„Poetischer Anfall“ zeigt „A Clockwork Orange“

Von: Svenja Pesch
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Fragwürdige Therapie im Gefängnis: In „A Clockwork Orange“ spielt die Theatergruppe mit menschlichen Abgründen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Alex ist einer von den ganz harten Jungs. Einer, der nicht bloß redet, nein, der sofort zuschlägt. Und einer der sogar noch weiter geht und einen Mord begeht. Einfach so. Aus Langeweile. Alex ist dann nicht mehr Alex, sondern Nummer 6655321 und sitzt in einem übervollen Gefängnis und wartet auf sein neues Ich.

Was sich nach schwerer Kost anhört, ist das neue Theaterstück der Theatergruppe „Poetischer Anfall“. In „A Clockwork Orange“ von Anthony Burgess geht die Gruppe der Frage auf den Grund, ob man einem Menschen die Fähigkeit nehmen darf, sich zwischen Gut und Böse entscheiden zu können.

Alex erhält im Gefängnis eine neue Behandlungsmethode, die ihm jegliche Begabung nehmen soll, Böses zu tun. Als Belohnung für die überstandene Therapie wird er aus der Haft entlassen. Das radikale „Ludovico-Heilverfahren“ macht aus Nummer 6655321 wieder den Menschen Alex, der durch die grausamsten Bilder, die ihm gezeigt wurden, eine Veränderung durchlebt hat. Das Ludovico-Verfahren ist geglückt. Was interessieren ihn dann noch die mahnenden und zugleich besorgten Worte des Gefängniskaplans?

Dieser lehnt die neue Technik komplett ab, schließlich sei ein Mensch kein Mensch mehr, wenn er nicht frei entscheiden könne. Aber wer braucht hier schon eine moralische oder gar ethische Instanz? Eben. Und so beginnt Alex neues Leben in Freiheit und prompt wird er von der knallharten Realität eingeholt. Denn da draußen hat sich nichts geändert. Nur er ist ein neuer, willenloser Mensch, der nach der Therapie schon bei den kleinsten Anzeichen von Gewalt mit starker Übelkeit zu kämpfen hat.

Die Darsteller schaffen es, den Zuschauer während des Stückes immer wieder mit der Frage zu konfrontieren, ob Alex nun tatsächlich ein besserer Mensch ist, oder ob mit der Therapie schlichtweg eine Grenze überschritten wurde. Denn auch das Ende lässt Raum für Spekulationen. Alex wird von seiner Vergangenheit eingeholt, er büßt für das, was er anderen angetan hat und erlebt das Gefühl, selbst Opfer und nicht Täter zu sein.

Die beiden Regisseure Lea Gensler und Sven Fritzsche zeigen eindrucksvoll, dass es insbesondere in ethischen Fragen schwer ist, eine klare Position zu vertreten, wenn man alle Aspekte beleuchtet. Gesellschaftskritisch, provokant und teilweise sogar melancholisch sind die Dialoge der Darsteller. Vor allem Beethovens Kompositionen, für die der Protagonist einst schwärmte und die so gar nicht zu dem gewalttätigen Schläger gehören, sind im nach der Ludovico-Therapie zuwider.

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