Präsidentschaftswahlkampf: Gespannter Blick nach Frankreich

Von: Carolin Cremer-Kruff
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Die Präsidentschaftswahl ist täglich Thema bei Gerd Schnuch, Vorsitzender des Jumelage-Komitees Walheim-Montebourg. Foto: Heike Lachmann
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Gespannter Blick vor der Wahl nach Frankreich: Wolf Steinsieck (links) und Georg Schmidt stehen an der Spitze des Partnerschaftskomitees Aachen-Reims. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Großbritannien hat gewählt. Die USA haben gewählt. Nun stehen die Wahlurnen in Frankreich bereit. Pünktlich zur anstehenden Präsidentschaftswahl unseres südwestlichen Nachbarn macht allerdings eine Partei von sich reden, die eigentlich keine Partei ist: Le „Praf“. Hinter der etwas trotzig lautenden Abkürzung verbirgt sich der Ausdruck „Plus rien à faire, plus rien à foutre“.

Zu Deutsch heißt das – nett ausgedrückt – so viel wie: „Das geht mich nichts an.“ Gemeint sind Frankreichs Nichtwähler. Sie könnten bei der anstehenden Präsidentschaftswahl zum Problem werden. Manche Umfragen gehen davon aus, dass gar 40 Prozent der Stimmberechtigten am Wahltag zu Hause bleiben. Und das obwohl die diesjährige Wahl das Potenzial hat, als eine besondere in die Geschichtsbücher einzugehen.

„Das ist die spannendste französische Präsidentenwahl, die es in der Fünften Republik überhaupt gegeben hat“, ist auch Dr. Wolf Steinsieck überzeugt. Der Aachener ist ausgewiesener Frankreich-Kenner. Er hat große Teile seiner Kindheit und Jugend in Frankreich verbracht, lehrt französische Kultur- und Literaturwissenschaft am Institut für Romanische Philologie der RWTH Aachen. Er war von 2010 bis 2015 Honorarkonsul der Republik Frankreich für Aachen und die Städteregion Aachen, ist aktuell stellvertretender Vorsitzender des Partnerschaftskomitees Aachen-Reims, das dieses Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert.

Logisch, dass auch er dieses politische Ereignis verfolgt, das am 23. April mit dem ersten Wahlgang, den sogenannten primaires, beginnt. Am 7. Mai folgt die Stichwahl, wenn keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen erreicht. Und davon ist auszugehen. Zwei große Satellitenschüsseln hat Steinsieck auf dem Dach seines Hauses installiert. Jeden Abend verschwindet er – wie seine Frau sagt – in „Klein Frankreich“ in seinem Arbeitszimmer, um sich mit französischem Fernsehen und Zeitungslektüre über das Geschehen in seiner zweiten Heimat zu informieren.

Aber was macht diese Wahl so außergewöhnlich? In erster Linie die elf Kandidaten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Eine eindrucksvolle Kostprobe – durchaus mit Unterhaltungswert – gab die aufwändige Fernsehdiskussion am 4. April, bei der alle Kandidaten auftraten. Auch das hatte es zuvor noch nie gegeben. Die Grande Nation bat zur Grand Débat, ganze vier Stunden lang, übertragen auf zwei großen französischen Nachrichtenkanälen, 20 Kameras kamen zum Einsatz. Die große Verliererin an diesem Abend: Marine Le Pen, Kandidatin des als rechtsextrem geltenden Front National. Gegenwind, teils harte Vorwürfe, bekam sie von allen Seiten zu spüren.

Diese Wahl ist auch so wichtig, weil sie als erneute Standortbestimmung Europas gehandelt wird, gerade vor dem Hintergrund des Brexit-Votums. Allerdings – so Steinsieck – ist Frankreich kein gespaltenes Land. Rund 70 Prozent der französischen Bevölkerung befürworten einen Verbleib in der EU. Dem stehen drei Präsidentschaftskandidaten gegenüber, die ein unabhängiges Frankreich fordern – losgelöst von EU und Euro.

Außergewöhnlich ist die Wahl aber auch, weil niemand wirklich voraussehen kann, wer letztlich das Rennen machen wird. Zum Favoritenkreis gehören Emmanuel Macron (unabhängiger Kandidat für die Bewegung „En Marche!“), François Fillon (Les Républicains), Marine Le Pen (Front National), Jean-Luc Mélenchon (linke Bewegung „La France Insoumise“ / „Das aufsässige Frankreich“) und Benoît Hamon (Parti Socialiste). Wenn Macron es in den zweiten Wahlgang schaffen sollte, gilt der gerade einmal 39-jährige Ex-Investmentbanker und Wirtschaftsminister unter François Hollande als Favorit. Jung, smart, intelligent, Kopf der sozialliberalen und pro-europäisch ausgerichteten Bewegung „En Marche!“. Keine Frage: Er bringt frischen Wind in das wirtschaftlich lahmende Frankreich. „Viele Franzosen haben mittlerweile die Nase voll von rechts oder links. Daher stellt Macron eine wirkliche Alternative zu dem dar, was es bisher gegeben hat“, sagt Steinsieck. Aber vielleicht gibt es doch noch genügend Menschen, die Fillon trotz der Vorwürfe der Scheinbeschäftigung von Familienmitgliedern – spöttisch als „Penelope-Gate“ bezeichnet – wählen werden. Ob er allerdings an Le Pen herankommt, weiß man nicht. Auch nicht, ob Mélenchon noch an Fillon vorbeiziehen wird. Und es ist davon auszugehen, dass manch ein Franzose sich erst in der Wahlkabine für einen Kandidaten entscheiden wird. Derzeitige Prognosen zeigen für den ersten Wahlgang ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Le Pen und Macron.

Wie steht Deutschland zu der Wahl? Wird sie überhaupt wahrgenommen? Georg Schmidt, Vorsitzender des Partnerschaftskomitees Aachen-Reims, hat die Erfahrung gemacht, dass sich in erster Linie Menschen für sie interessieren, die sowieso einen Bezug zu Frankreich haben. „Viele beschäftigen sich zurzeit eher mit der NRW-Landtagswahl und der Bundestagswahl in diesem Jahr.“ Großes Interesse zeigte sich allerdings bei einem Vortrag des gebürtigen Aacheners Peter Heusch, der als Auslandskorrespondent für deutsche Medien in Paris arbeitet. Seinen Ausführungen lauschten Ende März rund 100 Besucher im Deutsch-Französischen Kulturinstitut.

Bei Familie Schnuch aus Walheim ist die französische Präsidentschaftswahl zurzeit täglich Gesprächsthema. Gerd Schnuch ist Vorsitzender des Jumelage-Komitees Aachen-Walheim-Montebourg. Seine Frau ist Französin. Sie und die beiden Söhne besitzen die doppelte Staatsbürgerschaft. Mehrfach ist die gebürtige Montebourgerin in den vergangenen Wochen per E-Mail von verschiedenen französischen Parteien angeschrieben worden, die über ihr Wahlprogramm informierten. Wahrscheinlich haben viele das Potenzial erkannt, bei den im Ausland lebenden französischen Staatsbürgern auf Stimmenfang zu gehen.

Zur Wahl wollen sie und ihr ältester Sohn in jedem Fall gehen. Allerdings nicht in ein französisches Wahllokal, sondern beim Konsulat von Frankreich in Köln. Eine Briefwahl sieht das französische Wahlrecht nicht vor, die elektronische Stimmabgabe ist aufgrund der erhöhten Gefahr von Cyberattacken ebenfalls nicht möglich. „Wir nutzen die Wahl einfach als Familienausflug. Abends verfolgen wir das Geschehen natürlich zu Hause weiter vor dem Bildschirm“, so Schnuch.

Die Fernsehdiskussion der elf Kandidaten hat sich auch das Ehepaar Schnuch nicht entgehen lassen. Für Gerd Schnuch ein typisches Szenario, da in Frankreich Wahlkämpfe seiner Meinung nach wesentlich emotionaler geführt werden als in Deutschland. Seiner Frau hingegen ging das alles schon zu weit. Ihr Fazit: „J’ai honte.“ („Ich schäme mich.“)

Im ländlich geprägten Montebourg mit knapp über 2000 Einwohnern, so erzählt Schnuch, interessiere die Menschen in erster Linie, was die Politik zum Bereich Landwirtschaft zu sagen hat. Das werde ihre Wahlentscheidung vordergründig beeinflussen. In der Tat: Die Agrarpolitik ist ein großes Thema des Wahlkampfs, aber auch Europa, das Renteneintrittsalter, die Arbeitsmarktpolitik, verschiedene Reformen, die Stärkung der französischen Wirtschaft und die Terrorgefahr.

Kommt es zur Stichwahl, dann wird einen Tag später, am 8. Mai, der neue Präsident Frankreichs feststehen. Auch in Aachen wird dann der eine oder andere Fernseher kurzerhand auf französisches Programm umgestellt. Dass Marine Le Pen zumindest im zweiten Wahlgang keine Chance haben wird, darin sind sich alle einig. Welche Wünsche stehen im Raum? Ein Wahlergebnis, das Frankreich und Deutschland wieder näher aneinanderrücken lässt. Denn ohne Frankreich und Deutschland ist Europa nicht machbar. Da sind Steinsieck und Schnuch einer Meinung.

In Herbst wählt auch Deutschland. Dann heißt es: Angela Merkel oder Martin Schulz. Die Franzosen können mit beiden leben. Unabhängig davon, welcher Präsident, welcher Kanzler bald regieren wird, die beiden Aachener Partnerschaftskomitees führen ihre Arbeit fort. Denn hier sind deutsch-französische Freundschaften fürs Leben entstanden und nicht nur für eine Legislaturperiode.

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