Aachen - Pontviertel wehrt sich gegen schlechten Ruf

Pontviertel wehrt sich gegen schlechten Ruf

Von: Robert Esser
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Im Sommer bis zu 10 000 Gäste: Erst zum Abend füllt sich das Pontviertel. Foto: Andreas Steindl
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Loben Ordnungsamt und Polizei: (von links) Die Gastronomen Dennis Polychroniou („Café Madrid“), Alexandra Polychroniou („Tangente“), Sunay Yaman („Labyrinth“) und Ali Yüce („Molkerei“ und andere) arbeiten am Imagewandel.

Aachen. Das Pontviertel poliert seinen ramponierten Ruf auf – und überrascht: „Von einer aggressiven Stimmung kann keine Rede mehr sein“, sagt Gastronom Dennis Polychroniou („Café Madrid“). Der Sprecher der Gastro-Initiative Pontstraße betont: „Viele Probleme sind gelöst. Jeder kann die Atmosphäre hier genießen.“ Gefahrlos. Am Freitagabend wollen Ordnungsamt und Polizei wieder verstärkt Präsenz zeigen.

Nächtliche Sauforgien auf offener Straße, grölende Horden junger Nachtschwärmer und regelmäßig Polizeieinsätze wegen Schlägereien unter Promille- wie Testosteron-gefluteten Männern: Zu viele Negativ-Schlagzeilen hatten die studentische Partymeile in früheren Jahren in Verruf gebracht. Polychroniou und benachbarte Wirte mussten schuld- wie hilflos mit ansehen, wie vor ihren Bars, Restaurants und Lounges massenhaft billiger Alkohol aus Kiosken floss – und phasenweise ein hochprozentig betäubter Mob die Straße regierte, weswegen Anwohner auf die Barrikaden gingen. Das ist vorbei.

Mit Polizei und Ordnungsamt schnürten federführende Gastronomen ein Maßnahmenpaket. Man trifft sich, versteht sich. Ordnungsamt und Polizei erhöhen vor allem an den Sommer-Wochenenden ihre Präsenz – Fußstreifen patrouillieren, Einsatzfahrzeuge parken sichtbar auf der Partymeile. „Das hat schon im letzten Sommer Wirkung gezeigt“, erklärt Ali Yüce („Magellan“, „Molkerei“, „Image“, „Abendrot“ etc.). „Die Randalierer und Störer haben gemerkt, dass sie hier nicht erwünscht sind, dass sie beobachtet und kontrolliert werden“, sagt er. „Diese Klientel hat das Weite gesucht, solche Leute scheuen den Kontakt mit Ordnungskräften“, erklärt Yüce.

Polizeisprecherin Iris Wüster bestätigt den positiven Trend: „Die Zahl der Gewaltdelikte im Pontviertel ist rückläufig“, sagt sie. „Unsere Strategie, in der Partyszene mit zivilen und uniformierten Kräften vermehrt präsent zu sein, ist aufgegangen. Daran knüpfen wir an.“ Ordnungsamtschef Detlev Fröhlke stimmt zu: „Ja, die Situation hat sich entspannt“, sagt er. „Optimal ist die Lage aber noch nicht“, fügt er hinzu. Auffallend sei, dass einzelne Wirte noch immer „Cocktails to go“ auf die Straße werfen. 0,4 Liter Alkohol-Mix landen im Plastikbecher ab 4 Euro beim Partyvolk (in Bars kosten 0,3-Liter-Cocktails ab ca. 5,50 Euro). Während Flaschenbier ab 1,30 Euro über die Kiosktheke geht, zapfen die Kneipen nebenan das frische 0,3-Liter-Bier im Schnitt für 2,50 Euro. „Der extreme Preisverfall auf der Straße führt zu extremen Ausfallerscheinungen“, resümiert Fröhlke. Kreischende Mädchen, brüllende Jungs – zwischen 2 und 4 Uhr morgens steigt mit dem Alkohol- auch der Lärmpegel unter freiem Himmel. Was für die ganze Stadt gilt. Weil die meisten Ruhestörungen weit außerhalb des Pontviertels gemeldet werden. 30 bis 60 Einsätze zählt das Ordnungsamt in Aachen an warmen Wochenenden.

Indes will die Pontstraße ihr Ballermann-Image endgültig ablegen, Gastronomen pflegen die mediterrane Ausgeh-Atmosphäre. Dass der Supermarkt am Pontdriesch mittlerweile schon um 22 Uhr und der Kiosk vor dem Ponttor jetzt bereits um 24 Uhr schließen, könne aber nur ein erster Schritt gegen Spirituosen- und Bier-Batterien in ungezählten Flaschen sein, meinen die Gastronomen. Ihre – natürlich nicht ganz uneigennützige – Forderung: Hochprozentiges soll es abends und nachts nur bei Gastronomen geben. Ihr Appell: Auf „Cocktails to go“ sollen alle Wirte verzichten. „Dann herrscht auf der Straße Ruhe“, sagt Yüce.

Genießen lässt sich das Viertel aber schon jetzt wieder: Wer in diesen Tagen abends vom Markt zum Ponttor schlendert, sieht Familien mit Kindern, Senioren, tatsächlich alle Generationen beim Abendessen oder Feierabend-Bierchen auf den Terrassen der „Szene-Gastronomie“. Natürlich dominieren Studenten. Die junge Generation bestimmt das Bild des Viertels – mehr noch im späteren Verlauf des Abends und der Nacht.

Kundschaft ist dringend erwünscht. „Seit dem völlig unsinnigen Rauchverbot, das die rot-grüne Landesregierung zum 1. Mai durchgedrückt hat, sind die Umsätze im Keller“, erklärt Kai Keßler („Sowiso“). Einige Wirte beklagen – besonders an kühlen Tagen – Einbußen bis zu 40 Prozent. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Polychroniou. Der erzwungene Gang für Raucher vor die Tür erhöht die Unruhe auf der Straße. „Für zigtausende Euro hatte jeder abgeschlossene Raucherbereiche gebaut – die bleiben dafür leer“, klagt der Gastronom.

So wächst der Widerstand: Um 16 Uhr startet am heutigen Freitag auf der Heinrichsallee eine „Demonstration gegen das totale Rauchverbot in NRW“. Von der SPD-Geschäftsstelle ziehen die Initiatoren – darunter viele Wirte – zu den Grünen, Franzstraße. Beide Parteien teilten allerdings mit, ihre Parteibüros seien geschlossen. Man weile in Urlaub, hieß es. Vielleicht in der Pontstraße?

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