Philips: Nach Gift im Boden jetzt PCB im Gebäude

Von: Stephan Mohne
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PCB-Schleuder auf dem Philips-Gelände: Ein 4000 Quadratmeter großes Multifunktionsgebäude weist hohe Werte auf. Es ist geräumt worden. Auch die Blutwerte von Mitarbeitern sind erhöht. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Sünden der Vergangenheit kommen Philips teuer zu stehen und werden zum Millionengrab für den Konzern - die hausgemachten wie auch die bautechnischen. Aktuell musste der Konzern den Bau „VM1” räumen lassen. Das 4000 Quadratmeter große Gebäude aus den 1970er Jahren ist mit PCB vergiftet.

Festgestellt worden ist das bei einer Analyse aller Hallen und Häuser auf dem riesigen, 310.000 Quadratmeter großen, Areal in Rothe Erde. Diese Untersuchung ist Vertragsbestandteil beim Verkauf des Grundstücks 2007 gewesen. Dem Weltkonzern gehört das Gelände nebst Aufbauten nicht mehr, sondern einer britischen Investmentgesellschaft. Philips ist Mieter - und muss trotzdem viele Millionen Euro für Sanierungen in die Hand nehmen. Schließlich steht auch noch die Entgiftung des mit Halogenkohlenwasserstoffen verseuchten Bodens aus.

Zunächst ging es jetzt aber um PCB. Im Herbst waren vom beauftragten Gutachter Nils Hederich teils stark erhöhte Werte in dem von rund 80 Mitarbeitern genutzten Bau festgestellt worden. Im Schnitt lagen sie bei über 3000 Nanogramm pro Kubikmeter Luft. Sofortmaßnahmen wurden eingeleitet, mittlerweile ist das Gebäude weitgehend geräumt. Ab Frühjahr soll es aufwändig saniert werden.

40 der Betroffenen haben sich laut Werkleiter Karl Spekl bisher untersuchen lassen. Laut Werksarzt Dr. Michael Suchodoll sind bisher 22 Blutproben ausgewertet, 17 davon wiesen erhöhte PCB-Werte auf. Diese wichen aber vom ohnehin bei allen Menschen messbaren Wert relativ geringfügig ab, erklärte Professor Thomas Kraus vom RWTH-Institut für Arbeits- und Sozialmedizin. Jeder nimmt aufgrund der weltweiten Belastung PCB über die Nahrung zu sich. Diese PCB-Arten reichern sich im Körper an. Kraus war jüngst im PCB-Skandal bei der Dortmunder „Envio” aktiv. Dort habe man es mit ganz anderen PCB-Werten zu tun gehabt.

Dennoch: Am Dienstag gab es eine Versammlung der Betroffenen. Spekl betont, man biete ihnen Beratung und Hilfe an. Krankheitsfälle gebe es bisher nicht. Kraus und Suchodoll gehen davon aus, dass die PCB sich binnen drei bis fünf Jahren in den Körpern abbauen werden. Untersucht wurden auch Mitarbeiter, die früher dort arbeiteten. Sie weisen heute keine oder knapp unter der Grenzmarke liegenden Werte auf.

Die PCB-Sanierung fällt auf dem Gelände vom Umfang her allerdings unter den Begriff „Peanuts”. Denn vor allem die Verseuchung des Bodens durch das gefährliche Tetrachlorethen, das früher zur Entfettung eingesetzt wurde, ist gigantisch. Teils zigtausendfach erhöhte Werte wurden gemessen. Gearbeitet wird immer noch an einem Konzept, wie man das in Boden und Grundwasser befindliche Gift, das zu Hirnschäden und Erblindung führen kann, wegbekommt.

Für die auf dem Gelände arbeitenden Menschen gehe von diesen Stoffen aber keine Gefahr aus. Da seien sich die Experten sicher, so Spekl. Möglicherweise geht es hier um zweistellige Millionenbeträge, auch wenn Philips derzeit noch keine Zahlen nennen will. Ein Trost für Philips: Alle anderen untersuchten Gebäude sind in Sachen Schadstoffe „sauber”.

PCB gehören zum „dreckigen Dutzend”

Zur Gruppe der polychlorierten Biphenyle (PCB) gehören insgesamt 209 organische Chlorverbindungen. PCB gehören mittlerweile zum sogenannten „dreckigen Dutzend”, einer Reihe von schwer abbaubaren Umweltgiften, die sich weltweit verbreiten und weltweit geächtet sind.

In Deutschland wurden PCB bis 1982 in großem Maße hergestellt und verwendet. Eingesetzt wurden sie unter anderem zur Isolierung von Trafos und Kondensatoren, als Weichmacher in Kunststoffen wie Fugendichtungen, Deckenverkleidungen und Kabelummantelungen sowie als Flammschutzmittel in Lacken, Farben, Klebstoffen und Ölen.

Über Tierversuche fand man heraus, dass PCB krebsfördernd sein könnten. Sie sind zudem fruchtschädigend, können vor allem bei Männern zu Unfruchtbarkeit führen und können unter anderem Leber, Nieren, Nerven und Blut schädigen.

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