Radfahren in Aachen: Kritische Stellen unter die Pedale genommen

Von: Oliver Schmetz
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Der Selbstversuch: AZ-Redakteur Oliver Schmetz hat – ausgestattet mit Mikro und Kamera – das Aachener Radverkehrsnetz getestet. Foto: Michael Jaspers
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Begegnet sind ihm alltägliche Ärgernisse wie kritische Verkehrsführungen am Kapuzinergraben. Foto: Ines Kubat
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Begegnet sind ihm alltägliche Ärgernisse wie kritische Verkehrsführungen am Hansemannplatz. Foto: Ines Kubat
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Begegnet sind ihm alltägliche Ärgernisse wie blockierte Radstreifen. Foto: Ines Kubat

Aachen. Das „Ghost Bike“ gerät sofort in den Blick, wenn man diese Kreuzung ansteuert. Denn es steht immer noch da. Am Anfang der Verkehrsinsel an der Ecke Monheimsallee/Peterstraße erinnert es daran, was für einen fürchterlichen Unfall es an dieser Stelle am Hansemannplatz gegeben hat.

Schon mehr als fünf Wochen ist es her, dass dort eine Radfahrerin bei einer Kollision mit einem Linienbus starb. Doch der Tod der jungen Frau ist immer noch für viele sehr präsent, wirkt immer noch nach. Er hat die Diskussion um die Sicherheit für Radfahrer in Aachen befeuert. Er ist Anlass dafür, dass die AZ am nächsten Donnerstag zu einem großen öffentlichen Forum zum Thema Radfahren in Aachen einlädt.

Und er hat uns in der Redaktion dazu bewogen, Aachens Radwegenetz – und insbesondere die kritischen Stellen – einmal selbst unter die Reifen zu nehmen. Deshalb sitze ich nun im Sattel – mit einem Mikro am Kragen, einer Kamera am Lenker und der filmenden Kollegin Ines Kubat im Begleitfahrzeug hinter mir – und steuere die Unfallstelle an.

Dort führt der Radstreifen von der Monheimsallee geradeaus, wird aber von rechtsabbiegenden Bussen und Autos gekreuzt. Doch diesmal ist kein Bus in Sicht. Nur ein Pkw blockiert den Radstreifen, weil er beim Abbiegen anhalten muss, um Fußgänger passieren zu lassen. Aber das ist kein Problem. Ich kann bremsen, ausweichen, weiterfahren. Am „Ghost Bike“ vorbei.

Es ist nicht so, dass ich für diesen Test ausnahmsweise mal aufs Rad steige. Ich fahre viel Fahrrad in Aachen, fast täglich. Aber wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, wähle ich nicht die Strecken, die ich mir heute vornehme, sondern fahre lieber auf Schleichwegen. Ich bin schließlich nicht lebensmüde. Denn auf vielen Hauptverkehrsstraßen in der Innenstadt ist Radfahren nervig, stressig und gefährlich.

Zum Beispiel auf der Theaterstraße: Kurz hinter dem Theater an der Ecke Borngasse wähnt sich der Radler zwar noch bevorzugt behandelt – sogar eine eigene, ziemlich nutzlose Ampel hat ihm die Stadt dort spendiert. Doch danach wird er alleine gelassen. Nicht einmal für schmale Schutzstreifen reicht es auf der viel befahrenen Verkehrsader. Ähnlich ist es auf der Heinrichsallee, wo in Richtung Hansemannplatz hinter der Einmündung Maxstraße auf sämtliche Sicherheitsmaßnahmen für Radfahrer verzichtet wird.

Wer dort einmal in die Pedale getreten hat, wird seine Kinder nie mehr alleine mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren lassen. Und dann gibt es auch noch Schildbürgerstreiche wie an der Jülicher Straße, wo man ein neues Bushäuschen mitten auf den Radweg gesetzt hat – und die Radfahrer nun entweder ungeschützt auf die Fahrbahn schickt oder auf engstem Bürgersteig mit den Fußgängern konfrontiert.

All solche Dinge führen dazu, dass Radfahren in Aachen eine ziemlich exklusive Angelegenheit ist: Der Anteil des Radverkehrs am Gesamtverkehr beträgt gerade einmal elf Prozent. Zum Vergleich: In Freiburg sind es 34 Prozent. Gleichwohl klopfen sich Politik und Verwaltung gerne gegenseitig auf die Schulter, wie viel sie für den Radverkehr tun. Zum Beispiel erklärte Planungsdezernent Werner Wingenfeld jüngst in der AZ, dieser Radverkehrsanteil sei in den letzten Jahren auf elf Prozent gestiegen – wobei er verschwieg, dass die Steigerung genau ein Prozent ausmachte.

Und das in 20 Jahren. Dabei liefert Wingenfelds Verwaltung selbst auch durchaus negative Zahlen. Zum Beispiel, dass 75 Prozent der Aachener sehr hohen Handlungsbedarf in Sachen Radverkehr sehen. Und dass sich nur 32 Prozent der Radfahrer sicher fühlen. Wer einmal mit dem Rad auf dem Adalbertsteinweg unterwegs war, weiß warum.

Immerhin hat die Politik jetzt einen Grundsatzbeschluss zur Einrichtung von Radvorrangrouten gefasst – gut ausgeschilderte und markierte Schleichwege für Radfahrer abseits der Hauptverkehrsstraßen. Allerdings ist so ein Grundsatzbeschluss billig, und ein Radvorrangnetz ist teuer: Acht Millionen Euro würden die 60 Kilometer in Aachen kosten.

Um mehr Menschen zum Umsteigen aufs Rad zu bewegen, wäre die Investition aber dringend nötig. Denn das zeigt der Selbstversuch: Wer in der Innenstadt Rad fährt, gerät nicht nur wegen Steigungen oder hoher Temperaturen ins Schwitzen. Ein bisschen Angstschweiß ist oft auch dabei. Denn der Nervenkitzel im Sattel ist größer als auf mancher Geisterbahn – auch ohne mahnendes „Ghost Bike“.

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