„Poetischer Anfall” zeigt Max Frischs Satire „Die chinesische Mauer”

Von: Hanna Sturm
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Aachen. Der Kaiser von China turtelt mit Kleopatra, Napoleon streitet mit einem modernen Intellektuellen über Demokratie, und Kolumbus gewinnt die bittere Erkenntnis, dass er Indien nie erreicht hat.

Es ist eine Art anachronistisches Klassentreffen historischer und literarischer Größen, das die Theatergruppe „Poetischer Anfall” mit Max Frischs „Die chinesische Mauer” in der Mensa Academica an der Turmstraße auf die Bühne bringt.

Der chinesische Kaiser hat Romeo und Julia, Brutus, Kolumbus, Pontius Pilatus und andere Persönlichkeiten eingeladen, um seinen Sieg über die Barbaren und sein nächstes Prestigeprojekt anzukündigen: den Bau der chinesischen Mauer. Da aber die einzige wahre Bedrohung des Großreiches nicht von außen, sondern von kritischen Stimmen im eigenen Volk kommt, wird die Mauer zu einem absurden Machtsymbol.

Aber auch die Bedeutung der Historie selbst wird durch den Anachronismus in Frage gestellt. Verblüfft stellt etwa Brutus, gespielt von Florian Irrek, fest, dass es auch nach seinem Attentat immer noch Kaiser gegeben hat. Auch der von Nicole Kuckartz dargestellte Napoleon gerät völlig außer sich, als er erfahren muss, dass seine Neuordnung Europas keinen Bestand hatte.

Ebenfalls sehr amüsant vermittelt Conrad Schnöckel die Verzweiflung Kolumbus´ darüber, dass er niemals Indien erreichte. „Sie haben es Amerika genannt”, kann er nur immer wieder ungläubig wiederholen. Wenn das, was zu ihren Lebzeiten die Wahrheit war, in anderen Epochen nicht mehr gültig und als Irrtum entlarvt ist, ist dann die ganze Menschheitsgeschichte nur ein großes Theater? So beginnen die großen Herrscher und Entdecker, auch an sich selbst zu zweifeln.

Zwischen all diesen historischen Figuren bewegt sich „Der Heutige”, ein gebildeter Mann aus dem 20. Jahrhundert. Mit einem guten Gespür für ironische Pointen spielt Johannes Bachstädter diesen Juristen, der versucht, die einstigen Herrscher davon zu überzeugen, dass ihre Wiederkehr in einer Zeit der Wasserstoffbombe nur den Untergang der Menschheit bedeuten würde.

Aber Geschichte wiederholt sich, das ist auch eine Aussage des Stücks, das mit einer Art Appell zu Rettung der Welt endet, der mit Hinblick auf Kriege, Klimawandel und Wirtschaftskrise auch über 50 Jahre nach der Uraufführung nichts an Aktualität verloren hat.

Den aktuellen Bezug sieht auch Lars Temme, der für die Regie zuständig ist. „Wir haben ein paar moderne Anspielungen eingefügt, aber in der gesamten Aussage ist das Stück schon noch sehr modern”, so der Physikstudent über sein Regiedebüt.

Weitere Aufführungen von „Die chinesische Mauer” gibt es am Montag, 17. Mai, sowie am Dienstag, 18. Mai, jeweils 20 Uhr, im Theatersaal der Mensa Academica, Turmstraße 3.
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