Projekt „Zeelink“: Pipeline-Planer denken doch noch um

Von: Stephan Mohne
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Aachen. Wer Pipelines baut, stößt nicht selten auf Kritik. Weil beim Bau manchmal Gebiete und Landschaften in Mitleidenschaft gezogen und quasi „durchschnitten“ werden. Mit derlei Kritik kennen sich die Unternehmen aus. In Aachen ist aus Kritik allerdings schon fast Widerstand geworden – zunächst seitens der Verwaltung und der Politik.

Aber auch aus der Bevölkerung wäre massiver Protest zu erwarten, wenn die aktuellen Pläne so umgesetzt würden, wie das zumindest angedacht ist. Es geht dabei um das „Zeelink“-Projekt des Essener Konzerns „Open Grid Europe“ (OGE, früher die Gassparte von E.ON). Diese Pipeline soll von Belgien kommend bis zum Niederrhein und dann ins Münsterland führen. Sie ist laut Bundesnetzplan für die Versorgungssicherheit unentbehrlich. Und der Verlauf führt zwingend durchs Aachener Stadtgebiet.

Die Frage ist nur: wie und wo? OGE hatte bislang zwei Streckenvarianten ins derzeit bei der Bezirksregierung laufende „Raumordnungsverfahren“ – in diesem wird der grobe Korridor des späteren Trassenverlaufs festgezurrt – eingebracht. Diese beiden Varianten sind für die Stadt wie Pest und Cholera. Denn die erste und bevorzugte führt durch die Brander Naturschutzgebiete, mitten durch den Westwall, durch Wasserschutzgebiete und, und, und.

Alte RWE-Trasse

Die andere, viel längere, führt um die Stadt herum Richtung Laurensberg – und dabei kilometerlang durch den Aachener Wald. Abertausende Bäume müssten dafür fallen. Eine dritte, von der Stadt genannte und viel kürzere Alternative an der Autobahn 44 entlang Richtung Verlautenheide wurde dagegen nicht ins Verfahren eingebracht. Zunächst. Doch jetzt hat bei den Pipeline-Planern offenbar ein Umdenken stattgefunden.

Denn plötzlich will man diese Alternative doch noch prüfen. Durchaus möglich, dass OGE nach dem protestreichen Start des Verfahrens doch den zu erwartenden erheblichen Widerstand scheut. Dieser Widerstand hatte bereits verhindert, dass in Verlautenheide nahe dem Reichswald eine riesige Verdichterstation für die Pipeline gebaut wird. Mit diesem Bau ist OGE mittlerweile in die Nachbarschaft nach Würselen abgewandert, wo dem Ansinnen denn auch stattgegeben wurde. Und jetzt also auch noch die Pipeline-Trasse. Vielleicht hat OGE auch ins Jahr 2008 zurückgeblickt. Damals nämlich wollte RWE eine Pipeline bauen und scheiterte mit dem ebenfalls bevorzugten Verlauf durch die Naturschutzgebiete am Aachener Widerstand.

„Rechte“ gibt es doch nicht

Die Bezirksregierung legte seinerzeit besagte Alternative an der Autobahn als Trasse fest. Die Pipeline wurde dann aber nie gebaut.

Bei einem Gespräch in der AZ-Redaktion im Juni bekundeten OGE-Verantwortliche, man könne über diese Trasse nicht verfügen, schließlich habe RWE die „Rechte“ daran längst an das belgische Unternehmen „Fluxys“ verkauft. Damals war die Rede von „ersten Gesprächen“ zu einer Übernahme der „Rechte“ und von möglichen „Ablösesummen“ im Millionenbereich. Ohne diese Ex-RWE-Trasse wurde die Variante als „technisch nicht machbar“ eingestuft, weil dort bereits Pipelines verlaufen und dort auch noch eine neue Stromtrasse geplant ist.

Heute klingt das jedoch alles etwas anders. Es gebe nämlich so gesehen gar keine „Rechte, die wir einem anderen Fernleitungsnetzbetreiber hätten abkaufen können“, sagt OGE-Sprecher Helmut Roloff. Vielmehr sei es wohl so, dass die damals von anderen geplanten Projekte in dem 600 Meter breiten Korridor „offenbar nicht realisiert werden und deren Planungen nicht zum Tragen kommen“. Die Projekte seien damals „nur auf Raumverträglichkeit geprüft worden und nicht auf Baubarkeit“.

Erstmal verworfen

2008 jedenfalls sei die Trasse entlang der A44 als mit den Zielen der Raumordnung vereinbar eingestuft worden. Überraschend ist vor dem Hintergrund der ersten Bekundungen folgende Aussage: „Wir hatten diese Trassenvariante im Rahmen einer Grobabschichtung zu Beginn des Zeelink-Projektes bereits geprüft und aufgrund der zahlreichen technischen und genehmigungsrechtlichen Hindernisse verworfen“, sagt Roloff. Wurde hier wegen des hohen Aufwandes (auch an Geld) also eine verträglichere Variante einer anderen mitten durch die Natur geopfert? Fakt ist: „Nun werden wir diese Trasse als weitere Variante in unser Raumordnungsverfahren aufnehmen und noch einmal in einer detaillierteren Tiefe prüfen“, erläutert Roloff.

Womit wir wieder beim Widerstand wären: Der nämlich könnte – inklusive durchaus möglicher Klagen – viel Zeit kosten. Und die hat OGE nicht: Die „Zeelink“-Pipeline muss wegen besagter Versorgungssicherheit mit dem sogenannten H-Gas zwingend im Frühjahr 2021 in Betrieb gehen. Im Spätherbst wird die Bezirksregierung eine Entscheidung im Raumordnungsverfahren treffen. Dann steht der grobe Korridor fest. Im kommenden Jahr geht es dann ins Planfeststellungsverfahren. Dann steht auch der genaue Verlauf von „Zeelink“ fest. Im Rahmen dessen wird es auch weitere Beteiligungsmöglichkeiten geben.

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