Preisträger Timothy Garton Ash freut sich über gute Fragen im „Carl“

Von: Wolfgang Schumacher
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Bei der Diskussion kam das Thema „Chancengleichheit“ für Jugendliche in der EU auf. Foto: Harald Krömer
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Traditionell besuchen die designierten Preisträger am Nachmittag vor der Verleihung die Aachener Hochschule, dieses Mal im neuen Hörsaalgebäude „Carl“. Foto: Harald Krömer
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Begrüßt wurde der Preisträger unter anderem durch RWTH-Rektor Prof. Ernst Schmachtenberg und Oberbürgermeister Marcel Philipp. Foto: Harald Krömer

Aachen. Prof. Timothy Garton Ash war fast auf die Minute pünktlich. Um 14.31 Uhr mitteleuropäische Sommerzeit rollte der Oxford-Historiker in einer schwarzen Limousine vor dem neuen Hörsaalgebäude „Carl“ in Aachens Claßenstraße vor.

Der Preis für herausragende Verdienste um die Europäische Einigung wird dem sehr sympathischen Historiker aus dem Brexit–Land am Himmelfahrtstag verliehen. Garton Ash bekommt den Internationalen Karlspreis wegen seines „herausragenden wissenschaftlichen und publizistischen Werkes“, in dem er langfristige Linien in dem momentan stockenden europäischen Einigungswerk beschrieben habe, veröffentlichte das Karlspreisdirektorium in der Entscheidungsbegründung.

Traditionell besuchen die designierten Preisträger am Nachmittag vor der Verleihung am Himmelfahrtstag im Krönungssaal des Rathauses die Aachener Hochschule, der Dialog dort mit der Jugend und der kommenden wissenschaftlichen Elite des Landes ist ebenso ein Glanzpunkt wie eine besondere Herausforderung für die Preisträger, sie diskutieren mit jungen Menschen, deren Fragen durchaus unter die Haut gehen können.

Der britische Professor aus dem legendären Oxford hatte im vollbesetzten Aachener Hörsaal quasi ein Heimspiel. Nach der Begrüßung durch Rektor Prof. Ernst Schmachtenberg stellte sich der schmale Brite ans Pult und begann in ausgezeichnetem, beinahe akzentfreien Deutsch sein Impulsreferat zur Lage in Europa.

Zuvor hatte man der inzwischen 22 Opfer der Tragödie in Manchester durch langes und lautes Klopfen auf die Hörsaaltische gedacht, das ist die akademische Entsprechung zur üblichen Schweigeminute.

Garton Ash war sofort mitten im Thema. 1989 sei nicht nur das Ende der politischen Blöcke gewesen. „1989“, so der Historiker, „wurde ebenso das Tor zur Globalisierung weit aufgestoßen.“ Das sei die historische Grundlage für die heutige politische Situation gewesen, in der sich die Verlierer der Globalisierung und die Gewinner  in oft unversöhnlichen politischen Lagern gegenüber stehen.

„Wir haben damals nach dem Fall der Mauer gedacht, jetzt ist die Zeit für das Entstehen neuer liberaler Demokratien in Europa“, beschrieb er den Erweiterungsprozess der heutigen Union der derzeit noch 28 Mitgliedsstaaten.

Doch der „vorschnelle Optimismus“ einer  liberalen demokratischen Revolution sei inzwischen von den rechtsdenkenden und nationalen Kräften gestoppt worden. „Wir sind in eine globale  antiliberale Konterrevolution gerutscht“, diagnostizierte der Historiker die momentane Situation, mit der man sich allerdings nicht abfinden dürfe und die auch nicht mit der Wahl eines proeuropäischen Präsidenten in Frankreich, mit Emmanuel Macron,  gebannt sei. 

Um dort wieder wegzukommen, appellierte er eindringlich an jene Generation, die jetzt vor ihm saß.  „Ihr seid die 89er, wie  wir damals die sogenannte 68er-Generation waren“, sagte Garton Ash zum Auditorium.

Denn die friedensstiftende Kraft der Europäischen Union, die von ihren Gründern aus unmittelbarer Anschauung eines zerstörten Nachkriegseuropas und in tiefer Erkenntnis dessen, dass so etwas wie Holocaust und weltweite Vernichtung nie mehr  passieren dürfe, gegründet wurde, müsse heute wieder neu hergestellt werden. „Das friedenstiftende Narrativ der EU lebt nicht von alleine“, sprach der designierte Preisträger den akademischen Nachwuchs direkt an.

Er wäre kein echter Brite, wenn er nicht ab und an kleine Kostproben des angelsächsischen Humors einstreute. So zitierte er schmunzelnd die neue Welle der „Mer-Cron-isierung“ der Union, Mer-kel und Ma-cron als neues Bollwerk gegen populistische Anti-EU-Stimmungsmache aus der rechten Ecke.

Und selbstredend durfte ein kleiner Trump-Hieb nicht fehlen, in Sachen „Fake News“ etwa könne man durchaus von einem neuerlichen Hang zum „übertrumpen“ sprechen - ein deutscher Wortwitz, gelassen von einem Engländer formuliert.

Digitalisierung und die überstaatliche Großmacht der  internationalen IT-Konzerne sind aus Sicht des Historikers weitere Themen, die geeignet seien, dass die Individuen immer mehr an Macht und vor allem auch an „informationeller Selbstbestimmung“, wie die Deutschen es nennen würden, abgeben müssten.

Thema Währung: Den Euro einzuführen ohne eine fiskalische Union dahinter stehen zu haben, könne man durchaus als Fehler bezeichnen, blickte er zurück. Der Euro habe in der Währungsunion nicht Gleichheit geschaffen, er habe zusätzlich geteilt in Nord- und Süd, stellte er fest.

In der anschließenden Diskussion mit Studierenden des am Politikinstitut der RWTH angesiedelten „Projekts Leonardo“ beantwortet Ash Fragen aus drei Themengebieten, die man vorbereitet hatte und die von Prof. Emanuel Richter moderiert wurden. Gleichermaßen bedenkenswerte Fragen kamen aus dem Auditorium und auch Antworten, die Garton Ash von den Studierenden eingefordert hatte.

So kam das Thema „Chancengleichheit“ für Jugendliche in der EU auf: „Ich will eine Union, in der alle in meinem Alter die gleichen Möglichkeiten zu einer Ausbildung haben“, monierte ein Beitrag die aktuelle Situation in Hinblick auf das eklatante Nord-Süd-Gefälle.

Bei Fragen und Antworten, die ihm gefielen, strahlte der Professor so richtig: „Ja, das ist eine gute Frage, die bringt uns weiter“, sagte er dann, und in der Freude schlich sich doch ein leicht britischer Zungenschlag ein.  

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