Polizei: Bei Jugendgewalt„Ausreißer nach oben“

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
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Gewaltsames „Abziehen“: Meist geht es bei Raubüberfällen unter Jugendlichen um die Handys. Foto: Wolfgang Plitzner
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Sieht in den jüngsten Taten keine neue Qualität der Gewalt: Polizeisprecherin Sandra Schmitz. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die beiden Jungen haben offenbar das Pech, genau zur falschen Minute am Bushof zu sein. Denn da fallen sie einer knapp zehnköpfigen Bande von etwa gleichaltrigen Jugendlichen in die Hände. Das brutale Geschehen nimmt seinen Lauf – am helllichten Tag.

Eines der Opfer wird von einem der Täter – 15 Jahre alt – traktiert. Man versucht dem Jungen sein Handy und sein Geld zu rauben. Sein Freund will ihm zu Hilfe kommen. Ein weiterer Täter – 16 Jahre alt – rammt dem Jungen eine abgebrochene Glasflasche in den Hals. Schwerst verletzt kommt das Opfer ins Klinikum, wird operiert.

So sehen die bisherigen Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft zu dem aus, was sich wie berichtet am Dienstagnachmittag mitten in der City abgespielt hat. Die beiden Haupttäter – für die Aachener Polizei bislang unbeschriebene Blätter – sitzen mittlerweile in Untersuchungshaft. Ein Verbrechen auf offener Straße, begangen von Jugendlichen. Und zwar eines in einer ganzen Reihe von brutalen Fällen, die sich in jüngster Zeit ereignet haben.

Doch dieser Eindruck, dass sich schwere Gewaltdelikte unter Jugendlichen in Aachen häufen, spiegelt sich nicht in den Fallzahlen der Aachener Polizei wider. Eher im Gegenteil: „Die Gesamtzahl der Raubüberfälle und schweren und gefährlichen Körperverletzungsdelikte ist tendenziell leicht gesunken“, sagt Polizeisprecherin Sandra Schmitz mit Blick auf die erste Jahreshälfte. Und da bei den angezeigten Delikten oftmals die Tatverdächtigen fehlten, könne man häufig keine genaue Aussage treffen, ob es sich um tatverdächtige Jugendliche oder gar Kinder handele. Allerdings liege dieser Rückschluss nahe, weil „Straßenraub eines der typischen Delikte der Jugendkriminalität ist“.

Die heutige Situation sei nicht vergleichbar mit den Jahren 2000 bis 2006, als die Fallzahlen in der Jugendkriminalität „alarmierend in die Höhe gegangen“ seien, sagt Schmitz. Gleichwohl könne man den „subjektiven Eindruck“ vieler Bürger, dass die Gewalttaten zunähmen, durchaus nachvollziehen – zumal die Polizei gerade in den vergangenen Wochen einige „Ausreißer nach oben“ festgestellt habe. Eine Auswahl dieser „Ausreißer“ liest sich im Überblick wie folgt:

22. Juni: Am Peterskirchhof gleich neben dem Bushof wird ein 22-Jähriger nachts von drei Jugendlichen ohne Vorwarnung niedergeschlagen. Die Täter rauben Geld und Handy. Wenige Stunden später wird einem 15-Jährigen von drei Jugendlichen im Westpark das Handy geraubt, nachdem die Täter ihm zuvor brutal ins Gesicht geschlagen haben. Wiederum wenig später wird ein 35-Jähriger in der Reumontstraße beraubt – erneut sind die Täter drei Jugendliche.

27. Mai: Ein 29-Jähriger wird von vier Jugendlichen in der Turpin-straße mit einer Waffe bedroht, er muss sein Handy herausrücken. In diesem Zusammenhang hat die Polizei vor wenigen Tagen einen 17-Jährigen festgenommen, der zusammen mit seinen Mittätern für eine ganze Reihe von Raubtaten verantwortlich zeichnen soll. Dabei wurden die Opfer mit dem Tode bedroht, indem ihnen jeweils eine Waffe an den Kopf gedrückt wurde. In einem Fall soll der Haupttäter so einen 35-Jährigen gezwungen haben, an einem Geldautomaten eine große Summe abzuheben, die dem Opfer dann geraubt wurde. Bereits im Mai hatte die Polizei einen 14-Jährigen festgenommen, der ebenfalls für eine ganze Reihe brutaler Raubüberfälle verantwortlich sein soll.

15. Mai: Erneut sind es vier jugendliche Täter, die in der Unterführung zwischen Kasino- und Hackländerstraße einen 27-Jährigen überfallen und ihn laut Polizei mit einem „pistolenähnlichen Gegenstand“ bedrohen. Auch hier die Beute: Geld und Handy.

20. April: Ein 15-Jähriger wird von drei 16 bis 18 Jahre alten Tätern im Frankenberger Viertel überfallen und ausgeraubt. Ihm wird in den Magen geschlagen und ein Messer an den Hals gedrückt. Ebenfalls in diesem Bereich wird wenige Stunden später ein 34-Jähriger ausgeraubt. Nochmals kurz darauf wird ein 23-Jähriger am Adalbertsteinweg Opfer eines Raubes. Die drei jugendlichen Täter drohen damit, ihn „abstechen“ zu wollen. Zwei 14 und 15 Jahre alte Täter werden festgenommen. Sie sind bereits mehrfach mit Gewalttaten und Diebstählen in Erscheinung getreten.

12. April: Diesmal sind die Täter 16, 17 und 18 Jahre alt. Sie alle haben schon dicke Polizeiakten wegen Diebstahls, Raubes, räuberischer Erpressung, Körperverletzung und gefährlicher Körperverletzung. Diesmal haben sie sich einen Obdachlosen am Ponttor vorgenommen. Eine 18-Jährige und ein 27 Jahre altes Pärchen schreiten mutig ein. Dafür werden sie massiv beleidigt, dem Mann wird in den Bauch getreten.

12. Januar: Drei Jugendliche rauben drei andere Jugendliche – 14 und 15 Jahre alt – aus. Die Täter drohen mit dem Einsatz einer Schusswaffe. Auch diese Tat ereignet sich während der samstäglichen Ladenöffnungszeit um 17.30 Uhr.

Jugendliche Täter, die ihren Opfern Pistolen an den Kopf drücken, Messer an den Hals halten, die mit dem Tode drohen, die brutal zuschlagen oder gar zustechen – auch diesen Eindruck einer zunehmenden Brutalität mag die Polizei nicht bestätigen. Sandra Schmitz verweist im Gegenteil darauf, dass bei den allermeisten Raubdelikten keine Brutalität stattfinde, weil die Täter in der Regel mit Gewalt drohten, ohne diese anzuwenden. Und dass die „Qualität der Taten“ zunehme – also dass etwa auf ein Opfer eingeprügelt werde, obwohl es schon am Boden liege, sei auch nicht neu: „Diese Entwicklung ist schon vor Jahren aufgefallen, und wir sind ihr mit unserem Intensivtäterkonzept begegnet“, sagt Schmitz.

Dieses Konzept wurde ins Leben gerufen, als die Zahl der Gewalttaten von Jugendlichen bis 2006 förmlich explodierte und man ein eigenes Jugendkommissariat einrichtete. Dort werde eine Intensivtäterliste geführt, auf der seit Jahren „so um die 80 Personen“ verzeichnet seien. Dort ermittle man täterorientiert, betreibe Vorbeugung, gehe in die Familien der Täter. „Die Ermittler kennen ihr Gegenüber und umgekehrt“, sagt Schmitz. Außerdem arbeite man eng mit Jugendamt und Jugendstaatsanwälten zusammen, damit die Verfahren schnell abgearbeitet werden und die Strafe auf dem Fuß folge. Bei der Aachener Polizei ist man überzeugt, damit auf dem richtigen Weg zu sein: „Auch diesem Konzept ist es zu verdanken, dass die Zahlen seitdem stetig gesunken sind“, meint die Sprecherin. Dafür spräche auch die Aufklärung mehrerer Raubserien in den letzten Monaten.

Bei der Prävention will man nun noch früher ansetzen. „Kurve kriegen“ heißt das Programm, für das Aachen eine von acht Modellregionen in NRW ist. Es richtet sich an Kinder in problematischen Verhältnissen, die bereits auffällig geworden sind, und setzt bereits bei Achtjährigen an – damit diese zum Beispiel nicht, wenn sie dann 16 sind, ihrem Gegenüber eine abgebrochene Glasflasche in den Hals rammen.

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