Aachen: Kritik nach Einsatz von Fahrscheinkontrolleuren der Aseag

Rassismus und Freiheitsberaubung im Namen der Aseag?

Von: Oliver Schmetz
Letzte Aktualisierung:
15848016.jpg
Hier fing am Donnerstag alles an: Laut Zeugen begann am Kaiserplatz eine Fahrkartenkontrolle, nach der die Aseag sich mit den Vorwürfen von Rassismus und Freiheitsberaubung konfrontiert sieht. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Unlesbare „eTickets“, falsche Mahnungen und Kündigungen für treue Kunden, ein Kundencenter, das kaum erreichbar ist – was die Negativschlagzeilen angeht, liegt die Aseag in diesen Wochen schon uneinholbar weit vorne. Doch was jetzt hinzukommt, ist noch stärkerer Tobak. Fahrgäste berichten der AZ von einer völlig überzogenen Fahrscheinkontrolle mit möglicherweise rassistischem Hintergrund.

Dabei soll eine hochschwangere dunkelhäutige Frau mit Kinderwagen im Bus fälschlicherweise als Schwarzfahrerin beschuldigt und gegen ihren Willen bis zur Endhaltestelle „entführt“ worden sein soll. Womit sich zum Rassismusvorwurf der Vorwurf der Freiheitsberaubung gesellt, was zwei der Zeugen des Vorfalls durch eine Strafanzeige gegen drei Kontrolleure untermauern.

Zugetragen hat sich das Ganze am Donnerstag in der Linie 43, als diese gegen 18.20 Uhr auf ihrem Weg zur Hüls am Kaiserplatz Halt machte. Dort füllte sich laut den Zeugen der Bus so stark, dass es sehr eng wurde. Und im selben Moment, als die Türen schlossen, habe ein Mann den Gang zum Fahrer versperrt und laut „Fahrkartenkontrolle“ gerufen. Mehrere Fahrgäste hätten bemängelt, dass sie keine Gelegenheit gehabt hätten, eine Fahrkarte beim Fahrer zu kaufen. Der Kontrolleur habe daraufhin lediglich gerufen, dass es dafür nun zu spät sei.

„Ich kenne solche wie die“

Laut den Zeugen beschwerte sich auch eine „dunkelhäutige, mindestens im achten Monat hochschwangere Frau mit französischem Akzent“ darüber, dass sie nicht zum Fahrer durchgelassen werde. Schließlich habe sie mit ihrem Kinderwagen ja gar nicht vorne einsteigen können und somit keine Gelegenheit gehabt, eine Karte zu kaufen.

Doch obwohl laut den Zeugen mehrere Fahrgäste die Frau unterstützten, habe der Kontrolleur nur gerufen: „Ich kenne solche wie die und ihre Maschen.“ Andere Fahrgäste habe der Mann dann nicht mehr kontrolliert – einen „hellhäutigen, deutschsprachigen Mann habe er zum Fahrer durchgelassen –, und sich „ausschließlich der Einschüchterung der hochschwangeren Ausländerin“ gewidmet. Und in dem überfüllten Bus, der sich mittlerweile auf den Weg zur Hüls gemacht hatte, habe keiner mehr hinten aussteigen dürfen – was zu großen Verspätungen geführt hätte.

Die Aseag schildert den Fall bis hierhin anders. Unternehmenssprecher Paul Heesel bezieht sich dabei nach eigenen Angaben auf die Aussage eines der drei Kontrolleure, die in dem Bus im Einsatz waren. Alle drei müssen sich bis nächsten Dienstag auch schriftlich äußern, sagt Heesel. Laut Aseag habe die Frau mit dem Kinderwagen nicht den Eindruck erweckt, einen Fahrschein lösen zu wollen. Die Kontrolleure würden immer einen Augenblick abwarten, bevor sie kontrollieren, sagt Heesel, und so sei das auch in diesem Fall gewesen. Und die hintere Tür habe der Fahrer geschlossen gehalten, weil ein weiterer Fahrgast ohne Fahrschein randaliert habe.

Allerdings geht die Geschichte noch weiter. Denn die Frau, die auf Anraten der Zeugen ihren Ausweis nicht zeigte, um die Angelegenheit von der Polizei klären zu lassen, durfte den Bus nicht verlassen – auch nicht an ihrer Zielhaltestelle Hohenzollernplatz: „Durch Versperren von Tür und Gängen“ hätten die Kontrolleure die Frau „gegen ihren ausdrücklichen Willen“ gezwungen, weitere zwei Kilometer bis zur Haltestelle „Aseag“ kurz vor der Hüls mitzufahren – aus Sicht der Zeugen eine klare Freiheitsberaubung.

Aseag-Sprecher Heesel sagt hierzu zunächst, die Kontrolleure seien „pragmatisch vorgegangen“. Man habe die Polizei zur Haltestelle Aseag bestellt, um die Fahrt für die anderen Fahrgäste nicht unnötig zu verzögern. Und laut Aseag-Hausordnung seien die Kontrolleure sogar berechtigt, gemeinsam mit Fahrgästen die nächste Polizeiwache aufzusuchen.

Nach erneuter Rückfrage teilt er der AZ dann aber später mit, dass die Kontrolleure grundsätzlich die Anweisung haben, mit mutmaßlichen Schwarzfahrern an der nächsten Haltestelle auszusteigen und dort auf die Polizei zu warten. Heesel: „Warum die das in diesem Fall nicht getan haben, weiß ich nicht.“ Den neben dieser Frage einer möglichen Freiheitsberaubung im Raum stehenden Rassismusvorwurf kommentiert der Aseag-Sprecher so: „Grundsätzlich gilt, dass Rassismus bei der Aseag keinen Platz hat“, sagt Heesel. Man habe Fahrgäste und Mitarbeiter aus aller Welt, da sei ein „wertschätzender und respektvoller Umgang“ wichtig. Und „wenn wir Gegenteiliges erfahren, gehen wir dem nach“, bekräftigt er.

„Linksextreme Steinewerfer“

Da dürfte im aktuellen Fall einiges zu klären sein. Denn als die Polizei am Zielort mit gleich sechs Beamten erscheint – das Großaufgebot wird später damit erklärt, die Aseag habe „Tumulte“ in dem Bus gemeldet –, müssen diese eine weitere Strafanzeige aufnehmen. Die Zeugen, die die verängstigte Frau nach eigenem Bekunden bis zum Ende begleitet haben, um sie nicht alleine zu lassen, erstatten diese gegen einen der Kontrolleure wegen übler Nachrede.

Sie seien wegen ihrer Bereitschaft, sich als Zeugen für eine Ausländerin zur Verfügung zu stellen, von diesem vor anderen Fahrgästen als „Gutmenschen“, „linksextreme Steinewerfer“ und „sicher polizeibekannt“ beschimpft worden, berichten sie. Und zitieren am Ende selber die Aseag-Hausordnung: Dort stehe etwa, dass ein Fahrgast von der Beförderung ausgeschlossen werden kann, wenn er der Aufforderung, einen Fahrausweis nachzulösen, nicht nachkommt. Aber von einer „gewaltsamen Verhinderung des Lösens eines Fahrausweises und einer zwangsweisen nächtlichen Weiterbeförderung hochschwangerer Mütter mit Kleinkind zu abgelegenen Friedhöfen im strömenden Regen“ sei dort nicht die Rede.

Leserkommentare

Leserkommentare (12)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert