Ralf Welter: „Das Grundeinkommen ist eine Pflicht“

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Setzt sich als Diözesanvorsitzender für die Rechte der Arbeitnehmer ein: Ralf Welter. Foto: Michael Jaspers
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weltermja1 22.04.2014 Ralf Welter, KAB Aachen, Wochenendinterview, WE, xen

Aachen. Seit 2007 hat sich die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) das Grundeinkommen auf die politische Fahne geschrieben. Gleichzeitig soll jede Form von Arbeit auch als solche wahrgenommen werden. Geistiger Vater dieser Forderung ist Ralf Welter.

Der Volkswirt an der FH Aachen ist seit 17 Jahren Mitglied der KAB und seit 2009 Diözesanvorsitzender im Bistum Aachen. „Viele junge Menschen glauben ja, dass die gerade existierende Wirtschaftsordnung schon immer so war“, kritisiert der gebürtige Brander. Dieser Vorstellung setzt er die katholische Soziallehre – die Basis der KAB – entgegen.

Sie sind Diözesanvorsitzender der KAB im Bistum Aachen. Welche Aufgabe haben Sie da?

Welter: In einer Doppelspitze – als KAB verpflichten wir uns der paritätischen Besetzung – mit meiner Kollegin Gabi Wienen, führen wir einen Sozialverband in der Diözese Aachen. Dieser Sozialverband, der hauptsächlich in den einzelnen Pfarrgemeinden Gruppen aufweist, steht neben der Verbandsarbeit für ein Bildungswerk und umfangreiche Sozialrechtsberatung. Gerade auch die Hartz IV-Erstberatung in der Städteregion Aachen hat großen Zuspruch gefunden. Ich stehe hauptsächlich für die inhaltliche Ausrichtung und Öffentlichkeitsarbeit der Bewegung sowie Mitarbeit in verschiedenen Gremien, wie zum Beispiel der Mobbing-Kontakt-Stelle. Seit 17 Jahren bin ich in der KAB, seit 2009 in der Position des Vorsitzenden.

Wie sind Sie zur KAB gekommen?

Welter: Das lief über mein Thema Grundeinkommen. Als Assistent an der Hochschule hatte ich zu diesem Thema bereits einige Seminar- und Diplomarbeiten durchgeführt. Die KAB hat mich 1995 das erste Mal als Wissenschaftler zu einer Diskussion eingeladen – damals anlässlich der Kampagne „Arbeit und Reichtum teilen“. Zwei Jahre später bin ich Mitglied geworden. In der KAB habe ich einen Sozialverband gefunden, den ich mit dem Thema Grundeinkommen auf den Weg schicken konnte. Aachen war für die KAB der Ursprung für das Modell eines Grundeinkommens, seit 2007 steht auch der Bundesverband hinter dieser Forderung.

Sie sind also auch auf Bundesebene aktiv?

Welter: Ich bin relativ schnell auf die bundespolitische Ebene gegangen und habe mit unserer damaligen Bundesvorsitzenden Birgit Zenker eine überzeugte Mitstreiterin für das Grundeinkommen gefunden. Wir sind mit 140 000 Mitgliedern immer noch ein großer Verband – im Netzwerk Grundeinkommen sogar der größte – und finden deshalb relativ gut Gehör. In vielen Ausschusssitzungen haben wir mit Mitstreitern aus anderen Diözesen unser heutiges Modell entwickelt und breit in die Öffentlichkeit getragen. Der Charme unseres Verbandes – das musste ich auch erst lernen – ist, dass wir Normen haben, die auf der katholischen Soziallehre basieren und anerkannt sind: Solidarität, Subsidiarität, Personalität. Das ist ein Pfund, mit dem wir Reformen angehen können.

Sie sind Diplom-Kaufmann und Dozent für Volkswirtschaftslehre an der FH Aachen. Gleichzeitig – Sie sagen es selbst – streiten Sie bereits seit Jahren vehement fürs Grundeinkommen. Ist das kein Widerspruch?

Welter: Anfangs hatte ich schon die Sorge, dass mein Engagement für das Grundeinkommen meinem wissenschaftlichen Ruf schadet, weil es oft als ein bisschen utopisch angesehen wird. Das hat sich aber nicht bestätigt. Mittlerweile finde ich sowohl an der RWTH als auch an der FH wie auch anderen Universitäten Diskussionspartner. Meine Dozentenkollegen sehen auch, dass die Struktur der Arbeitswelt so nicht aufrechterhalten werden kann – auch wenn leider die Vertreter des Neoliberalismus‘ in der Mehrheit sind und das Modell des Grundeinkommens für den Abbau des Sozialstaats nutzen wollen. Ich denke, weil sie den leichteren Weg gehen wollen. Die Politik tut sich aber tatsächlich schwerer mit dem Thema als die Wissenschaft.

Was verbirgt sich denn hinter Ihrer Forderung nach dem Grundeinkommen?

Welter: Grundsätzlich soll das Grundeinkommen eine neue Art des gesellschaftlichen Miteinanders erzeugen. Im Moment müssen ja viele in prekären Arbeitsverhältnissen sehr viel arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Mit einem Grundeinkommen – die KAB sagt ca. 800 Euro für Erwachsene – könnte man einerseits die versteckte Armut in der Gesellschaft bekämpfen. Aber Menschen könnten sich neben der Erwerbsarbeit auch ehrenamtlich, nachbarschaftlich oder politisch engagieren, sich mehr um ihre Kinder kümmern. Im Moment denken wir bei Arbeit nur an Erwerbsarbeit. Das gehört aufgebrochen.

An was denken Sie denn noch bei Arbeit?

Welter: Das Grundeinkommen propagiere ist immer in einem Atemzug mit unserem Modell der Tätigkeitsgesellschaft: Erwerbsarbeit, private Arbeit und gemeinnützige Arbeit sind gleich wichtig für eine Gesellschaft. Deshalb soll man auch für jede Form der Arbeit eine angemessene Entlohnung erhalten. Es geht nicht darum, den Konsum zu erhöhen, sondern ein Gleichgewicht der Kräfte, insbesondere zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, wieder herzustellen. Denn mit einem Grundeinkommen kann man „Nein“ sagen zu schlechten Arbeitsbedingungen und Tarifen. Die bevorstehende vierte technologische Revolution wird dazu führen, dass wir deutlich weniger Erwerbsarbeit haben. Die Menschen brauchen dann ein neues Modell, an dem sie sich orientieren können.

Wir reden von Facharbeitermangel von dem Ingenieurbereich bis zur Pflege. Gleichzeitig sagt der Leiter des Jobcenters der Städteregion Aachen, dass sich acht Prozent der Leistungsbezieher im Sozialhilfebezug eingerichtet haben. Mir scheint, dass ein Grundeinkommen beiden Problemen nicht gerecht wird.

Welter: Acht Prozent sind meiner Meinung nach zu hoch gegriffen. Es sind vielleicht zwei Prozent. In unseren Arbeitslosenprojekten habe ich Menschen kennen gelernt, die alles dafür getan haben, um zu arbeiten. Als die Ein-Euro-Jobs wieder abgeschafft wurden, waren viele verzweifelt, weil ihnen ihre gesellschaftliche Aufgabe wieder weggenommen wurde. Gleichzeitig könnte ein Grundeinkommen Bereiche mit starker Arbeitsverdichtung und Anstrengung wie die Pflege mit mehr Arbeitskräften ausstatten, weil Menschen dann dort nicht mehr so viel arbeiten müssten, um ein auskömmliches Einkommen zu haben. Meine Lösung für den Mangel an Fachkräften sind mehr Studienplätze mit vernünftiger Betreuung. Eine Abbruchquote von 35 Prozent ist eindeutig zu hoch.

Sind Sie der Umsetzung denn schon ein Stück näher gekommen?

Welter: Ich würde die Einführung eines Grundeinkommens nie für morgen fordern. Geld allein macht keine besseren Menschen. Die Tätigkeitsgesellschaft ist ein schwieriges Modell, an das sich die Gesellschaft erst gewöhnen muss. Wichtig ist zu verstehen, dass ein Grundeinkommen nur ein Vehikel sein kann, um Lebenszeit neu aufzuteilen. Wir müssen das „nur“ abschaffen: „nur“ Hausfrau, „nur“ Teilzeit, „nur“ ehrenamtlich. Deshalb würde ich in Schritten anfangen, bestimmte Wertschöpfungsprozesse mit einem Einkommen zu versehen: Grundrente, um die drohende Altersarmut zu bekämpfen, ein Kindergrundeinkommen für die Erziehungsarbeit, ein öffentlich geförderter Beschäftigungssektor im gemeinnützigen Bereich.

Gerade im oberen Bereich der Politikerriege denken zu viele in Anreizen. Aber wer will denn auf der faulen Haut liegen? Die Wenigen tun mir tatsächlich leid, weil sie den Wert von Arbeit nicht kennen: soziale Struktur, eine sinnvolle Aufgabe, aktiv gestalten statt konsumieren. Mit diesen Fragestellungen wird man heute viel häufiger konfrontiert, als noch vor zehn Jahren. Insofern hat die gesellschaftliche Diskussion einen Schritt nach vorne gemacht.

Einer der KAB-Schwerpunkte 2014 im Bistum ist die Kampagne „Neues sozial denken“. Was verbirgt sich dahinter?

Welter: Die Wirtschaft muss immer dem Menschen dienen, sie darf nicht Selbstzweck werden. Deshalb wollen wir bei jedem Reformvorhaben, ökonomischen Veränderungsprozessen, das heißt in jedem wirtschaftlichen Vorhaben die soziale Komponente verankert wissen. Das lässt sich auf die katholische Soziallehre zurückführen, in der sich alle KAB-Mitglieder – auch wenn sie als Unternehmer dem Grundeinkommen vielleicht nicht so viel abgewinnen können – einig sind.

Wie politisch ist denn aktuell ihre Basis?

Welter: Gerade im vergangenen Jahr waren die Gruppen in der Diözese sehr aktiv. Sie haben 64 Setzkästen gestaltet, die nun im Rahmen der neuen Kampagne auf Wanderschaft gehen und eine hohe Resonanz haben. Am meisten wurden die Begriffe „Tätigkeitsgesellschaft“, „Grundeinkommen“ und „Mindestlohn“ in die Kästen geklebt. Gleich danach folgten die Forderungen nach Wertschätzung von Pflege und nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Unsere 3450 Mitglieder verfolgen unsere politische Arbeit sehr wach und beteiligen sich rege an den Diskussionen.

Katholischer Arbeitnehmerbewegung hört sich allerdings nicht sehr sexy an. Können Sie junge Menschen noch für Ihre Sache gewinnen?

Welter: Tatsächlich hat unsere Mitgliedschaft einen relativ hohen Altersdurchschnitt. Der Charme des Namens unseres Verbandes ist aber der Begriff „Arbeitnehmer“. Die Arbeitswelt muss sich wandeln. Deshalb sehe ich unsere Zielgruppe gerade auch in den Männern und Frauen bis 45 Jahre. Sie haben die Arbeitswelt und ihre Probleme schon kennengelernt und damit auch die mangelnden Möglichkeiten durch eine Planungssicherheit im Beruf und am Einkommen an Familiengründung, Hausbau oder ähnliches zu denken. Wir müssen wieder zum Primat der Politik vor der Wirtschaft kommen. Wir dürfen die gegebenen Verhältnisse nicht einfach so akzeptieren. Viele junge Menschen – gerade auch meine BWL-Studenten – glauben ja, dass die gerade existierende Wirtschaftsordnung schon immer so war. Sie reflektieren nicht, dass sich die Menschen in anderen Jahrhunderten auch mal für etwas anderes entschieden haben und damit ein zivilisatorischer Fortschritt wieder möglich wäre.

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