Projekt Herausforderung: Mit 150 Euro im Gepäck auf Tour

Von: Annika Kasties
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Viele Fragen, viele Antworten: Farina (v.l.), Vanessa, Xenia und Lena führte ihre Herausforderung 2016 nach Holland. Für Zeynep (v.r.), Finja und Emmanuel geht es im September los. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Die Salbe für den Po steht ganz oben auf der Liste. Dicht gefolgt von einer ganzen Hand voll 50-Cent-Stücke, besser noch: zwei Händen. „Wenn man in Holland mit dem Fahrrad unterwegs ist, braucht man die an jeder Ecke“, sagt Vanessa – zum Duschen.

Im vergangenen Jahr musste sie immer wieder Geld wechseln, und das auf vom stundenlangen Fahrradfahren wunden Gesäß. Das sollte man bei der Reisevorbereitung unbedingt beachten, rät die Zehntklässlerin. Drei Wochen lang war sie mit vier Schulkameraden im Nachbarland unterwegs – den suchenden Blick stets auf die nächste öffentliche Dusche gerichtet.

Für schicke Hotels reichte das kleine Budget von jeweils 150 Euro nicht aus. Schließlich sollte die Abenteuerfahrt für die Schüler eine Herausforderung sein.Dieser stellen sich an der 4. städtischen Gesamtschule im Spätsommer erneut insgesamt 108 Neuntklässler.

Das Projekt Herausforderung geht in die zweite Runde. Mit der Aktion hatte die Gesamtschule im vergangen Jahr weit über die Stadtgrenzen hinaus für Aufsehen gesorgt. Ein „Praktikum am Leben“ nennt Margret Lensges, die die Herausforderung vergangenes Jahr koordinierte, die Aktion. „Es ist wie eine Lernstandserhebung in der 9. Klasse zu Kompetenzen, die sonst nicht abgefragt werden.“

Selbstständigkeit und Eigenverantwortung stehen somit auf dem Stundenplan, wenn die 14- und 15-jährigen Jungen und Mädchen in 19 Kleingruppen auch dieses Jahr 17 Tage lang unterwegs sein werden, einige zu Fuß, die meisten mit dem Rad. Keine Lehrer, keine Eltern, nur 150 Euro im Gepäck. Begleitet werden sie dabei von Lehramtsstudenten der RWTH und Studenten des Studiengangs Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule. Darüber hinaus erarbeitet das Lehrerkollegium einen 24-Stunden-Notfallplan – als Sicherheitsnetz sozusagen, das aber nur im Notfall aufgespannt werden soll.

Seit Januar laufen die Vorbereitungen. Bis zu den Osterferien mussten sich die Schüler zu Kleingruppen zusammenfinden. Auch die Ziele stehen mittlerweile zum größten Teil fest, sagte am Donnerstag Torsten Stahlmann, der die Koordination des Projekts von Lensges übernommen hat. Das Reiseziel suchen sich die Schüler nämlich selbst aus. Dieses Jahr stehe Hamburg ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Auch Amsterdam und die niederländische Küste werden von den Schülern angesteuert. Einen Radius von 500 Kilometern dürfen sie dabei nicht überschreiten. Schließlich müssten sie für die Lehrer erreichbar bleiben, erklärt Lensges.

Nicht nach Holland, sondern nach England geht es für Zeynep und Finja. Die 14-Jährigen wollen mit dem Rad den Süden der Insel erkunden, mit fünf Mitschülern und zwei studentischen Begleitern. Vanessas Tipp mit der Salbe ist für sie also Gold wert. Denn wirklich viel Fahrrad gefahren seien sie bislang noch nicht, räumt Zeynep ein. „Aber wir wollen demnächst eine Tour machen.“ Als größte Herausforderung sieht sie die Sprache.

Weil die Überfahrt mit dem Zug nach England das Budget von 150 Euro deutlich überschreiten wird, sind sie bereits in Vorleistung gegangen: Mit dem Verkauf von Waffeln in der Schulpause haben sie das Taschengeld schon ordentlich aufgebessert. Weil den Schülern das Ziel so wichtig war, hätte die Schule bei den Regularien eine Ausnahme gemacht, erklärte Stahlmann.

Einen etwas anderen Weg als seine Mitschüler geht auch Emmanuel. Er ist einer der wenigen Schüler, die sich ihrer Herausforderung nicht in der Gruppe, sondern als Einzelperson stellen werden. Wandern und Radfahren sei nicht so sein Ding, erzählt der 14-Jährige. Deshalb werde er die drei Wochen in einem Basketballinternat in Paderborn verbringen.

Rund 500 E-Mails hätten er und seine Mutter geschrieben, bis er endlich die Zusage erhalten habe. „Ich war noch nie drei Wochen von Zuhause weg, schon gar nicht in einem Internat“, sagt er. Dort werde er aber nicht nur auf dem Basketballplatz an seine Grenzen gehen müssen. Sondern zudem noch abends in der Küche aushelfen. Ein Basketballinternat sei schließlich normalerweise nicht für 150 Euro zu haben, auch nicht für drei Wochen.

Ein Abenteuer wird das nicht nur für Zeynep, Finja und Emmanuel. Schulleiter Hanno Bennemann erwartet, dass er auch dieses Jahr die Verantwortung dafür trägt, das alles glatt läuft. Die Aktion ist von der Schulaufsicht bislang nämlich nicht offiziell genehmigt worden. „Man muss sich darum bemühen, das Projekt auf sichere Beine zu stellen, damit auch andere Schulen so etwas Gutes machen können“, sagt er. Schließlich seien Schulen aus dem ganzen Land daran interessiert, das Projekt ebenfalls umzusetzen.

Billig ist die Aktion übrigens nicht. Gut 10.000 Euro muss die Gesamtschule berappen, um ihren Schülern Erfahrungen zu ermöglichen, von denen sie vermutlich noch viele Jahre lang zehren werden. Schließlich kommt die Schule für die Ausbildung aller Begleiter – die Jugendleiter-Ausbildung (Juleica) und Erste-Hilfe-Kurse – auf. Dazu kommen die Telefonkosten. Ermöglicht werde dies zum Großteil über Spenden. Das Taschengeld von 150 Euro zahlen die Eltern. Und mit einem Kostenplan, den die Schüler selbst erstellen, bleibt so auch hoffentlich noch genug finanzieller Spielraum für eine heilende Salbe für den Po.

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