Aachen - Raimund Laufen: „Musik ist kein Luxus, sie gehört zum Menschsein“

Raimund Laufen: „Musik ist kein Luxus, sie gehört zum Menschsein“

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„Auch ein missionarischer Effekt“: Raimund Laufen probt mit dem Collegium Musicum fürs große Semesterabschlusskonzert Ende Januar. Im Notfall kann er auch streng sein, aber: „Hierarchien spielen hier keine Rolle“. Foto: Andreas Steindl
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„Ich möchte, dass es mit der sogenannten klassischen Musik weitergeht“: Raimund Laufen setzt auf große Bandbreite. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Das Collegium Musicum gibt es bereits seit den 1950er Jahren. Ursprünglich von musikbegeisterten Studierenden und Professoren als Kammerorchester gegründet, singen und spielen heute über 200 mal junge, mal weniger junge Menschen in Orchester und Chor der RWTH-Einrichtung.

Seit dem Sommersemester hat Raimund Laufen die Leitung der beiden Ensembles übernommen. AZ-Mitarbeiterin Rauke Xenia Bornefeld hat Laufen zum Samstagsinterview getroffen.

Als Leiter des Collegium Musicum der RWTH haben Sie einen Chor und ein Orchester unter Ihren Fittichen. Was macht Ihnen mehr Spaß?

Raimund Laufen: Ich habe da keine Präferenzen. Was ich sagen kann: Ich habe mehr Erfahrungen mit der Orchesterleitung. Wenn man Orchester-Dirigieren studiert hat, kommt man naturgemäß eher mit Orchestern in Kontakt. Allerdings habe ich durch meinen Gang ans Theater für Opernproduktionen auch mit Chören gearbeitet. Tatsächlich macht es gleich viel Spaß.

Was ist der Unterschied?

Laufen: Der durchschnittliche Chorsänger hat weniger musikalische Vorbildung als ein Orchestermitglied. Zumindest gilt das für das Collegium Musicum. Nicht alle im Chor können zum Beispiel Noten lesen. Vom Blatt zu singen, fällt vielen nicht so leicht. Das Einstudieren dauert daher länger, auch wenn wir auch viele erfahrene Chorsänger haben, die die anderen mitziehen. Deshalb haben die Chormitglieder aber nicht weniger Spaß. Und sie haben eine unglaubliche Motivation und Begeisterungsfähigkeit. Das Ergebnis ist ebenso schön wie mit dem Orchester. Und es kann jeder mitmachen, solange er nur einen Ton gerade nachsingen kann. Im Orchester – auch im Collegium Musicum – liegen die Anforderungen höher.

Müssen Sie mit den beiden Ensembles auf unterschiedliche Weise arbeiten?

Laufen: Beim Chor geht es in den ersten Wochen sehr stark ums Erlernen der richtigen Töne. Anders als ein Instrumentalmusiker kann ein Sänger in der Regel nicht einen Ton aus dem Nichts treffen. Man weiß nicht, wie man ihn singen soll, wenn man ihn auf einer bestimmten Notenlinie sieht. Außerdem gibt es beim Chor die zweite Ebene des Textes. Wir versuchen immer wieder zu verstehen, wie Text und Musik im Zusammenhang stehen. Pausen haben deshalb eine Doppelfunktion im Chor: Sie ermöglichen es mir, über die Bedeutung des Textes zu sprechen, und geben den Sängerinnen und Sängern gleichzeitig eine Chance auf Erholung der Stimme. Für die Chorprobe brauche ich eine deutliche Strategie.

Im Hauptberuf sind Sie Kapellmeister mit Dirigierverpflichtung an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, Standort Aachen…

Laufen: Das hat das Theater Aachen so genannt. Aber an der Hochschule gibt es eigentlich keine Kapellmeisterstelle wie am Theater. Ich weiß gar nicht, wie ich meine Stelle an der Hochschule genau nennen soll. Ich bin direkt Professor Herbert Görtz, dem Direktor der Musikhochschule hier in Aachen, zugeordnet. Ich unterstütze ihn, ich arbeite hauptsächlich mit Sängern, ab und zu auch mit Dirigier-Studierenden. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit sind die Opernprojekte, die jährlich im Sommersemester als Koproduktion von Theater und Musikhochschule stattfinden.

Warum haben Sie sich jetzt entschieden, auch noch die Leitung des Collegium Musicum zu übernehmen?

Laufen: Obwohl es sehr viel Mehrarbeit zu meinem sonst schon vollen Terminkalender bedeutet, ist das sehr lohnend. Das ganze Repertoire der Symphonik und der Chorsymphonik ist bislang in meinem Berufsleben etwas kurz gekommen. Aufgewachsen bin ich mit Klaviermusik, Kammermusik und Symphonik. Als Dirigent oder auch Korrepetitor an der Oper hatte ich damit weniger Kontakt. So kam es mir ganz gelegen, dass diese Stelle beim Collegium Musicum frei wurde. Und in der Tat: Es macht riesigen Spaß!

Was macht die Arbeit mit Laienmusikern denn interessant?

Laufen: Laien sind fast immer motiviert. Das sind Profimusiker nachvollziehbarerweise nicht immer. Es ist ihr Beruf, sie machen das jeden Tag. Davon kann ich mich auch nicht ganz ausschließen. Es ist also kein Vorwurf. Für Laien ist es nie „ein Job“. Sie freuen sich auf die wöchentlichen Proben, sie freuen sich auf die Probenwochenenden, auf die Konzerte. Auch wenn die Arbeit viel langsamer geht, kommen wir immer zu einem guten Ergebnis. Und wenn auch im Konzert nicht immer alle Töne stimmen, können wir die geistige Aussage des Werkes transportieren und die richtige Stimmung herstellen. Dafür hat jeder im Chor und im Orchester eine Antenne – egal wie gut er spielt oder singt.

Treibt Sie neben der Begeisterungsfähigkeit der Chor- und Orchestermusiker noch eine andere Motivation an?

Laufen: Ich möchte gern, dass es mit der sogenannten klassischen Musik weitergeht. Das Collegium Musicum zieht Menschen – Freunde und Verwandte – ins Konzert, die sonst vielleicht keine symphonische Musik hören würden. So kann man vielleicht auch dem Aussterben des Publikums für Profi-Ensembles entgegenwirken. Vielleicht kann man sagen: Mein Wirken als Leiter des Collegium Musicum hat auch einen missionarischen Effekt (lacht).

Durch ein Rock- oder Popkonzert kommen die Menschen ja auch mit Musik in Kontakt. Ist Ihnen diese klassische Art von Musik so wichtig?

Laufen: Ja, diese Musik ist einfach so bereichernd. Sie kann zum Nachdenken bringen, aufheitern, beruhigen – sie kann alles mit einem machen. Die geniale Komposition spricht Kopf und Herz an. Auch Kinder können sich dafür begeistern, deshalb sollten wir als Collegium Musicum vielleicht auch mal ein Konzert für Kinder machen. Musik gehört zum Menschsein dazu. Sie ist kein Luxus. Sie ist nicht wichtiger als Essen, aber vielleicht genauso wichtig.

Was ist das Besondere am Mit- einander im Collegium Musicum?

Laufen: Auch wenn es nicht so viele Professoren gibt – Dozenten und Studierende treffen hier, anders als sonst im Alltag, auf Augenhöhe aufeinander. Bei uns gibt es keine Hierarchie. Ein Mitglied des Orchesters ist Dekan an der Fachhochschule. Er spielt schon seit 35 Jahren im Collegium Musicum. Wenn eine Bratsche fehlt, übernimmt er freiwillig diese Stelle und verzichtet an dem Tag auf seinen Violineneinsatz. Vielleicht ist es gerade diesen Menschen wichtig, im Chor und Orchester auf Hierarchie verzichten zu können.

Welche Charakterisierung würden Sie für Ihre Ensembles außerdem wählen?

Laufen: Besonders das Orchester möchte gern eingebunden sein in die Auswahl von Stücken. Im Chor kommen auch Wünsche, aber da gebe ich das Konzertprogramm bislang noch eher vor. Beim Pflichtbewusstsein ähneln sich beide Ensembles aber sehr. Seit die RWTH aufgrund von finanziellen Engpässen einige Hiwi-Stellen fürs Collegium Musicum streichen musste, haben sich sowohl im Orchester als auch im Chor zwei Handvoll Leute gefunden, die sich in ihrer Freizeit sehr stark über die eigentliche Probenzeit für das Ensemble engagieren. Ich schätze ihren Einsatz auf bestimmt zehn Wochenstunden für Organisation, Mitgliederverwaltung und die ebenso wichtigen Partyvorbereitungen für Probenwochenenden und After-Concert-Feiern und vieles mehr. Also viel im Vergleich zu zweieinhalb Stunden wöchentlicher Probe. Ohne sie könnte ich die Leitung nicht stemmen.

Fühlen Sie sich als Collegium Musicum denn ausreichend wertgeschätzt von der RWTH?

Laufen: Ja. Das zeigte sich schon in der sehr akribischen Auswahlprozedur, als es um die Neubesetzung der Leitungsstelle ging. So eine intensive Bewerbungsphase habe ich bisher noch nie durchlaufen (lacht). Aber auch für die Probenarbeit erhalten wir viel Unterstützung. Wir haben mit Maria Regina Heyne immer eine Stimmbildnerin bei den Chorproben zur Verfügung. Sie leitet das Einsingen und greift sich während der Probe einzelne Gruppen heraus, um mit ihnen weiter zu arbeiten. Das ist ein tolles Angebot für die Sängerinnen und Sänger. Außerdem bezahlt die RWTH uns mit Ahreum Friedrich eine Korrepetitorin. Sie ist die hauptamtliche Kantorin von St. Foillan. Bei uns probt sie bei komplexen Stücken wie unserer Bach-Motette zeitweise mit einem Teil des Chores selbstständig. Ansonsten begleitet sie die Tutti-Proben am Klavier. Ist sie mal nicht dabei, setzt sich jemand aus dem Chor ans Klavier.

Welche musikalischen Ziele wollen Sie sich mit den beiden Ensembles setzen?

Laufen: Ich möchte die Ensembles gern mit einer stilistischen Bandbreite versorgen. Dazu gehört auch neuere Musik – das ist sowohl technisch als auch für die Vorstellung eine Herausforderung. Laienorchester und -chöre davon zu überzeugen, ist nicht immer ganz einfach. Gern möchte ich die Mitglieder aber auch mit den stilistischen Unterschieden des Repertoires vertraut machen. Also nicht nur den Unterschied von Barock und Romantik verdeutlichen, sondern sie in die Lage versetzen, zum Beispiel den Unterschied zwischen französischer, russischer und deutscher Romantik in Spiel und Gesang umzusetzen. Also eine Art kulturelle Bildung. Ebenso wichtig ist mir das Aufeinanderhören – damit der Chor oder das Orchester oder beide zusammen eine Einheit bilden. Das stiftet eine besondere Energie.

Ist das leichter im Chor oder im Orchester zu erreichen?

Laufen: Vielleicht ist es im Chor einfacher, weil die Notwendigkeit der Einheit und die Gemeinsamkeiten der Stimmen eindeutiger sind. Dennoch muss man bei beiden immer wieder daran erinnern. Man merkt sofort am Klang, ob sich die Musiker gerade gegenseitig zuhören oder nur für sich singen oder spielen. Letztlich denke ich im erweiterten kammermusikalischen Sinne, gerade im Orchester. Ich möchte nicht dran ziehen, sondern wünsche mir Eigeninitiative, einen vorgegebenen Puls weiterzutragen, bis sich das Tempo wieder ändert. Vielleicht braucht das ein paar Jahre, bis sich so etwas automatisiert hat. Aber es ist auch für ein Laienensemble möglich.

Ihre Konzert-Feuertaufe haben Sie schon hinter sich…

Laufen: Ja, zum Abschluss des Sommersemesters haben beide Ensembles Brahms „Deutsches Requiem“ aufgeführt. Mit dem Chor sind wir außerdem im Rahmen der Langen Chornacht der Chorbiennale aufgetreten. Dort haben wir mit den Zigeunerliedern von Brahms das Konzertprogramm des vorangegangenen Semesters genutzt. Und am 1. November haben wir noch einmal einige Stücke aus dem Brahms-Requiem im Rahmen der Hospiz-Gala im Theater Aachen aufgeführt. Das Orchester hat dann noch einen kleinen Auftritt mit dem Universitätsorchester aus Prag bestritten. Zuviel darf man auch nicht machen, wenn die Qualität so sein soll, wie nicht nur ich mir das vorstelle, sondern auch die Erwartungen der Ensembles sind.

Wie war denn die Resonanz auf die ersten beiden Auftritte?

Laufen: Die Solisten, die ich von der Hochschule organisiert hatte, waren sehr angetan vom Niveau der Laienensembles. Sie haben es als schöne Chance empfunden. Chor und Orchester waren am Ende mit dem Deutschen Requiem doch sehr glücklich mit der Stückauswahl. Ich fand es wichtig, für den ersten Auftritt ein Stück zu nehmen, das mir selbst sehr vertraut ist. Deshalb haben sich der Chor und das Orchester ganz gut aufgehoben gefühlt, auch wenn es für den Chor ein sehr schwieriges Werk war und vielleicht noch ein paar Proben mehr gutgetan hätten, um sich ganz hineinfallen lassen zu können. Sie mögen auch meinen eher kooperativen Umgang mit Chor und Orchester. Auch wenn die von oben herab agierenden Ensembleleiter wohl zur aussterbenden Gattung gehören, ist dieses andere Selbstverständnis bei mir schon sehr ausgeprägt. Allerdings kann ich im Notfall streng sein. Vielleicht waren einige davon zunächst irritiert.

Wird damit eine Probe sehr unruhig?

Laufen: Nein, das kann durchaus sehr leise sein. Unruhe entsteht eher dann, wenn die Sänger und Musiker einen unruhigen, belastenden, aufregenden Alltag hatten oder noch haben werden.

Was steht bei den nächsten Semesterabschlusskonzerten auf dem Programm?

Laufen: Am 25. und 28. Januar spielt das Orchester in der Aula I der RWTH Antonín Dvoáks 8. Sinfonie – ein sehr heiteres Werk. Dazu spielen wir noch die Ouvertüre zu Wagners „Parsifal“ sowie Bruchs Violinkonzert. Das waren alles Wünsche aus dem Orchester. Der Chor singt Anfang Februar ein Programm, das überwiegend à cappella ist. Es ist sehr bunt – wir haben uns aus allen Epochen außer der Romantik etwas herausgesucht: Bachs Motette „Jesu, meine Freude“, Arvo Pärts „Magnificat“, zwei nette Stücke des Briten Phillip Stopford von 2007 und 2011 sowie „Five Hebrew Love Songs“ von Eric Whitacre. Dieses Programm habe ich selbst zusammengestellt, aber einige haben mir anschließend gesagt, dass sie das schon immer mal singen wollten. Es passt also ganz schön.

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