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Polizei staunt: Gewalttäter können Beutezüge fortsetzen

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
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Nur kurz in Gewahrsam: Sogar gewalttätige Serientäter werden offenbar – wie im vorliegenden Fall vom zurückliegenden Wochenende – unmittelbar nach Straftaten wieder von der Staatsanwaltschaft zurück auf die Straße geschickt. Foto: imago / Götz Schleser
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Erklärungsbedarf: Staatsanwalt Dr. Jost Schützeberg. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Nicht nur die Aachener Polizei fragt sich, warum drei Tatverdächtige, die in der Nacht zum Samstag einen 45-Jährigen im Pontviertel mit dem sogenannten „Antanztrick“ beraubt und geschlagen hatten und danach von Zivilfahndern festgenommen werden konnten, von der Staatsanwaltschaft direkt wieder auf freien Fuß gesetzt wurden.

Es handelte sich dabei um zwei 21 und 23 Jahre alte Männer marokkanischer und einen 18-Jährigen algerischer Herkunft. Zur Überraschung der Polizei hatte der diensthabende Staatsanwalt am Wochenende keinen Untersuchungshaftantrag gestellt, da die Wohnsitze der Männer bekannt waren und somit angeblich keine Fluchtgefahr bestand.

Der 18-jährige Haupttäter – gegen den seit 2014 bereits diverse Verfahren wegen Ladendiebstahl, Taschendiebstahl, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Widerstand gegen Polizeibeamte und wegen Rauschgiftdelikten laufen – musste auf Geheiß der Staatsanwalt wieder freigelassen werden.

In der darauffolgenden Nacht zum Sonntag machte der Mann laut Polizei „erwartungsgemäß genau da weiter, wo er in der Nacht zuvor aufgehört hatte“. Diesmal umringte der Haupttatverdächtige auf der Pontstraße mit einigen Freunden drei junge Frauen und beleidigte diese mit sexuell erniedrigenden Sprüchen. Gegen 4.45 Uhr alarmierten die Frauen die Polizei.

Der 18-jährige Algerier wurde erneut festgenommen – die anderen Verdächtigen flüchteten. Wiederum gaben mehrere Zeugen den Sachverhalt zu Protokoll. Auch diesmal wurde der Haupttäter zunächst im Polizeipräsidium in Gewahrsam genommen – bis die Staatsanwaltschaft erneut die Freilassung des Mannes anordnete.

Gegen 9 Uhr am Sonntagmorgen verließ der 18-Jährige – der sich zudem mit seinen Komplizen am Wochenende mit Gewalt einer Festnahme entziehen wollte – das Präsidium als freier Mann. Dabei hatten fünf Zeugen den räuberischen Diebstahl beobachtet und Zivilfahnder gesehen, wie die mutmaßlichen Täter Bargeld kurz vor dem Polizeizugriff am Marienbongard (ebenfalls im Pontviertel) weggeworfen hatten. „Wir gehen bei allen drei Tätern nach wie vor von einem dringenden Tatverdacht aus“, bestätigte Polizeisprecherin Sandra Schmitz am Montag auf Anfrage unserer Zeitung.

Zudem soll der Algerier unmittelbar vor dem räuberischen Diebstahl und der gefährlichen Körperverletzung mit weiteren Verdächtigen mehrere Autos im Bereich Wittekindstraße (ebenfalls Pontviertel) beschädigt haben. Auch dazu liegen der Polizei Anzeigen vor.

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Dr. Jost Schützeberg, erklärte auf Anfrage, dass gerade bei einem 18-Jährigen erhöhte Anforderungen zu beachten seien, bevor Untersuchungshaft beantragt würde. So sei die Geldbörse nach dem Raub nicht aufgetaucht, weswegen Zweifel am Tatverdacht bestünden. Und der feste Wohnsitz der Beschuldigten sei noch einmal eigens kontrolliert worden, sagte er. Trotzdem werde man nun sämtliche Akten zusammentragen und dann spätestens bis Dienstag prüfen, ob nicht doch Haftgründe vorliegen. Bis zum Montagabend waren die mutmaßlichen Täter weiterhin auf freiem Fuß.

Generell zum Thema U-Haft erklärte Schützeberg: Untersuchungshaft komme nur in Betracht, wenn hinreichender Tatverdacht bestehe, eine Haftstrafe zu erwarten sei, Flucht- oder Verdunkelungsgefahr oder die Gefahr der Tatwiederholung gesehen werde. All dies hatte der zuständige Staatsanwalt am Wochenende verneint und daraufhin keinen Richter eingeschaltet, der seinerseits die U-Haftgründe hätte prüfen können.

Die Polizei hatte damit offenbar nicht gerechnet und deswegen zu den drei Tatverdächtigen am Samstag zunächst im Polizeibericht formuliert: „Sie werden im Laufe des Vormittags dem Haftrichter vorgeführt.“ Dazu war es aber zur Verwunderung der erfolgreichen Fahnder – bislang – noch gar nicht gekommen. Die Ermittlungen würden nun fortgeführt, hieß es.

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