Preisverleihung „Aachen Sozial“: Der Tod ist kein Stimmungskiller

Von: Manfred Kutsch
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Beispielhaft, bemerkenswert, bravourös: Lena Palm und Boris Bongers werden im Aachener Krönungssaal mit dem Preis „Aachen Sozial“ ausgezeichnet. Foto: Andreas Steindl
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Vereinsvorsitzende Gabi Mohné findet einfühlsame Worte vor 530 Gästen. Foto: Andreas Steindl
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Tatort-Schauspieler Dietmar Bär bedankt sich für die Unterstützung. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Gehaltvolle Worte, besondere Momente, stille Empathie, nicht endender Applaus – und Gänsehaut-Klänge des Pius-Celebration-Chors. Der Krönungssaal erlebt am Donnerstagabend eine spürbar dichte Atmosphäre, die 530 Gäste in stimmungsvollem Licht zusammenrücken lässt. Stets greifbar ist das Thema Tod – und dennoch kein Stimmungskiller.

Glückwunsch dem Vorstand von „Aachen Sozial“, der mit seiner 11. Preisverleihung an Boris Bongers, den stellvertretenden Vorsitzenden der Hospizstiftung Aachen, für bemerkenswerte Nachhaltigkeit sorgt – zudem geprägt vom offenherzigen Geist der 22-jährigen Studentin Lena Palm, die als Gründerin des Vereins Wadadee Cares in Namibia erstmals den Nachwuchspreis erhält. Ein Glücksgriff.

Der Gästeschar eröffnet sich damit ein breites Spektrum an Gedanken und Impulsen, wie sie gegensätzlicher kaum sein könnten. Scheinbar. Hier das Mantra der jungen Lena, „unsere Welt jeden Tag ein bisschen besser zu machen“. Dort die Ermunterung des 48-jährigen Chefs einer Weingroßhandlung, „den Tod als einen Teil des Lebens zu akzeptieren“. Zwei Preisträger, ein anspruchsvolles Spannungsfeld.

„Boris Bongers trug und trägt maßgeblich dazu bei, dass schwerkranke Menschen am Lebensende umfassend palliativ-medizinisch versorgt und mitmenschlich begleitet werden können“, umschreibt die umtriebige Gabi Mohné, Vorsitzende von „Aachen Sozial“, das Wirken des einstigen Karnevalsprinzen zwischen Haus Hörn und Hospiz am Iterbach. Sein bester Freund Johannes Wienands hält eine berührend persönliche Laudatio. Als Noppeney war der Manager anno 2006 im prinzlichen Gefolge dabei, als Boris I. der irrwitzig anmutende Spagat zwischen Narrenherrschaft und Unterstützung von Palliativ-Medizin gelungen war.

Für Bongers damals wie heute kein Widerspruch. Nein, mit der Kraft der Hospizbewegung will er den Tod nicht „Hilfslosigkeit, Angst, Ohnmacht und Depression“ überlassen. Vielmehr setzt er auf „einen achtsamen, inneren Prozess“, der dem Ende des Lebens anders begegne als mit Verdrängung und Ignoranz. Feinfühlig begegnet der großartige Redner der Befindlichkeit seines Publikums und spricht gleichzeitig Klartext: „Wir glauben alle, die wir im Hospiz aktiv sind, dass durch die absolute Akzeptanz unserer Sterblichkeit das Leben noch mehr Sinn bekommt. Ich kenne persönlich niemanden im Vorstand, in der Pflege, in der Sterbebegleitung, der das, was er tut, nicht als Geschenk betrachtet.“ Dabei würden „Probleme relativiert, Liebe empfangen und weitergegeben, Sinnhaftigkeiten hinterfragt und optimiert“. Stetes Kopfnicken von Ulla Schmidt, „meiner Chefin“ und Vorsitzenden der Stiftung, war ihm sicher.

Dass es bei der Preisverleihung partiell auch tränenreich wurde, dafür sorgte weniger das schwere Thema Tod als vielmehr die erfrischend-authentische Weise der einstigen Pius-Schülerin Lena Palm, für deren aus Afrika angereisten Mentor Shaun Awaseb sie „nicht nur eine Säule des Projektes, sondern auch ein Vorbild ist“. Die 2015 gegründete Initiative Wadadee Cares versorgt im Slum des namibischen Windhoek hunderte verarmte Kinder mit Nahrung, Arzneimitteln und Bildung. Lena macht das Auditorium in Aachen mit der zehnjährigen Magdalena vertraut, zeigt die kleine Südafrikanerin im Foto und kappt damit jede Distanz: „Sie hat keinen Vater, ihre Mutter ist Alkoholikerin. Die Kleine wurde missbraucht, litt Hunger, konnte nicht zur Schule gehen, weil sie auf ihre kleine Schwester aufpassen musste.“

11 705 Kilometer von Windhoek entfernt, im Aachener Krönungssaal, nehmen die Zuhörer spürbar Anteil. Zumal Lena gute Nachrichten hat: „Inzwischen geht Magdalena zur Schule, wird versorgt – wie ihre kleine Schwester auch.“ Hilfe und Leidenschaft der jungen Aachenerin haben ein Gesicht bekommen. Es zeigt wunderbare Wirkung im weiten Rund des Saales.

Da werden selbst Oberbürgermeister Marcel Philipp oder ein Star wie Tatort-Kommissar Dietmar Bär zu Randfiguren. Beide stört das nicht. Im Gegenteil. Der 56-jährige Dortmunder Schauspieler will sich vor allem für die Unterstützung des Tatort-Vereins bedanken. Der hat inzwischen – auch mit Hilfe von „Aachen Sozial“ - 4000 Schulranzen an Kinder vergeben, deren Eltern das nicht hätten finanzieren können. Bär spricht in Aachen vom „so wichtigen, sicheren Selbstwertgefühl“, das diesen Mädchen und Jungen gegeben werde. Er berichtet von den „vorsichtigen Recherchen in Kindergärten und Elternhäusern“ und der „anonymen Weitergabe der Ranzen“. Bravo. Und das gilt für den ganzen Abend.

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