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Projekt „Zeelink“: Verdichteter Ärger über riesigen Gasturbo

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
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gasmja9 20.04.2016 Geplante Gasverdichtungsstation Verlautenheide

Aachen. Die Fläche, die benötigt wird, ist annähernd so groß wie das gesamte neue Gewerbegebiet Camp Pirotte in Brand. Allerdings soll auf ihr nur eine einzige, dafür aber riesige Anlage gebaut werden.

Die Rede ist von einer neuen Verdichterstation für Erdgas. Sie soll im Aachener Bereich im Zuge des Pipeline-Projekts „Zeelink“ aus dem Boden gestampft werden. Die Pipeline soll in einem ersten Abschnitt von Eynatten in Belgien über Aachen, Stolberg und weitere Gebiete bis zum Niederrhein führen.

Bauherr ist das Essener Energieunternehmen „Open Grid Europe“ (OGE), das bereits ein Leitungsnetz von 12.000 Kilometern Länge betreibt. 550 Millionen Euro sollen investiert werden, die Verdichterstation alleine wird laut OGE-Sprecher Helmut Roloff mit 142 Millionen Euro kalkuliert. Grund für den Bau: Das in einigen Landesteilen noch genutzte sogenannte L-Gas geht in absehbarer Zeit zur Neige und soll durch H-Gas ersetzt werden.

Dazu muss eine Leitung in die entsprechenden Gebiete her. Gegenüber der Stadt hat OGE dem Vernehmen nach einen Flächenbedarf von 100.000 Quadratmetern für die Verdichterstation angegeben. Roloff sagte auf Anfrage unserer Zeitung, die Größenordnung könne man nicht bestätigen. Andere Zahlen nennt er aber auch nicht.

„Massiver Widerstand“

Die Verdichterstation, die mit ihren Röhren und Türmen optisch an eine Chemieproduktion erinnert, sorgt für die nötige Beschleunigung des Gases. Denn beim Transport wird es – kurz gesagt – durch Druckverluste langsamer. Turboverdichter, im Aachener Fall elektrisch angetrieben, wirken dem entgegen. In Aachen sollen drei dieser Einheiten entstehen. Genau darum gibt es bereits im Vorfeld der entsprechenden Genehmigungsverfahren mächtig Ärger.

Offen zutage getreten ist er bereits in der Haarener Bezirksvertretung, die nächste Woche erneut darüber beraten wird. Denn der nach AZ-Informationen von OGE ins Auge gefasste mögliche Standort für die riesige Anlage liegt in Verlautenheide. Genauer gesagt am Ortsausgang zwischen Autobahn 44, Würselener Wald und Verlautenheidener Straße, wo heute noch weite freie Flächen sind. Was sich beim Bau der Anlage drastisch ändern würde. Haarens Bezirksbürgermeister Ferdinand Corsten sagt: „Wir werden massiven Widerstand leisten.“ Es könne nicht angehen, dass alles immer wieder „in den ohnehin hochbelasteten Stadtteil Haaren/Verlautenheide gelegt wird“.

Auch bei der Stadt ist man offenkundig nicht gerade glücklich über einen solchen Standort. Dezernent Werner Wingenfeld sagt, dass erste Gespräche zwar konstruktiv, „aber von unterschiedlichen Auffassungen geprägt“ gewesen seien. Dem Vernehmen nach sind die Auffassungen sehr unterschiedlich. Wingenfeld erläutert, dass bei solch großen Bauvorhaben im Außenbereich „Landwirtschaft, Erholung und Naturschutz im Fokus“ stünden. „Insofern ist ein solches Vorhaben immer kritisch zu betrachten“, so der Dezernent.

Gleichzeitig müsse man aber die Versorgungssicherheit im Auge haben. Wingenfeld: „Gleichzeitig hat die Stadt Aachen ein eigenes Interesse und die Verpflichtung, die für ihre Bürger notwendige Infrastruktur nicht unangemessen zu behindern.“ Und so hat die Stadt OGE nach AZ-Informationen als Alternative die seit langem brachliegenden Flächen im ehemaligen Camp Hitfeld nahegelegt. Wingenfeld bestätigt das. Für diese Variante spreche einiges. Der Bund als Eigentümer sucht überdies seit langem einen Käufer.

In der Wasserschutzzone

Die von OGE ins Auge gefassten Flächen in Verlautenheide sind hingegen zum Großteil städtisch. Und sie sind nicht unproblematisch: Sie liegen in der Wasserschutzzone III des nahegelegenen Wasserwerks „Reichswald“. Laut Roloff werde durch den Bau von „Elektroverdichtern“ der „Einsatz von wassergefährdenden Stoffen auf ein Minimum begrenzt“. Apropos: Bei der großen „Antragskonferenz“ zum Pipelinebau im Juni 2015 mit Vertretern von Städten, Bezirksregierung und OGE war die Verdichterstation auch schon Thema.

Ein Vertreter der Stadt Krefeld stellte laut Protokoll fest, dass diese „betriebsbedingte Wirkung Erschütterungen, Erwärmung oder Lärm“ verursache. Ein OGE-Vertreter habe daraufhin zugestimmt, dass „betriebsbedingte Wirkungen tatsächlich zu erwarten“ seien. Das werde im gesonderten Genehmigungsverfahren thematisiert. Roloff sagte am Mittwoch, die Emissionen seien, ebenfalls wegen der „Elektroverdichter“, gering.

Wenige Meter vom möglichen neuen Standort entfernt – genau an der Stolberg-Aachener Stadtgrenze – steht bereits eine OGE-Verdichterstation für die „Trans-European Natural Gas Pipeline“. Die aber kann für die neue Röhre laut Roloff nicht genutzt werden.

Zeitplan „ambitioniert“

Eine große Rolle spielt auch die Zeit. Im März 2021 muss die Pipeline und damit auch die Verdichterstation in Betrieb gehen. Das ist laut Roloff im „Netzentwicklungsplan Gas“ festgeschrieben. Selbst OGE bezeichnet das als „ambitioniert“ – und eine Standortentscheidung wird mithin bald fallen müssen. Übrigens: Sollte OGE an Verlautenheide festhalten wollen, die Stadt sich aber querstellen, wäre sogar ein Enteignungsverfahren möglich. Hinter vorgehaltener Hand heißt es bei der Stadt: „Da steckt jede Menge Zündstoff drin.“ Nicht nur, weil es um Gas geht.

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