Rabenschwarzer Tag für die „Weißkittel“

Von: Matthias Hinrichs
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Überdimensionales Stövchen: So wurde das Uniklinikum wegen seiner Architektur zuweilen gern genannt. Vor 20 Jahren wurde aus dem Witz Ernst. In einem der 24 Versorgungsschächte loderte ein gigantisches Feuer, hunderte Patienten mussten evakuiert werden. Foto: Michael Jaspers
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Brandgefährlicher Einsatz: Über drei Stunden benötigte die Feuerwehr am 13. April 1995, um die Flammen im Versorgungsschacht am Trakt C4 in den Griff zu bekommen. Am Ende gab es „nur“ zwei Verletzte. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Ausgerechnet am Gründonnerstag bewegte sich auf den grün getünchten Fluren des größten Krankenhauses der Region rein gar nichts mehr im grünen Bereich. Der 13. April 1995 ist als wohl schwärzester Tag für das Uniklinikum Aachen in die Annalen eingegangen – auch im wörtlichen Sinn.

Stundenlang standen damals – vor fast genau 20 Jahren – turmhohe Rauchschwaden über dem riesigen Gebäudekomplex in Melaten. Bis zu 30 Meter hoch schlugen die Flammen aus einem der 24 Elektroschächte des überdimensionalen Stövchens, wie die Aachener „ihr“ Klinikum aufgrund seiner architektonischen Erscheinung zuweilen genannt haben.

„Großalarm im Aachener Klinikum – 300 Patienten mussten verlegt werden“, titelte die AZ (damals noch AVZ) in ihrer Samstagsausgabe vor Ostern (Karfreitag war wie stets keine Ausgabe erschienen).

Mit „Staubsauger“ ins Desaster

Bilanz eines Tages, der nicht nur ungezählten Mitarbeitern, Patienten und Katastrophenhelfern in Erinnerung geblieben sein dürfte: zwei Verletzte und ein Sachschaden in zweistelliger Millionenhöhe. Ein Monteur trug schwere Brandverletzungen davon, ein Feuerwehrmann erlitt ebenfalls erhebliche Blessuren.

Bittere Ironie der Aachener Zeitgeschichte: Einer der größten Brandeinsätze der lokalen Historie war infolge von Reinigungsarbeiten ausgelöst worden, die im Zuge der Erneuerung des Löschsystems im 1500-Betten-Haus erforderlich geworden waren. So berichtete es der damalige Verwaltungsdirektor Detlef Klimpe sechs Jahre später in einem Beitrag für eine Publikation über spektakuläre „Pannen und Fehlschläge“ im Licht des Kata-strophenschutzes („Ja, mach nur einen Plan“, herausgegeben von Stefan Strohschneider und Rüdiger von der Weth).

Auf dem Dach des Hauses war seinerzeit eine Art riesiger Staubsauger installiert worden, um zunächst asbesthaltige Luft aus den Versorgungsschächten abzusaugen. In der Anlage am Trakt C4 kam es dabei zum Kurzschluss. Der rund 2000 Grad heiße Lichtbogen verursachte ein Feuer, das durch die permanente Sauerstoffzufuhr enorme Nahrung erhielt.

Um 8.24 Uhr schlugen die Alarmsirenen an. Wenig später hatte die Feuerwehr jede verfügbare Kraft und eine Armada an Wagen und Geräten Richtung Pauwelsstraße beordert. Rund 100 Brandschützer waren im Einsatz – und eine schier unüberschaubare Zahl von Reportern und Kamerateams, die sich binnen kürzester Zeit „vor Ort“ eingefunden hatten. Sogar Wissenschaftsministerin Anke Brunn eilte an den Ort des Geschehens. Die Flammen breiteten sich auf alle fünf Stockwerke aus, durchbrachen schließlich das Dach und drohten auf die Flure überzugreifen. Um 11.30 Uhr war das Feuer unter Kontrolle, doch bis in den frühen Abend sollte es für die Krisenmanager keine Atempause geben. In weiten Teilen des Hauses war der Strom ausgefallen, nachdem ein Transformator im Keller explodiert war.

Knapp an Katastrophe vorbei

Medizinische Großgeräte gaben den Geist auf. Ganze Stationen mussten evakuiert werden, sämtliche Operationen wurden abgesagt. Die Blutbank war praktisch lahmgelegt. Die Notfallaufnahme musste geschlossen werden. Drei von letztlich sechs betroffenen Stationen waren noch längere Zeit nicht mehr nutzbar.

In der Tat war das Klinikum nur knapp einer Katastrophe entgangen – auch weil die Noteinsatzpläne, wie Klimpe später bekennen sollte – in der Hektik der Ereignisse letztlich keine entscheidenden Antworten auf die drängendsten Fragen geben konnten. Konsequenz: Heute verfüge das Uniklinikum über ein Krisenteam mit klar definierter Aufgabenteilung, das permanent einsatzbereit sei. Zudem wurden Computersimulationen zum Notfalltraining mit den Mitarbeitern entwickelt.

Offenbar mit Erfolg. Eine wirkliche Feuerprobe hat die – längst erneuerte – Löschanlage seither jedenfalls nicht bestehen müssen.

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