement vollziehen musste: Rettung und langfristige Sicherung der historischen Substanz im Einklang mit der Denkmalpflege. 22 Jahre lang. Am Rathaus ist der Schlusspunkt in Sicht. „Wunderbar“, sagt Manfred Lennartz, „dann können wir uns jetzt das Dach des Marschiertores vornehmen.“

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