Problemrevier Bahnhofsplatz: „Mit dem Umbau fing es an“

Von: Stephan Mohne
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„Die Zustände sind unerträglich“: Salvatore Tucconi betreibt seit 44 Jahren sein Restaurant. Seit dem Umbau des Bahnhofplatzes hat er mit den unschönen Auswüchsen der „Trinker-Szene“ zu tun, die sich dort trifft. Das Ordnungsamt muss in unschöner Regelmäßigkeit vor Ort eingreifen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Schwer torkelnd nähert sich der Mann einem Haus an der Leydelstraße, öffnet die Hose und uriniert an die Wand. Er zieht die Hose ganz herunter, setzt sich auf den Bürgersteig, um seine Notdurft zu verrichten, steht wieder auf und dreht sich nackt um.

Auf der anderen Straßenseite sitzen bei bestem Wetter mehrere Gäste auf der Außenterrasse von Salvatore Tucconi – darunter Kinder. Die Szene erlebt einen weiteren unschönen Höhepunkt. Vom benachbarten Bahnhofplatz stürmt ein ebenfalls offenbar nicht ganz nüchterner Mann auf den Betrunkenen zu und schlägt ihn mit voller Wucht brutal nieder.

Der Mann bleibt mit heruntergezogener Hose auf dem Boden liegen. Tucconi tut das, was er mittlerweile ständig tut: Er ruft das Ordnungsamt. Mehrere Ordnungshüter tauchen kurze Zeit später auf und kümmern sich um den doch recht hilflos wirkenden Mann. Von Zeugen darauf hingewiesen, dass der Schläger auch eine gewisse Schuld trage, sagt eine Ordnungsamtsmitarbeiterin: „Die sind hier irgendwie alle Schuld.“

Es klingt einigermaßen resigniert. An diesem Punkt ist Salvatore Tucconi schon lange. Der 68-Jährige kam mit 17 nach Aachen. Im Mai 1972 eröffnete er sein Restaurant „Da Salvatore“, vor ein paar Jahren kam die benachbarte Pizzeria „La Stazione“ dazu, zudem wohnt er in dem Gebäude. 44 Jahre, eine ereignisreiche Zeit. Aber was sich heute in den Sommermonaten am Bahnhofplatz abspiele, das habe es früher nicht gegeben.

Da sei es dort friedlich gewesen. Jetzt aber trifft sich die „Trinker-Szene“ täglich an den Sitzbänken. „Es ist unerträglich“, sagt Tucconi. Nicht nur die Hauswände würden als Freilufttoiletten genutzt. „Die kommen zu unserer Terrasse und pinkeln gegen die Blumenkübel, während dort die Gäste speisen“, ärgert sich der Gastronom. Als Tucconi einmal einen verscheuchen wollte, habe der seine Bierflasche zerschlagen und ihn mit dem spitzen Flaschenhals bedroht. Da habe er sich auch entsprechend gewehrt.

„Die schlagen sich auch jeden Tag mehrmals untereinander“, sagt er mit Blick auf den wenige Meter entfernten Treffpunkt. Von dort aus würden auch reichlich Bierflaschen wahlweise auf die Straße oder den Platz geworfen. Die Scherben stellten eine ständige Gefahr für Autos und Passanten dar.

Ständig müsse er das Ordnungsamt rufen, das dann auch prompt komme. Aber einen längerfristigen Effekt hätten die Einsätze nicht. Der Gastwirt fügt an: „Das hat hier angefangen, nachdem man den Platz umgebaut und so gestaltet hat. Das war ein großer Fehler.“

Tucconi ist nicht der einzige Anlieger, der da so seine Probleme hat. Zum Beispiel Hubert Meyers von der Gewerkschaft Komba, Gesamtpersonalratsvorsitzender der Stadtverwaltung, kann die Missstände nur bestätigen. Die Komba hat in der oberen Leydelstraße ihre Geschäftsstelle.

„Unser Personal dort muss oft morgens den Eingangsbereich wischen, weil ständig dort uriniert wird“, beklagt er. Gegen Abend nehme zudem das Gegröle auf dem Platz zu. Eine Leuchte mit Bewegungsmelder habe man angebracht. Genutzt habe es nichts.

Armin Bergstein und seine Leute können von den Zuständen am Bahnhofplatz manches Lied singen. Sie sind ja auch oft genug da. Bergstein ist Abteilungsleiter für den Außendienst des Ordnungsamts und stellvertretender Leiter des Fachbereichs. „Die Lage dort kann man nicht wegdiskutieren“, sagt er. Zwar seien die Einsatzzahlen dort dieses Jahr im Vergleich zu Vorjahren etwas rückläufig.

Dennoch müsse man immer wieder einschreiten. Man tue das auch konsequent. Platzverweise gibt es regelmäßig. Zum Beispiel für Wildpinkeln können 55 Euro Bußgeld verhängt werden. „Aber die sind ja oft gar nicht zahlungsfähig“, sagt Bergstein. Und bei Platzverweisen seien die Leute einen halben Tag weg und am nächsten Tag wieder da. Regelmäßige Schlägereien kann er weder bestätigen noch verneinen.

Da sei eher die Polizei gefragt. Deren Sprecherin Petra Wienen sagt, das Einsatzaufkommen dort sei aus polizeilicher Sicht in diesem Sommer überschaubar. Rund zwei Dutzend Mal sei die Polizei dort tätig gewesen – wegen Randale, Ruhestörung und Ähnlichem. Anzeigen wegen Straftaten seien an einer Hand abzuzählen.

Armin Bergstein sagt dennoch: „Dass die Anwohner das sehr unschön finden, kann ich verstehen.“ Und er würde gerne deutlich stärker eingreifen. Allein: „Dazu fehlt uns die Rechtsgrundlage. Nur weil jemand auf der Bank sitzt und Alkohol trinkt, können wir nicht einschreiten.“

Das sollte in der Straßenverordnung einst mit einem Alkoholverbot im öffentlichen Straßenraum möglich gemacht werden. Doch mit solch einem Schritt liefen Kommunen juristisch vor die Wand. Dann sollte es – mit Blick auf Kaiser- und Bahnhofplatz – ein Alkoholverbot in der Umgebung von Bushaltestellen geben. Das wurde als nicht praktikabel verworfen.

So bleibt Bergstein und seinen Leuten nur der Kampf gegen Windmühlen. Dennoch appelliert er, jeder solle Beobachtungen sofort unter der Hotline 432-2801 (wochentags bis 1.15 Uhr, am Wochenende bis 3.15 Uhr) melden, damit man einschreiten könne. „Eigentlich“, so sagt er, „müssten wir dort rund um die Uhr jemanden postieren.“ Aber dafür habe man nicht das Personal. Bergstein sagt übrigens ebenfalls, dass es diese Situation gibt, „seit der Platz so ist“.

Gegen den entblößten Wildpinkler vom Anfang dieser Geschichte läuft ein Ermittlungsverfahren bei der Kripo. Auch das wird die Situation am Bahnhofplatz nicht ändern. Salvatore Tucconi wird weiterhin zum Telefon greifen, wenn mal wieder einer vor seinen Gästen gegen die Blumen an seiner Terrasse pinkelt.

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