„Pulse of Europe“ will überzeugte Europäer vom Sofa lotsen

Von: Leon Kirschgens
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Setzen weiter auf begeisternde Stimmen für den europäischen Gedanken: Matthias Caspar-Bours (links) und Friedrich Jeschke vom Veranstalterteam für „Pulse of Europe“ freuen sich über die wachsende Resonanz der vergangenen Wochen bei den Kundgebungen in der City. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Aus dem lichten Café des Centre Charlemagne, das die beiden für das Gespräch ausgesucht haben, hat man den gesamten Katschhof im Blick. Hier finden auch die „Pulse-of-Europe-Kundgebungen“ statt. Nur vereinzelt flanieren Spaziergänger über den Platz zwischen Dom und Rathaus.

Am Sonntag aber, so hoffen Matthias Caspar-Bours und Friedrich Jeschke, zwei der Initiatoren der Aachener Kundgebung, werden sich hier wieder viele hundert Menschen versammeln, um Europa eine Stimme zu geben. Bei der vierten Kundgebung am vergangenen Sonntag zählten viele Beobachter und die Stadt bereits rund 2500 Teilnehmer. Im Interview erzählen Matthias Caspar-Bours und Friedrich Jeschke, warum es einmal mehr Zeit ist, für Europa auf die Straße zu gehen und was den Proeuropäer vom Antieuropäer unterscheidet.

Herr Jeschke, Herr Caspar-Bours, keine zwei Jahre ist es her, dass Martin Schulz als Politiker und Karlspreisträger hier dem Katschhof stand und für Europa warb. Jetzt stehen Sie hier oben und verteidigen dieselbe Europäische Union. Ist Aachen die europäische Stadt schlechthin?

Jeschke: So könnte man es sehen. Die Euregio Maas-Rhein mit Aachen im Herzen ist ein Europa in klein: Der Handel verläuft zollfrei, täglich pendeln Tausende zwischen den Nachbarländern, um dort zu arbeiten. Familien sind über die Grenzen hinweg verzweigt, und wir fahren mal eben nach Maastricht zum Shoppen – nur um im Anschluss den Abend in Lüttich ausklingen zu lassen. Europäischer geht’s doch nicht, oder?

Wie haben Sie denn von „Pulse of Europe“ erfahren?

Caspar-Bours: Ich bin bei den Kölner Kundgebungen darauf aufmerksam geworden. Ich habe mir sofort gedacht: „Das muss es in Aachen auch geben.“ Beate Roderburg, Joachim Sina, Fridrich Jeschke und ich haben uns dann bei den Initiatoren in Frankfurt gemeldet. Die haben uns dann zusammengebracht.

Jeschke: Beim ersten Treffen kam die Frage auf: „Hat irgendwer von euch schon mal so etwas ähnliches organisiert?“ Alle schüttelten nur grinsend den Kopf. Das war für alle etwas Neues. Aber es ist ja das Tolle, dass wir als „ganz normale Bürger“ wieder auf die Straße gehen.

Warum finden Sie es das so wichtig? Ich kann ja auch einfach weiterhin mein Häkchen am richtigen Platz auf dem Wahlzettel machen.

Caspar-Bours: Das reicht nicht mehr. Wir waren und sind daran gewöhnt, zu Hause vom Sofa aus die Nachrichten schauend, dass die Politik für uns schon alles regelt und eine Antwort auf den Populismus gibt. Aber der Brexit ist wahr geworden, und mit Frankreich könnte bei den Wahlen im Mai ein europäischer Grundpfeiler wegbrechen.

Dabei sind es jetzt fast drei Generation, die bis heute in Europa friedlich zusammengelebt haben. Vielen scheint das nicht klar zu sein, und sie erachten die Errungenschaften als selbstverständlich. Wollen wir das wirklich leichtfertig gefährden? Besser nicht! Genau das passiert aber gerade. Uns hat das gezeigt: Okay, wir müssen jetzt einfach mal vom Sofa runter auf die Straße!

Jeschke: Das ist, wie unser Aachener Moderator Manfred Kutsch es nennt, eine „Open-Air-Therapie für geschundene europäische Seelen“: Das ist total befreiend und so wichtig.

Es hat aber lange gedauert: Das Brexit-Votum ist mehr als neun Monate her, antieuropäische Parteien sind schon lange nicht mehr wegzudenken. Wieso haben die Proeuropäer so lange geschwiegen?

Caspar-Bours: Weil der Funken fehlte. Wir und viele andere haben schon lange das Gefühl gehabt, dass Europa bröckelt. Jetzt, kurz vor so vielen entscheidenden Wahlen hierzulande und in Frankreich, hat sich die Lage zugespitzt. Als endlich die Ersten in Frankfurt die Initiative ergriffen haben, ist der Damm gebrochen. Über 80 Städte in elf Ländern sind schon dabei. Weitere haben sich schon gemeldet. Und jetzt sind wir so schnell gewachsen, weil die Leute gemerkt haben: Wir sind viele, wir sind laut, und wir sind präsent. Das steckt an, denn die Leute merken: Ich kann mit meiner Anwesenheit doch etwas erreichen.

„Die Leute“? Wen genau spricht die Kundgebung denn an?

Jeschke: In erster Linie all jene, die diese „Therapie“ brauchen und sich ohnmächtig fühlten. Wir wollen aber auch die Unzufriedenen erreichen. Jene, die potenzielle AfD-Wähler sind. Das ist die größte Herausforderung, aber deswegen halten wir unsere Ansprachen sehr allgemein und sind für statt gegen etwas. Es geht darum, proeuropäisch und überhaupt wieder politisch aktiv zu werden.

Mit dem Konflikt um Tihange haben die Aachener ja auch allen Grund, politisch zu sein. Spielen solche lokalen Themen auch eine Rolle?

Caspar-Bours: Dieses streitbare Thema hat bei Pulse of Europe erstmal wenig zu suchen. Zwar ist Tihange ein Musterbeispiel dafür, dass es Themen gibt, die wir nur auf europäischer Ebene lösen können: Es betrifft alle, und als Teil einer Gemeinschaft müssen wir gemeinsam eine Lösung finden. Nichtsdestotrotz kann man auch als überzeugter Europäer für die Atomkraft sein. Damit sind wir wieder in detaillierter politischer Diskussion. Erstmal wollen wir nur den Grundkonsens für ein geeintes Europa zelebrieren, um ein Auseinanderfallen zu verhindern.

Welche Folgen hätte denn eine Renationalisierung Europas für Aachen?

Jeschke: Lokal bekämen wir das an den kleinen Dingen zu spüren: Plötzlich gehen wir nicht mehr sonntags in Belgien einkaufen. Plötzlich stehen wir eine Stunde auf der Autobahn im Stau, um eine belgische „Pommes spezial“ zu essen. Die Fahrradtour zum Dreiländereck wäre auch Vergangenheit. Und sollen wir dann das Eurode-Business-Center abreißen, nur weil es auf der deutsch-niederländischen Grenze steht? Gravierender wären die Folgen für alle Europäer: gemeinsame Standards im Datenschutz gäbe es nicht mehr, der Binnenmarkt bräche zusammen, und die Menschenrechte gerieten in Gefahr. Da käme auf die jetzige Jugend eine schwere Last zu.

Genau diese Jugend aber scheinen Sie nicht zu erreichen. Der Altersdurchschnitt der Demonstranten liegt recht hoch.

Jeschke: Nun, vielleicht müssen wir die Kundgebungen einfach etwas später machen, damit die Jüngeren ihren Rausch vom Vorabend ausschlafen können (lacht). Aber ernsthaft: Mich überraschte es anfangs auch, dass so wenige Schüler und Studenten darunter waren. Am vergangenen Wochenende hatten wir eine Zehnjährige und zwei Schüler – darunter ein Austauschschüler aus Frankreich – am Mikrofon. Ich rufe jeden, ob Schüler, Azubi oder Student, dazu auf mitzumachen. Es geht auch um deren Zukunft und es ist auch deren Stimme, die gehört wird.

Auch wenn der Jugendanteil bescheiden ist, jagt der „europäische Puls“ ja regelrecht in die Höhe: Erst sind’s 200, dann 500 und beim dritten Mal über 900, zuletzt sind nach Schätzung vieler Beobachter etwa 2500 Demonstranten in Aachen gewesen. Bis zur Bundestagswahl sind es allerdings noch einige Monate. Keine Angst, dass bald der Ruhepuls zurückkehrt und Ihnen die Puste ausgeht?

Jeschke: Wir gehen allerdings nicht von 2500 Besuchern aus, wie der OB vor Ort meinte, sondern „nur“ von 1500 Menschen.

Caspar-Bours: Noch denken wir von Woche zu Woche und sind froh, so viele Leute anzusprechen. Das nächste Etappenziel ist der 7. Mai zur Wahl in Frankreich. Super wäre, darüber hinaus bis zur Bundestagswahl durchzuhalten. Selbst wenn der Hype irgendwann nachlässt: Die Leute werden jetzt politisiert und tragen das vielleicht weiter, indem sie sich anderweitig für die europäische Idee engagieren. Ob bei einer NGO oder in einer Partei.

Die Wetterfrösche prophezeien trockene und heitere Stunden für die Kunddgebung am morgigen Sonntag. Wegen des Altstadtflohmarkts auf dem Katschhof findet die diesmal auf dem Markt statt. Glauben Sie, dass die Resonanz weiter wächst?

Jeschke: Ja, ich glaube, dass es durchaus noch mehr Teilnehmer werden können. Auch die Niederländer und die Belgier werden in wachsendem Maße auf uns aufmerksam. Aber natürlich kann man nicht wirklich einschätzen, wie viele Leute sich uns noch anschließen und vor Ort dabei sein wollen.

Apropos Partei: Bei einer der letzten Kundgebungen haben Karl Schult-heis von der SPD und Armin Laschet von der CDU gesprochen. Trotzdem sollen die Kundgebungen überparteilich sein. Wie passt das zusammen?

Jeschke: Wir diskutieren sehr kontrovers, wen wir reden lassen. Erstmal soll jeder ans Mikrofon dürfen. Wir werden aber sicherlich nicht regelmäßig Politiker zu Wort kommen lassen. Es geht bei den Kundgebungen darum zu zeigen, dass wir die proeuropäischen Parteien und Politiker unterstützen. Wir werden genau hinschauen, dass die Kundgebungen keine Wahlkampfbühnen werden.

Die Gefahr, dass sich Politiker die Kundgebungen zu eigen machen, besteht also?

Jeschke: Ja, sie besteht. Es ist und bleibt eine Gratwanderung. Wenn ein Politiker spricht, kündigen wir das ausdrücklich an. Zunächst einmal schenken wir den Politikern das Vertrauen, keinen Parteiwahlkampf zu veranstalten.

Die Besucher schenken Ihnen Vertrauen und spenden Geld, wozu Sie bisher bei jeder Veranstaltung aufgerufen haben. Was geschieht mit dem Geld?

Jeschke: Die Aachener haben ziemlich fleißig gespendet. Wir nutzen das Geld, um es in die Kundgebung zu investieren. Es fallen Kosten für die Technik, Flyer, Fähnchen und andere Dinge an.

Es gibt auch kritische Stimmen. Der Publizist Albrecht Müller behauptet, dass sich bei den Kundgebungen größtenteils die Nutznießer der EU einfänden und die wahren Probleme, zum Beispiel die soziale Lage, nicht angesprochen würden. Ist da etwas dran?

Jeschke: Ich widerspreche der Behauptung, wir würden keine Kritik ansprechen. Uns allen ist klar, dass man noch an vielen Schrauben der EU drehen kann und muss. Das sagen wir auch, wir sind ja keine EU-Romantiker. Aber das ändert nichts an unserer Einstellung, dass es um einen positiven Grundkonsens geht.

Caspar-Bours: Gerade weil wir so allgemein bleiben, sind wir so erfolgreich: Wir haben etwas gefunden, das alle verbindet.

Reicht denn dieser Minimalkonsens, Hauptsache pro EU zu sein?

Jeschke: Absolut nicht! Es muss auch eine demokratische Debatte um einzelne Themen geführt werden. Die Kundgebungen sensibilisieren und haben nun einen ersten Impuls ausgelöst, der weitergetragen werden muss. Ob und wie das auch bei Pulse of Europe geschehen wird, diskutieren wir derzeit.

Noch geschieht dies nicht, und so ist es bei den antieuropäischen Demonstranten auch. Denen wird bisweilen vorgeworfen, unter sich zu bleiben und Argumente nicht an sich heranzulassen. Messen Sie hier nicht mit zweierlei Maß?

Jeschke: Uns unterscheidet von den meisten antieuropäischen Demonstranten, dass es bei uns eine offene Diskussionskultur gibt. Bei uns darf jeder ans Mikrofon. Auch jene, die Kritik äußern – solange sie konstruktiv ist! Mich dagegen würde man vermutlich bei Pegida-Demos nicht auf die Bühne lassen.

Trotzdem bleiben Gleichgesinnte unter Gleichgesinnten – auch bei den Pro-Europäern.

Caspar-Bours: Das ist doch auch Sinn der Sache. Wir werden nur hörbar, wenn wir viele sind, die für eine Sache einstehen. Trotzdem bleiben wir für den Dialog offen. Ich sehe nicht, wo die Demos dies verhindern sollten.

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