Pipelineplaner treten kräftig aufs Gaspedal

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
12452166.jpg
Überraschende Wende: Nicht in Verlautenheide, sondern direkt an der A4 auf Würselener Gebiet soll nun eine Verdichterstation für die Pipeline Zeelink gebaut werden. Foto: Michael Jaspers, OGE
12452170.jpg
Durch Waldstücke werden für das Projekt 30 Meter breite Schneisen geschlagen. Foto: Michael Jaspers, OGE
12452163.jpg
Überraschende Wende: Nicht in Verlautenheide, sondern direkt an der A4 auf Würselener Gebiet soll nun eine Verdichterstation für die Pipeline Zeelink gebaut werden. Foto: Michael Jaspers, OGE
12451354.jpg
Pipelineplaner Helmut Roloff...
12451363.jpg
..., sowie Bård Strand ...
12451358.jpg
... und Bård Strand von Open Grid Europe (OGE) haben dieses Projekt im Blick.

Aachen. Das Datum steht, und aus Sicht der Pipelinebauer ist es unverrückbar. „Am 31. März 2021 muss das Gas fließen“, sagt Helmut Roloff, „sonst wird es dunkel.“ Roloff ist Pressesprecher des Gasriesen Open Grid Europe (OGE, vormals „E.ON Ruhrgas“), der mit seinem aktuellen Pipeline-Projekt namens „Zeelink“ in Aachen seit einigen Monaten Politik und Verwaltung gleichermaßen auf die Barrikaden bringt.

Und dass es dunkel werden könnte oder die Menschen frieren müssten, weil sie kein Gas mehr kriegen, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung öfter mal.

Denn OGE beruft sich bei seinem 600-Millionen-Euro-Projekt, das den Gasfluss über 215 Kilometer vom belgischen Eynatten bis ins westfälische Ahaus sichern soll, vor allem auf eines: auf die Versorgungssicherheit, derentwegen auch die Bundesnetzagentur das Vorhaben als dringend notwendig ansehe. Soll heißen: Diese Pipeline muss gebaut werden, auch wenn es hier und da auf Kosten von Natur und Umwelt geht (siehe auch Info-Kasten).

Dass Aachen in dieser Hinsicht jedoch „ein Nadelöhr“ ist, räumt man bei OGE ein. Immerhin regt sich hier heftiger Widerstand, weil sowohl die „Vorzugstrasse“ von Lichtenbusch aus südlich um Brand herum nach Verlautenheide als auch die Alternativroute westlich bzw. nördlich um Aachen herum quer durch Wald- und Naturschutzgebiete, Wasserschutzzonen und Baugebiete verlaufen. Und dann ist da ja auch noch die riesige und heftig umstrittene Verdichterstation, die bislang in Verlautenheide gebaut werden sollte.

Hier aber gibt es nun die überraschende Wende. Man habe vom Standort Verlautenheide Abstand genommen, weil dieser „nicht genehmigungsfähig“ sei, erklärt OGE-Projektmanager Bård Strand. Grund sei, dass auf dem ins Auge gefassten Areal ein Bodendenkmal liege – die römische Villa Rustica –, das nicht beschädigt werden dürfe. Gut möglich ist aber auch, dass der heftige Widerstand, der sich in Haaren und Verlautenheide sofort nach Bekanntwerden der Pläne erhob, die Pipelinebauer aufgeschreckt hat.

„Das Wichtigste für uns ist die Planungssicherheit“, betont Strand immer wieder. Und wenn sich nicht nur über alle Fraktionen hinweg die Politik, sondern auch die Verwaltung gegen einen Plan auflehnen, ist es mit der Sicherheit nicht mehr so weit her. Deshalb haben sich die OGE-Planer anderweitig umgeschaut und sind nur ein paar hundert Meter entfernt fündig geworden.

Auf der anderen Seite der Autobahn, auf Würselener Stadtgebiet, soll die Station nun auf einem 5,5 Hektar großen Grundstück gebaut werden. Man habe das Projekt bereits in der vorigen Woche im Würselener Umwelt- und Stadtentwicklungsausschuss präsentiert und sei dort auf Zustimmung gestoßen, erzählt Strand: „In Würselen will man uns haben.“

Von der neuen Entwicklung habe man die Aachener, bei denen die Pipelinepläne und die Verdichterstation aktuell in allen Bezirksvertretungen und diversen Ausschüssen Thema sind, aber nicht unterrichtet. „Das sehen wir nicht als unsere Aufgabe an“, sagt Strand.

Gesprächsbedarf und Konfliktstoff dürfte es aber auch so zur Genüge geben. Denn die „Vorzugsvariante“, bei der die Pipeline das Naturschutzgebiet Indetal, das geplante Naturschutzgebiet Rollefbachtal, den Brander Wald, den Reichswald und das Wasserschutzgebiet Eicher Stollen durchschneidet, wird von der Stadtverwaltung glattweg abgelehnt.

Schließlich entspricht sie fast genau der von RWE geplanten Gastrasse, gegen die die Stadt 2008 erfolgreich bei der Bezirksregierung Arnsberg klagte. Damals erging im Raumordnungsverfahren der Beschluss, dass eine Alternativtrasse zwischen Brand und Forst hindurch entlang der A44 genutzt werden müsse – was die Stadt auch im jetzigen Raumordnungsverfahren als Alternative vorschlägt.

Die, so sagte es Umweltamtsleiter Elmar Wiezorek gestern im Umweltausschuss – der übrigens noch keine Ahnung von den aktuellen Entwicklungen etwa in Sachen Verdichterstation hatte – sei auch nicht konfliktfrei, aber zumindest „konfliktminimierend“.

Die OGE-Planer sehen dagegen ihre Vorzugsvariante als technisch gut machbar und ökologisch vertretbar an. Sie sprechen allerdings auch nicht vom Bäumefällen, wenn für die Pipeline 30 Meter breite Schneisen durch den Wald geschlagen werden, sondern davon, dass „Waldflächen aufgeweitet werden“.

Und der Eicher Stollen stellt aus Sicht des OGE-Planungsleiters Maik Ulbrich auch kein Problem dar. Man habe Probebohrungen vorgenommen, eine Gefährdung der Wasserschutzzone sei ausgeschlossen. „Diese Trasse wäre baubar“, sagt Ulbrich.

Die von der Stadt vorgeschlagene Alternative entlang der Autobahn habe man bislang nicht geprüft, weil dort kein Platz für eine weitere Pipeline sei. Dort gebe es bereits mehrere Gasleitungen, außerdem sei eine Stromtrasse geplant. „Das ist ein Nadelöhr“, sagt Ulbrich, „das ist technisch nicht machbar.“

Die einzige Möglichkeit wäre, die seit 2008 dort reservierte Trasse zu nutzen. Gebaut wurde diese Pipeline bislang nämlich nicht. RWE hat die Trassenrechte aus dem damaligen Raumordnungsbeschluss längst weiterverkauft, derzeitiger Besitzer ist der belgische Fluxys-Konzern.

„Wir sind in ersten Gesprächen, ob wir diesen Korridor nutzen können“, sagt Ulbrich. Dabei wird vermutlich um Millionenablösen gefeilscht wie auf dem Fußballtransfermarkt, aber OGE ist an jeder Alternative interessiert. Schließlich müssen die Pipelineplaner kräftig aufs Gas treten, um bis Ende März 2021 fertig zu werden.

Und dafür brauchen sie vor allem – Planungssicherheit. Allerdings: So wie im Jahr 2008 wird der Kelch nicht an der Stadt vorübergehen. Diese Gaspipeline wird gebaut, irgendwie und irgendwo in Aachen, davon sind die OGE-Planer überzeugt. Schließlich ist da ja diese Sache mit der Versorgungssicherheit. Damit es nicht irgendwann, wie es Unternehmenssprecher Roloff gerne formuliert, dunkel und kalt wird.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert