Plötzliches Aus für Gates zieht weite Kreise

Von: Thorsten Karbach
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„Wir kämpfen weiter - aber ohne wilden Aktionen”: Dennis Radtke, Gewerkschaftssekretär der IG BCE, spricht bei einer Kundgebung am Werkstor zu den Gates-Mitarbeitern. 350 stellen stehen hier vor dem Aus, doch auch Zulieferer sind betroffen. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Der Schock über das Aus ist immer noch allgegenwärtig. Rund um die Gates GmbH wurden Friedshofskerzen aufgestellt. Die Botschaft der fassungslosen Mitarbeiter ist klar: Hier soll ein Unternehmen beerdigt werden.

350 werden in diesem Jahr ihren Job verlieren, weil im türkischen Izmir künftig für 2,60 Euro Stundenlohn produziert werden kann.

Erst nach und nach werden nun - am Mittwoch gab es eine große Kundgebung vor dem Werkstor - die Ausmaße des Endes der Produktion am Aachener Standort deutlich. Neben den 350 Gates-Mitarbeitern stehen nach Schätzungen der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) weitere 250 Stellen von Gates-Zulieferern vor dem Aus.

Betroffen seien laut Betriebsrat aber beispielsweise auch die Behindertenwerkstätten der Lebenshilfe, die einen Großteil ihrer Aufträge bislang vom Aachener Gates-Werk erhalten. „Ich kann es einfach nicht begreifen”, sagt Gates-Betriebsrat Klaus Meyer sechs Tage nach der bitteren Nachricht vom Aus des Produktionsstandortes.

Am Nachmittag hatte es noch einmal eine außerordentliche Betriebsversammlung gegeben. Die Stimmung war nicht nur schlecht, sie hatte sich in den letzten Tagen aufgeheizt. Erst recht, nachdem die Geschäftsleitung die Mitarbeiter zu Überstunden aufgefordert hatte, um die vielen Aufträge zu erfüllen.

Und so wurde es emotional und emotionaler bis schon von einer Werksbesetzung die Rede war. Doch die wird es nicht geben. „Ich halte nichts von wilden Aktionen. Wir werden weiter kämpfen - aber anders”, sagt Gewerkschafter Dennis Radtke.

Der Fahrplan führt Gewerkschaft und Betriebsrat stattdessen nächste Woche zu einer Aktionsversammlung nach London. Dort wird man ein Konzept vortragen, das mit Lohnverzicht und Hilfe der Stadt - etwa bei Grundstücksfragen für eine Standorterweiterung - doch noch die Arbeitsplätze erhalten soll. Radtke sagte aber auch: „Gute Arbeit hat ihren Preis, die gibt es nicht für Billiglöhne. Wir sind teurer als andere Standorte - aber eben auch besser.”

Dennoch gibt es keine Signale, über das Aus noch einmal zu verhandeln. „Die Geschäftsleitung in Aachen will schnellstmöglich über den Sozialplan sprechen, aber wir wollen erst unser Konzept vorstellen”, erklärte Radtke.

Überhaupt hat die Belegschaft massive Zweifel am Willen der Aachener Geschäftsleitung, für den Standort Aachen zu kämpfen. „Wo sind die Leute, die hier Verantwortung tragen. Wo sind die Manager, die für ihren Standort kämpfen?”, fragte Radtke in die Runde. Sie waren nicht anwesend.

Überwältigende Solidarität

Unterstützung gibt es dagegen von Politik, Kirche und den Gewerkschaften. Deren Vertreter zeigten sich bei der Kundgebung solidarisch, mischten sich unter die rund 400 Gates-Mitarbeiter und ihre Familien. Kinder mit traurigen Augen drückten sich an ihre Väter und Mütter.

„Es ist eine Ungeheuerlichkeit mitanzusehen, was hier mit Familien passiert”, sagt Regionaldekan Josef Voß als Vertreter des Bistums. „Das hier ist kapitalistisches Kriegsgewinnlertum auf Kosten der Belegschaft”, schimpfte IG Metall-Bevollmächtigter Franz-Peter Beckers. „Die Solidarität ist überwältigend, wir können uns nur dafür bedanken”, sagte Betriebsrat Meyer.

„Es ist nicht die Zeit für Versprechungen, und wir können nicht viel anbieten, aber wird werden alles tun”, versprach CDU-OB-Kandidat Marcel Philipp. „Die Situation erscheint ausweglos, aber es ist wichtig, dass wir nun zusammenstehen”, erklärte SPD-OB-Kandidat Karl Schultheis. Und auch Horst Schnitzler, OB-Kandidat der Linken, die Grünen-Sprecher Helmut Ludwig und Sabine Göddenhenrich und weitere Ratsherren suchten den Dialog mit den Betroffenen.

Sie würden auch den zu den Entscheidern suchen - doch hier stellt sich weiterhin das Problem, dass unklar ist, wo über die Zukunft des Standorts Aachen geurteilt wurde - bei der Gates-Zentrale in Denver oder bei der Gates-Mutter Tomkins PLC in London. Die Suche geht weiter. Der Schock bleibt.
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