Prodia-Kolping-Werkstat: Rückkehr zur Arbeit steigert Selbstwert

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Sie sind vom Prodia-Konzept überzeugt: Inge Henn-Schiffer (links), Norbert Schwertfeger und Hedwig Abramowicz. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Eine Einfahrt zwischen zwei Wohnhäusern führt zur Prodia-Kolping-Werkstatt in Brand. Hier ist die Keimzelle der Werkstatt für Menschen mit psychischer Behinderung, die mittlerweile auch in Rothe Erde auf dem ehemaligen Philips-Gelände eine deutlich größere Betriebsstätte hat.

Vor 20 Jahren begann die Prodia gGmbH ihre Arbeit mit vier psychisch behinderten Erwachsenen, bald darauf folgten der Umzug und eine deutliche Erweiterung der Werkstattplatz-Zahlen. Mittlerweile arbeiten die meisten der rund 200 Mitarbeiter und knapp 40 Angestellten am Standort Rothe Erde auf dem ehemaligen Philips-Gelände. Aber: „Unser Standort in Brand ist uns sehr wichtig“, erläutert Prodia-Geschäftsführer Norbert Schwertfeger. Hier wird am Samstag, 20. Juni, ab 13 Uhr auch das 20-jährige Bestehen mit einem bunten Fest, bei dem sich alle Arbeitsbereiche präsentieren, gefeiert.

Familiär und unauffällig

„In Brand ist die Werkstatt übersichtlich, familiär und recht unauffällig in einem Mischgebiet aus Wohnbebauung und Gewerbe gelegen“, so Schwertfeger weiter. Denn obwohl Depressionen mittlerweile fast zu einer Volkskrankheit geworden sind, ist die gesellschaftliche Akzeptanz von psychischen Erkrankungen oder Behinderungen nach wie vor eingeschränkt. „Es gibt einige Mitarbeiter, die zuhause lieber verschweigen, dass sie in einer Werkstatt für Menschen mit psychischer Behinderung arbeiten“, bestätigt Inge Henn-Schiffer, sie hat die pädagogische Leitung bei Prodia.

Dabei haben auch Menschen mit dieser Behinderung ein Anrecht auf Teilhabe an der Gesellschaft und ganz speziell am Arbeitsleben. Den Anforderungen des so genannten ersten Arbeitsmarkts werden sie aber gerade nicht oder nicht mehr gerecht. So wie Andrea Schneiders. Sie war lange als Arzthelferin tätig und will in diesem Bereich irgendwann auch gerne wieder arbeiten. Seit fünf Jahren ist sie in der Handweberei von Prodia beschäftigt, seit 2013 engagiert sie sich im Werkstattrat. Ihr hilft die Arbeit in der Weberei, „meine Grenzen kennen zu lernen und die Gedanken bei mir zu halten“, sagt sie. Als stellvertretende Vorsitzende des Werkstattrates muss sie auch mal Konflikte mit der Geschäftsleitung ausfechten, „wie jede gute Gewerkschaft“. Ihr nächster Schritt ist ein Verwaltungspraktikum, um ihre Kommunikationsfähigkeiten weiter zu trainieren.

„Rückgewinnung von Selbstwert durch die Rückkehr in den Arbeitsprozess und in die arbeitende Produktivität“, ist für Dr. Frank Bergmann, erster Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte, ein wesentlicher Effekt von Arbeit für Menschen mit psychischer Behinderung. Andersherum werde der drohende Verlust von Arbeit und Beruf als bedrohlich und kränkend empfunden.

Bezüge nicht sprengen

„Sehr viele Menschen schaffen nach einer Behandlung ihrer psychischen Erkrankung die Rückkehr auf ihren bisherigen Arbeitsplatz. Manchmal ist die mit der Erkrankung einhergehende Persönlichkeitsveränderung aber so stark, dass alle sozialen Bezüge gesprengt wurden“, erklärt Schwertfeger. „Dann kann ein Neustart in einer Werkstatt sinnvoll sein.“

Das heißt nicht, dass der Mitarbeiter zukünftig von der Welt abgeschlossen vor sich hin werkelt. Im Gegenteil: Auch wenn für einige die Werkstatt zum Dauerarbeitsplatz wird, ein wesentliches Ziel ist die (Wieder-)Eingliederung in den regulären Arbeitsmarkt – hauptsächlich durch Arbeit, aber auch durch Gespräche und ein umfangreiches Zusatzangebot wie Entspannungstechniken, Sport, Trainings in Kommunikation, Kritikfähigkeit und Selbstwertgefühl. „Wir haben erst seit einigen Jahren 200 Werkstatt-Arbeitsplätze, hatten aber bereits 550 Mitarbeiter“, sieht Schwertfeger die geforderte Durchlässigkeit durchaus umgesetzt. Nicht umsonst heißen die Mitarbeiter über zwei Jahre lang Rehabilitanden.

Zehn Prozent der Prodia-Mitarbeiter stehen tatsächlich täglich ihren Mann oder ihre Frau in ganz normalen Unternehmen – auf so genannten betriebsintegrierten Arbeitsplätzen.

„Die Betriebe, die diese Arbeitsplätze anbieten, machen überwiegend positive Erfahrungen mit unseren Mitarbeitern. Auch wenn sie nicht extrem produktiv sein können, wirken sie oft positiv auf das Betriebsklima und sind zudem hochmotiviert, weil sie diese Stelle als echte Chance begreifen“, sagt Henn-Schiffer. Schwertfeger ergänzt: „Aber für manchen wird Prodia eben doch zur Heimat. Letztlich ist es die Entscheidung des Mitarbeiters.“

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