Radfahrer müssen heute noch zu oft Pfadfinder sein

Von: Kathrin Albrecht
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Aachen. Aachen soll fahrradfreundlicher werden, darum bemüht sich die Stadt seit einigen Jahren. Doch so ganz mag der Funke nicht überspringen.

Das machten auch zwei Zahlen deutlich, die Moderator Jan van den Hurk in seiner Begrüßung vorstellte. 1990 lag der Anteil der Radfahrer am Aachener Straßenverkehr bei zehn Prozent. 21 Jahre später, im Jahr 2011, war der Anteil um einen mageren Prozentpunkt auf elf Prozent gewachsen.

Wie es doch noch gelingen soll, dafür sollte der Vortrag „Radfahren für Umsteiger“ mit anschließender Diskussion Impulse liefern.

Gemeinsam hatten die Stiftung Kathy Beys, die Vereine „Aachen_Fenster“ und Beng sowie der ADFC in das Haus Löwenstein eingeladen. Rund 50 Teilnehmer wollten hören, was Referent Thiemo Graf, Gründer und Inhaber des Instituts für innovative Städte, an Ideen für die Domstadt mitgebracht hatte. Dem gelernten Diplom-Kaufmann gelang es, seinen Zuhörern eine neue Perspektive auf das Thema zu eröffnen.

Wer Menschen für das Radfahren begeistern möchte, muss es zuerst sicherer, einfacher und bequemer machen als das Autofahren in diesem Bereich. Wie das geht, zeigte er an Beispielen aus Fahrradstädten wie Utrecht, Amsterdam oder Kopenhagen. Radwege und Fahrbahnen sind räumlich getrennt, vielfach hat der Radverkehr eigene Wege, Fahrradparkhäuser sind attraktiv fußläufig und auffällig neben Einkaufspassagen angelegt. Und das wichtigste: Jedem Verkehrsteilnehmer erschließt sich sofort, wo sein Weg verläuft. Das sei in Deutschland vielfach anders, moniert Graf. Hierzulande müsse der Radfahrer oft ein Pfadfinder sein, denn die Wegführung erschließe sich nicht auf den ersten Blick.

Schutz- oder Fahrradstreifen seien zwar technisch korrekt, für das persönliche Sicherheitsempfinden jedoch oft zu schmal. Die oft schlechte Radverkehrsinfrastruktur sei nicht nur für die Radfahrer, sondern auch für die Autofahrer ein Problem, denn diese nehmen Radler als Verkehrsteilnehmer kaum wahr. Doch wer Radverkehrsinfrastruktur wirklich fördern möchte, muss mehr tun, als hier und da einen Schutzstreifen auf die Straße zu malen, betonte Graf. Das brauche ein gut durchdachtes Konzept und man müsse auch den Mut haben, an der Stellschraube für die Kfz-Infrastruktur zu drehen und diesen unattraktiver zu machen. Auch hier haben es die Fahrradstädte vorgemacht: Wer im Kopenhagener Innenstadtbereich als Autofahrer nur noch im Schritttempo vorankommt, ist eher bereit, dem Fahrrad eine Chance zu geben, wenn es damit schneller geht. Das brauche aber einen Grundkonsens aller Parteien in der Politik.

„Eigentlich halten Sie den Vortrag vor den falschen Leuten“, merkte ein Besucher in der anschließenden Diskussion an. Er hätte sich gewünscht, dass dieser Vortrag vor Mitgliedern des Rates stattgefunden hätte. Gleichwohl saßen im Publikum durchaus einige Vertreter des Stadtrates und der Verwaltung. Wie könne es denn gelingen, Mehrheiten für ein fahrradfreundliches Aachen zu gewinnen, wo der Widerstand noch immer enorm groß wäre, wollte eine Besucherin wissen. „Einfach anfangen“, war Grafs klare Antwort.

Bürgerschaftliches Engagement könne solche Entscheidungsprozesse voranbringen. So ähnlich sei es auch in vielen niederländischen Städten in den 60er und 70er Jahren gelaufen. Dort gingen Eltern für mehr Verkehrssicherheit auf die Straße, weil vor allem Kinder zu den Unfalltoten zählten. Und auch dort habe es Diskussionen gegeben.

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