„Pulse of Europe“: Und es wächst und wächst und wächst

Von: Rolf Hohl und Stephan Mohne
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Es werden immer mehr: Zur vierten Auflage von „Pulse of Europe“ kamen nach städtischen Schätzungen gestern schon bis zu 2500 Menschen auf den Katschhof. Vor vier Wochen hatte alles mit 300 Europa-Sympathisanten begonnen. Der Zulauf ist enorm. Foto: Andreas Steindl
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Volksfestcharakter: Zum Abschluss gibt es eine Menschenkette zur Europahymne, in die sich auch OB Marcel Philipp einreihte. Er kritisierte am Sonntag auch die eigenen Parteifreunde in Sachen Maut-Gesetz.

Aachen. Mit rund 300 Teilnehmern fing vor gerade einmal einem Monat alles an. Dann kamen 500, dann 900. Und am Sonntag, beim vierten Zusammentreffen auf dem Aachener Katschhof waren es nach städtischer Schätzung unter der strahlenden Frühlingssonne schon sage und schreibe 2500!

Wer hätte das angesichts der Europaskepsis und der Europamüdigkeit gedacht: Die Bewegung „Pulse of Europe“ nimmt in der Europastadt geradezu Volksfestcharakter an. Da werden völlig frei und ohne Rednerliste Statements für Europa gehalten, da wird gesungen, da ziehen Menschenketten über den historischen Platz zwischen Dom und Rathaus. Da wandet man sich in blaue Europafahnen, da gibt es tausende Europaluftballons, da kommen ganze Familien mit dem Nachwuchs – und da sieht man Menschen verschiedenster Herkunft.

So tönte am Sonntag denn auch „Happy Birthday, Europa!“ über den Katschhof. Bei der vierten „Pule of Europe“-Kundgebung feierten die vielen Teilnehmer den 60. Geburtstag der Europäischen Union und ihrer Vorgängerinstitutionen. In den kurzen Ansprachen, bei denen sich traditionell jeder zu Wort melden kann, standen diesmal die bevorstehenden Wahlen in Frankreich und die Pkw-Maut der Bundesregierung im Mittelpunkt, gegen die es gerade in Nordrhein-Westfalen und speziell in Aachen mit seiner Lage an den eigentlich nicht mehr vorhandenen Grenzen sehr viel Widerstand gibt.

Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU), der am Sonntag zum ersten Mal bei den sonntäglichen Veranstaltungen redete, sparte dabei nicht mit Kritik an seinen Parteikollegen, welche die „uneuropäische“ Maut mitgetragen hätten. „Ich habe mich oft gefragt, wie man den kommenden Generationen die Bedeutung von Europa klarmachen kann. Aber die Abstimmung in Großbritannien und Veranstaltungen wie diese hier zeigen: Es sind die jungen Menschen, die Europa voranbringen“, sagte er. Nach dem britischen Referendum sei deutlich geworden, dass die jungen Leute mehrheitlich für den Verbleib des Landes in der Union gestimmt hatten.

Andere Redner sahen das europäische Projekt vor allem als Gegenentwicklung zum wachsenden Egoismus in den Vereinigten Staaten oder eben in Großbritannien. Kritisiert wurden jedoch die noch immer hohen Agrarsubventionen und die manchmal fehlende Teilhabe an den Entscheidungsprozessen in der Europäischen Union. Insgesamt überwog aber der positive Tenor, Europa gemeinsam weiterzuentwickeln, „auf den Werten, für die die sechs Gründerstaaten vor 60 Jahren den Grundstein legten“, wie Mitorganisator Joachim Sina sagte.

Am 25. März 1957 gründeten Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande und Deutschland mit der Unterzeichnung der sogenannten Römischen Verträge die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Diese wurde 1965 schließlich zu den Europäischen Gemeinschaften und 1992 mit der zeitgleichen Einführung des Binnenmarkts zur Europäischen Union mit ihren Institutionen. Auch schickten die Teilnehmer einen Gruß an Europas äußersten Rand – nach Bulgarien. Das Land ist seit zehn Jahren Mitglied in der Europäischen Union und wählte am Sonntag ein neues Parlament.

Aufgrund der wöchentlich stark steigenden Besucherzahlen bei „Pulse of Europe“ wird nun auch vermehrt die Frage nach einem Sicherheitskonzept aufkommen. Bereits am Sonntag  waren einige Freiwillige als Ordner unterwegs, um den bisher immer friedlichen Verlauf der Veranstaltung zu gewährleisten. Dass nun ein umfassendes Sicherheitskonzept her muss, glaubt Stadtsprecher Bernd Büttgens auf Nachfrage unserer Zeitung vorerst allerdings nicht. Gleichwohl werde man natürlich ein Auge darauf haben, in welche Dimensionen „Pulse of Europe“ noch weiter wächst. „Das werden wir dann mit den Organisatoren besprechen, mit denen man hervorragend zusammenarbeiten kann“, lobte Büttgens. Und fasst das Rekordzusammentreffen für sich so zusammen: „Das ist einfach unglaublich.“

In der kommenden Woche wird übrigens der Standort gewechselt. Dann zieht „Pulse of Europe“ ausnahmsweise zum Marktplatz – also ins Blickfeld des großen Karl – um. Wer will, kann dann das Zeichen der Solidarität auch noch mit einem Besuch auf dem Altstadtflohmarkt verbinden. Denn der wird zeitgleich den Katschhof in Beschlag nehmen. Nur den eigentlich für diesen Tag geplanten Shopping-Sonntag wird man sich sparen müssen, denn der ist bekanntlich nach der gewerkschaftlichen Klageandrohung gekippt worden.

Was allerdings eher untypisch für Europa ist.

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