Aachen - Polizisten als „Sozialarbeiter mit Pistole“ im Einsatz

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Polizisten als „Sozialarbeiter mit Pistole“ im Einsatz

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
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Seit Jahren Brennpunkte der Straßenkriminalität: Pontviertel (1), Achse Hansemannplatz über Bushof (4) bis Elisenbrunnen (6), Achse Kaiserplatz (2), Adalbertsteinweg, erweitertes Ostviertel (3/5). Die Täter sind meist jung, die Oper oft wehrlos. Die Polizei hat schon manchen Großeinsatz dagegen gefahren. AZ-Grafik: Claßen

Aachen. Die Mutter früh gestorben, der Vater berufstätig und alleine überfordert, schon früh schulische Probleme, falsche Freunde, erste kleine kriminelle Delikte schon im Kindesalter, Drogenerfahrungen, dann Gewalttaten, Raubüberfälle, und, und, und – Lebensläufe wie dieser sind schon viele auf dem Schreibtisch von Frank Hendricks gelandet.

Und doch erinnert sich der Polizeibeamte auch nach vielen Jahren noch an diesen Jugendlichen, der bereits als 14-Jähriger seinen Weg kreuzte: „Der Junge war eigentlich hier immer total nett, hat die Kollegen per Handschlag begrüßt und war meist auch einsichtig.“ Doch kaum war er zurück auf der Straße, ging es weiter mit Gewalt und Raub.

„Nett“ sind die Jugendlichen, mit denen es Frank Hendricks im Kriminalkommissariat 15 zu tun bekommt, in der Regel nicht. Im Gegenteil: Der Kriminalhauptkommissar (KHK) betreut dort zusammen mit sieben Kollegen die Gruppe der „jugendlichen und heranwachsenden Intensivtäter“, kurz: die sogenannte „JuHIT“-Liste. Das heißt: Hendricks hat es mit den auffälligsten, gefährlichsten, gewalttätigsten und brutalsten jugendlichen Kriminellen zu tun, die es im ganzen Polizeibezirk Aachen gibt.

Denn auf die „JuHIT“-Liste kommt man nicht mit ein paar Ladendiebstählen, auch nicht mit vielen kleinen Delikten. Drei, vier Raubtaten müssen es schon sein. Der junge Algerier, der vor einigen Wochen wegen dutzender „kleinerer“ Straftaten Schlagzeilen machte, steht deshalb nicht auf der Liste. „Von Anfang an lag der Fokus klar auf Gewaltkriminalität“, sagt Kriminaldirektor Armin von Ramsch, als Leiter der Kriminalinspektion 1 für den gesamten Bereich der Schwerkriminalität zuständig.

Zurzeit umfasst die „JuHIT“-Liste 55 Personen im Alter von 14 bis 21 Jahren aus der gesamten Städteregion, wobei die Zahl schwankt. Es standen auch schon einmal knapp 80 Namen auf der Liste, die die Aachener Polizei seit 2006 führt. Damals hat man landesweit den Umgang mit jungen Intensivtätern neu organisiert, sie speziellen Kommissariaten und dort quasi „eigenen“ Sachbearbeitern zugeordnet. Diese, so der Gedanke dahinter, haben ihre persönlichen Klienten besser im Blick und pflegen einen engen Kontakt zur Jugendgerichtshilfe und zur Staatsanwaltschaft.

Im Idealfall können sie auch positiv auf die Jugendlichen einwirken, etwa durch sogenannte „Gefährderansprachen“. Also durch eindringliche Gespräche, in denen die Beamten sie etwa über drohende Haftstrafen aufklären – was laut Hendricks mal fruchtet, mal aber auch nicht.

Eingeführt wurde das Programm, weil seit Mitte der 90er Jahre bundesweit ein extremer Zuwachs der Jugendgewalt verzeichnet worden war. Daran hat sich nicht viel geändert. Hendricks, der seit 2006 dabei ist, und seine Kollegen werden gebraucht. Vielleicht sogar noch mehr als früher. Denn die Beamten registrieren eine fortschreitende Brutalisierung. „Es werden immer häufiger alte Menschen oder Behinderte überfallen“, sagt Werner Markenstein, Erster KHK und Leiter des KK 15. „Es gibt überhaupt keinen Respekt mehr.“ Angeheizt werde dieses Phänomen dadurch, dass der Drogenkonsum extrem zugenommen hat. „Die fangen als Kinder an zu schnüffeln und steigen später aufs Rauchen um.“

Wobei gerade bei Cannabis der erhöhte Wirkstoffgehalt fatale Folgen hat, wie Markensteins Stellvertreter, KHK Herbert Luzat, betont: „Die weichen Drogen von gestern sind heute harte Drogen.“ Suchtprobleme, kaputte Familien, fehlende Bildungschancen – das ist das Milieu, in dem sich Frank Hendricks und seine Kollegen bewegen. Sie haben es Tag für Tag vor Augen, denn sie besuchen nicht nur die Intensivtäter, sondern auch die Familien – oder das, was davon übrig ist. „Bei vielen müsste man eigentlich noch viel früher ansetzen, im Elternhaus“, so Hendricks. „Aber das ist auch ein politisches Problem, denn dafür bräuchte man viel Geld.“

Und doch gibt es sie immer wieder, diese positiven Momente, die die Kriminalbeamten als Erfolge verbuchen. Wenn Jugendliche „irgendwann aufwachen, einen Job oder eine Freundin finden und die kriminellen Kontakte abbrechen“, wie Hendricks es beschreibt. „Natürlich freuen wir uns, wenn einer die Kurve kriegt“, sagt auch Markenstein, „aber wenn einer nicht die Kurve kriegt, muss ich den von der Straße holen, um potenzielle Opfer zu schützen.“ Dafür taugt zum Beispiel ein „Warnschussarrest“, also ein Wochenende hinter Gittern, als frühe Abschreckung. „Das machen viele Richter, aber dafür muss es auch freie Haftplätze geben“, sagt Luzat. Und es ist kein Allheilmittel. „Mal bringt das was, mal nicht“, weiß Hendricks.

„Das größte Problem ist: „Wenn die Leute in ihr altes Umfeld zurückkommen, fängt oft alles wieder von vorne an.“ In solchen Momenten hat man den Eindruck, dass Hendricks und seine Kollegen einen Balanceakt vollführen – irgendwo zwischen Polizist und Sozialarbeiter. Markenstein lacht, als er das hört. „Wir sagen immer, wir sind Sozialarbeiter mit Pistole.“ Also mit polizeilichem Strafverfolgungszwang. Und dem Opferschutz verpflichtet. Doch das Soziale spielt in ihrem Job gleichwohl eine große Rolle. Frank Hendricks versucht den Jugendlichen sogar Alternativen wie etwa Sport im Fußballverein – viele von ihnen kicken auf der Straße – aufzuzeigen. Doch das werde meist abgelehnt – weil man sich im Verein an Regeln halten muss.

Dass von den 55 aktuellen Intensivtätern 40 einen Migrationshintergrund haben, passt für die Beamten in dieses Bild. „Viele Migrantenkinder sind schon in der Grundschule wegen sprachlicher Defizite benachteiligt, denn im Elternhaus wird oft nur die Muttersprache gesprochen“, sagt Hendricks. „Manche suchen sich dann eine Kompensation, die im Kriminellen liegt.“ Im Übrigen seien die kriminellen Karrieren von Migranten wie von „deutschen“ Intensivtätern vergleichbar.

Die gleichen Gründe wie auch bei dem „netten“ 14-Jährigen, dessen Fall vor Jahren auf dem Schreibtisch von Frank Hendricks landete. Den er zigmal zu Hause aufsuchte, oft mit dem Vater sprach und alles versuchte. Gebracht hat es nichts. Der junge Mann saß später jahrelang in Haft, Frank Hendricks hat ihn dann aus den Augen verloren. Frustrieren lässt sich der Kripo-Mann dadurch nicht. Als er jüngst bei der großen Umstrukturierung der Kripo seinen Wunschjob angeben sollte, nannte er ohne zu zögern das KK 15. Die schwierige Arbeit mit jugendlichen Intensivtätern, der enorm schwierige Spagat zwischen Erziehungsgedanke und Strafverfolgung. Begründung: „Weil mir der Job Spaß macht.“

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