Philips: Eltern gehen auf die Barrikaden

Von: Stephan Mohne
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Heikle Nachbarschaft: Das Auß
Heikle Nachbarschaft: Das Außenspielgelände der Kita Weißwasserstraße grenzt unmittelbar an den Industriepark. Gleich hinter dem Zaun sollen ab Frühjahr tausende Kubikmeter ausgebaggert werden, weil dort Chemikalien Boden und Wasser belasten. Die Eltern der Kinder fordern, die Kindertagesstätte während dieser Arbeiten auszulagern. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Im Frühjahr sollen die Bagger anrücken - und die Laster rollen. Hunderte. Ein knappes halbes Jahr lang. Der Auftakt zur gigantischen Altlastensanierung im Industriepark Rothe Erde steht bevor.

Das Problem: Tausende Kubikmeter Erde müssen in diesem ersten Abschnitt direkt neben der Kindertagesstätte Weißwasserstraße ausgehoben und weggekarrt werden. Und anschließend kommt ebenso viel Erde wieder zurück, um das Loch zu füllen. Grund ist die teils extreme Vergiftung des Bodens und des Grundwassers in Teilen des 310.000 Quadratmeter großen Industrieparks mit „Leicht flüchtigen chlorierten Kohlenwasserstoffen” (LCKW). Zuständig für die Sanierung ist Philips als frühere Eigentümerin des Geländes, geplant wird die umfassende Entgiftung in Koordination mit der Stadt. Jetzt aber gehen jene Eltern auf die Barrikaden, deren Kinder die Kita Weißwasserstraße besuchen. Sie verlangen, dass die Kindertagesstätte für die Dauer der Arbeiten ein Ausweichquartier erhält, also ausgelagert wird.

Bagger direkt am Spielgelände

Tatsächlich grenzt das erste Sanierungsgebiet, in dem früher ein Abfalllager angesiedelt war, unmittelbar an die Außenspielflächen der Kita. Die Bagger würden mithin nur wenige Meter von den Kindern entfernt zum Einsatz kommen. Im Umweltausschuss hatten von Philips beauftragte Gutachter jüngst erklärt, es werde alles getan, um die Belastung durch Lärm oder Staub für die Kita so gering wie möglich zu halten. Unter anderem soll am Zaun, der die Grundstücke trennt, eine Schutzplane installiert werden. Gefahr durch die Giftstoffe bestehe ohnehin keinesfalls. In diesem Bereich des Philips-Geländes ist bei Bohrungen in Boden und Grundwasser vornehmlich Tetrachlorethen gefunden worden, das bei Philips früher zur Glasentfettung verwendet und früher zum Beispiel auch in chemischen Reinigungen eingesetzt wurde. Der Stoff gilt als krebserregend. Im Grundwasser wurden Spitzenwerte gemessen, die den als unbedenklich geltenden Schwellenwert um das 240-fache überschreiten. Das ist zwar noch wenig im Vergleich zu anderen Stellen des Geländes, wo die LCKW-Schwellenwerte bis zum 35 000-fachen überschritten sind. Was die Sache für die Eltern aber keineswegs beruhigender gestaltet.

Sie haben nämlich bei einem Informationsabend Mitte Dezember den Eindruck gewonnen, „dass im laufenden Sanierungsverfahren die Interessen unserer Kinder nicht ausreichend Berücksichtigung finden”, schreibt Elternratsvorsitzende Claudia Coesfeld namens der gesamten Elternschaft in einem offenen Brief, der unter anderem an OB Marcel Philipp und Stefan Remmert, den Altlasten-Koordinator bei Philips in Hamburg, geschickt wurde. Bei der Veranstaltung habe sich selbst der Fachbereich Kinder, Jugend und Schule dahingehend geäußert, nicht genügend Gehör im Verfahren zu erhalten. „Wir wollen nicht, dass unsere Kinder dem Risiko erhöhter Schadstoffbelastungen ausgesetzt sind, die durch das Ausbaggern des kontaminierten Bodens nur wenige Meter neben dem Außengelände der Kita entstehen kann”, so die klare Aussage der Eltern. Außerdem habe es auf dem Gelände der Kita selbst noch gar keine Bohrungen zur Untersuchung der Schadstoffbelastung gegeben. In einer Verwaltungsvorlage war jüngst zu lesen, dass die Gutachter dort nicht von bedenklichen Werten ausgehen. Zudem sei, so Coesfeld, bei dem Infoabend nicht schlüssig vermittelt worden, „dass die geplanten Messungen und Schutzmaßnahmen auch für unvorhergesehene Zwischenfälle wie das Auffinden konzentrierter Schadstoffmengen zum Beispiel in alten Fässern ausreichend durchdacht sind und eingerichtet werden”.

Die Furcht vor den Schadstoffen ist die eine Sache. Die andere sind Lärm, Staub und Dreck. Coesfeld: „Wir wollen nicht, dass unsere Kinder über 20 Wochen in Frühjahr und Sommer nicht mehr auf dem Außengelände spielen können, ohne ständig Baggerlärm, Staub und Erschütterungen ertragen zu müssen.” Zumal: In der Kita gibt es auch 18 Kinder unter drei Jahren. Vor allem sie brauchen während des Tages Schlaf und Ruhe. Ob das dann möglich ist, wird in der Kita bezweifelt. Und dann wäre da noch das Personal: „Wir wollen nicht, dass die Erzieherinnen fast ein halbes Jahr damit verbringen müssen, besorgte Eltern zu beruhigen, nervöse Kinder zu besänftigen und ihre eigene Belastung aufgrund der Baustelle zu bewältigen, anstatt sich um das Wohl, die Erziehung und Bildung unserer Kinder zu kümmern”, so die Elternratsvorsitzende. Von Philips fordern die Eltern, gemeinsam mit der Stadt für eine Auslagerung der Kita zu sorgen. Das müsse angesichts von zwei Millionen Euro Kosten alleine für diesen ersten Sanierungsabschnitt möglich sein. Von der Stadt wird erwartet, „ihr Engagement nicht auf technische und planerische Belange zu konzentrieren, sondern insbesondere die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber den Kindern zu übernehmen”. Der Fachbereich Kinder, Jugend und Schule müsse gleichberechtigt in die Entscheidungen einbezogen werden.

Vorübergehend in Container?

In diesem Fachbereich gibt es dem Vernehmen nach Ideen, die Kita vorübergehend in Container umzusiedeln. Das allerdings wäre nicht bis zum Sanierungsbeginn im Frühjahr machbar. Philips müsste dazu wohl den Start der Arbeiten verschieben. Ein noch ausstehendes Lärmgutachten soll unterdessen nun bei der Stadt vorliegen, Details wurden noch nicht bekannt. Philips hat in einer Antwort an die Eltern nochmals bekräftigt, die Interessen der Kinder und Anwohner im Auge zu haben. Bei der Stadt hieß es zunächst, im Januar werde es weitere Abstimmungsgespräche geben. Die Eltern ihrerseits bieten „tatkräftige Hilfe bei der Auslagerung der Kita” an.
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