Polizei sieht gewaltbereite Fanszene in Aachen im Wandel

Von: Stephan Mohne und Oliver Schmetz
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Laut Polizei mittlerweile stark dezimiert: Während die „Karlsbande“ kleiner wird, gibt es nun neue Gruppen, die für die Polizei noch schwer einzuschätzen sind. Alemannia betont, dass man alles, was möglich ist, gegen Gewalt, Rassismus und Radikalismus tue. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Das Image von Alemannia hat schwer gelitten. Nicht nur wegen der finanziellen und sportlichen Pleiten. Sondern auch wegen der Gewaltbereitschaft einiger „Fans“, wegen Ausschreitungen vor allem bei Auswärtsspielen und wegen der internen Kämpfe zwischen den „Aachen Ultras“ und den „Karlsbande Ultras“, in deren Reihen zudem bekannte Neonazis unterwegs waren.

Auch jüngst waren es wieder einige Chaoten, die beim Ligaspiel in Oberhausen sowie zuletzt beim Testspiel in Wuppertal randalierten. Und wie schätzt die Polizei die aktuelle Lage kurz vor dem ersten Heimspiel ein? Unter dem Strich sieht Polizeidirektor Christian Außem den gewaltbereiten Teil der Fan-Szene im Wandel: „Es ist eine ausgesprochen große Dynamik da.“ Der „Karlsbande“ hätten viele ihrer Anhänger den Rücken gekehrt, dafür gebe es neue Gruppen – die „Chaotic Boys“ oder die „Yellow Connection“ etwa – sowie „viel neues Jungvolk“. Bei der „Karlsbande“ seien zudem deutlich weniger Personen aus der rechten Szene aktiv. „Die kann man an einer Hand abzählen“, so der ständige Einsatzleiter der Aachener Polizei am Tivoli.

Leichter werde es durch die neuen Entwicklungen gleichwohl nicht, sagt Außem. Denn wie die einzelnen Gruppen, die sich ab jetzt mit einigen anderen zusammen im S3-Block direkt hinter dem Tor versammeln wollen, einzuschätzen seien, sei unklar: „Da stochern wir noch etwas im Nebel.“ Zudem habe sich der übrig gebliebene „harte Kern“ der „Karlsbande“ bislang nicht eindeutig von Gewalt distanziert. Man könne aber zumindest jetzt besser mit dieser Gruppierung reden. Trotzdem würde Außem derzeit nicht das Verbot der „Karlsbande“-Zeichen im Stadion – der großen Fahne etwa – aufheben.

Das ist gleichwohl eine Entscheidung, die Alemannia als Hausherr zu treffen hat. Und auch sie hat dies bei einem Gespräch mit der „Karlsbande“ jüngst abgelehnt, wie Geschäftsführer Alexander Mronz sagt. Mronz betont nachdrücklich, dass lediglich ein Bruchteil der Alemannia-Anhänger problematisch sei. Doch diesem Teil gegenüber fahre man eine Null-Toleranz-Linie in Sachen Gewalt, Rassismus und politischem Radikalismus: „Das hat bei uns nichts zu suchen.“ Mronz und sein Team setzen auf Gespräche, Gespräche und nochmals Gespräche, zudem auf die Hilfe der rührigen Fan-IG und des personell neu aufgestellten Fan-Projekts. Bei Auswärtsspielen, seien der Alemannia weitgehend die Hände gebunden – und doch: „Wir schicken eigenes Personal mit, beim Auswärtsspiel in Essen sogar in Massen, um in kleinen Gruppen deeskalierend zu arbeiten. Das ist weit mehr, als wir eigentlich tun müssten, und für uns mit großen Aufwand verbunden“, erläutert der Geschäftsführer.

Dass man das Thema nicht auf die leichte Schulter nehme, zeigten auch die Zahlen. Rund 200 Stadionverbote sind aktuell gültig, alleine 18 seien nach der Randale in Wuppertal dazugekommen. Ein Chaot darf den Tivoli fünf Jahre lang nicht betreten, weil er in den Innenbereich eindrang und von dort eine Flasche in die Zuschauerreihen warf. Christian Außem baut denn auch auf Aktivitäten der neuen Alemannia-Führung: „Es kann nur besser werden“, sagt er mit Blick auf die Kraemer-Ära. Mit Interimschef Michael Mönig hingegen sei es ausgesprochen gut gelaufen.

Und was ist mit dem reduzierten Polizeieinsatz, den Innenminister Ralf Jäger (SPD) bei nicht risikobehafteten Spielen verordnen will?„Bei Spielen wie jetzt gegen Hennef haben wir schon seit längerem den Aufwand zurückgefahren“, sagt Außem. Aus dem Stadion werde man sich unabhängig vom Jäger-Vorstoß bei unproblematischen Partien bis auf Zivilkräfte und Videoüberwachung zurückziehen. Außem: „In der 4. oder 5. Liga muss Fußball auch teilweise ohne Polizei auskommen.“ Den Bremer Vorstoß, dass die Vereine für den Polizeieinsatz zahlen sollen, findet Außem zumindest dahingehend hilfreich, „dass jetzt diskutiert wird“. Vielleicht kämen die Verbände so dazu, mehr Geld in die Fan-Arbeit zu investieren, denn: „Irgendwann sind wir als Polizei überfordert.“

Alexander Mronz hingegen findet den Vorstoß des Ministers „ein starkes Stück“ und fragt: „Wird die Polizei dann demnächst auch keine Demonstrationen mehr begleiten?“ Die Annahme, bei einigen Spielen werde schon nichts passieren, sei „stark bedenklich“, denn letzten Endes könne man das nicht voraussagen. Im Stadion sei Alemannia in der Pflicht, jenseits der Tore aber die Polizei.

Um die Querköpfe in der Fan-Szene bedeutungsloser zu machen, sieht Mronz vor allem ein Rezept: sportlichen Erfolg. Der führe nämlich zu weniger Frustpotenzial und in der Folge weniger Aggression sowie zu mehr Zuschauern, die die gewaltbereite Szene noch stärker isolieren: „Unser Image ist schlechter als die tatsächliche Situation. Alemannia soll wieder als Fußballverein gesehen werden, der guten Sport zu bieten hat.“

Zuletzt habe man auch drei Stadionverbote aufgehoben und eines zur Bewährung ausgesetzt – dem stehen allerdings wie gesagt 18 neue Sanktionen gegenüber. Mronz: „Wir hoffen, dass das bald umgekehrt aussieht.“

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