Brand - Pfarrerin Monica Schreiber: „Das Osterei gibt es schon seit dem Mittelalter“

Pfarrerin Monica Schreiber: „Das Osterei gibt es schon seit dem Mittelalter“

Von: Katrin Fuhrmann
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Freut sich auf die Osternacht: Monica Schreiber erwartet am Karsamstag einen gut besuchten Gottesdienst. Ab 23 Uhr wird bis in die Morgenstunden gebetet und gefeiert. Der Gottesdienst hat in der Gemeinde Tradition. Foto: Michael Jaspers

Brand. Es ist gut ein Jahr her, dass Monica Schreiber ihr Amt als Pfarrerin an der Emmaus-Kirche in Aachen-Brand angetreten hat. Seitdem hat sie sich vor allem der Kinder- und Jugendarbeit gewidmet. In der Gemeinde hat sie sich gut eingelebt.

Besonders die Vielfalt und das Engagement der Gläubigen schätzt sie. Die Ostertage verbringt die gebürtige Gießenerin mit ihrer Familie und in der Gemeinde. Was sie von der allgemeinen Ostertradition hält, warum Ostern überhaupt Ostern heißt und wie sie Kindern den evangelischen Glauben näher bringen will, erzählt Monica Schreiber im AZ-Samstagsinterview.

Frau Schreiber, Sie sind seit ungefähr einem Jahr als Pfarrerin an der Emmaus-Kirche tätig. Gefällt es Ihnen?

Schreiber: Ja, natürlich! Die Gemeinde ist gastfreundlich und sehr herzlich. Hier fühlt man sich richtig wohl. Es freut mich vor allem, dass es hier wissbegierige und engagierte Ehrenamtler gibt, die viele Ideen mit in die Gemeinde bringen und auch mal einspringen. Sie sind immer bereit zu helfen. Generell durfte ich in dem Jahr viele schöne Erfahrungen sammeln, die sicherlich im Laufe meiner Arbeit noch zahlreicher werden.

Dann werden Sie den Karsamstag wahrscheinlich auch gemeinsam mit der Gemeinde feiern?

Schreiber: Ja. Bei uns in der Emmaus-Kirche ist an Karsamstag eine Feier der Osternacht. Sie beginnt um 23 Uhr und geht meistens bis in die frühen Morgenstunden, wenn wir es schaffen, vielleicht ja auch bis Sonnenaufgang. Nach dem Gottesdienst sitzen wir alle gemütlich beisammen und tauschen uns aus. Der Gottesdienst hat in unserer Gemeinde einen hohen Stellenwert, weil er den Übergang vom Dunkeln zum Licht symbolisch ausdrückt und so den Kern der Osterbotschaft widerspiegelt.

Wieso verstecken wir an Ostern jedes Jahr Eier, und warum ist der Hase das Symbol für dieses eigentlich religiöse Fest?

Schreiber: Das christliche Ostertier ist eigentlich das Lamm. Es soll ausdrücken, dass an Ostern das Schwache über das Starke siegt. Das, was keine Chance mehr hat, bekommt ein neues Leben. Die anderen Symbole, wie der Hase und die Eier, stehen eher für einen allgemeinen Lebensgedanken.

Inwiefern?

Schreiber: Das Ei wurde zwar schon bei den Germanen als Symbol für den Ursprung neuen Lebens verwendet, aber das Bemalen und die Farbenvielfalt kamen erst später dazu. Der Hase ist ein Symbol für Fruchtbarkeit.

Was halten Sie von dieser allgemeinen Ostertradition?

Schreiber: Ich liebe und pflege diese Bräuche in meiner Familie auch. Traditionen müssen sich aber auch weiterentwickeln dürfen. Den Brauch mit den Eiern gibt es übrigens schon seit dem Mittelalter. Da man in der Fastenzeit keine Eier essen sollte, wurden sie haltbar gemacht und an Ostern verzehrt. Es gibt aber auch immer mehr Bräuche, die in Vergessenheit geraten sind.

Zum Beispiel?

Schreiber: Als ich klein war, ging ich noch mit anderen Mädchen am Ostermorgen zu einer Quelle, um das Osterwasser zu schöpfen. Das wird heute nur noch selten gemacht. Ebenso hat der traditionelle Emmaus-Gang seine Bedeutung geändert.

Der Emmaus-Gang?

Schreiber: Der Emmaus-Gang erinnert an den Gang der Jünger nach Emmaus und den Moment, als sie Jesus erkennen und merken, dass Gottes Kraft weiter geht, als sie dachten. Heute knüpft die Tradition des familiären Osterspaziergangs daran an.

Und nun mal ganz konkret: Warum heißt Ostern eigentlich Ostern?

Schreiber: Das weiß keiner so genau. Man vermutet, dass es sich vielleicht vom germanischen Wort ‚ostara‘ herleitet. Ostara war die germanische Frühlingsgöttin – die Göttin des Lichts und des Friedens. Es gibt aber auch die Vermutung, dass es etwas mit der ‚aurora‘ – der Morgenröte – zu tun haben könnte. Dann könnte der Name auf die Geschichte anspielen, in der am Ostermorgen die Frauen am Grab dem auferstandenen Jesus begegnen. In vielen anderen Sprachen, zum Beispiel im Niederländischen, wird Ostern vom Passahfest hergeleitet. Es gibt also keine einheitliche Erklärung.

Sie haben in Heidelberg, Bonn und Cambridge studiert. Was hat Sie dann nach Aachen verschlagen?

Schreiber: Mein Mann ist Physiker an der RWTH. Wir haben Aachen als einen Standort ausgemacht, der es uns beiden ermöglicht, in unseren Berufen zu arbeiten. Ich komme ursprünglich aus Gießen und habe auch schon in Delft in den Niederlanden gewohnt. Ich bin da also flexibel. Außerdem gefällt uns Aachen, und wir fühlen uns hier wohl.

Im Sommer vor einem Jahr sind Sie nach Sibirien gereist, was hat Sie dort am meisten beeindruckt?

Schreiber: Sibirien ist sehr spannend und interessant. Für mich war der motivierende Hintergrund der Reise, dass es in meiner Gemeinde viele Leute gibt, die aus Sibirien stammen. Es hat mich fasziniert, ihre Lebensgeschichte und Kultur kennenzulernen. Mir ist es auch schon lange ein Anliegen, die Geschichten der Aussiedler aus unserer Gemeinde zu sammeln und erfahrbar zu machen. Das wäre ein Projekt für die Zukunft.

Es gibt also viele Gläubige, die aus Sibirien kommen. Woher kommen die anderen Gläubigen in ihrer Gemeinde?

Schreiber: Wir haben in unserer Gemeinde sehr viele Menschen, die im Zuge des Zweiten Weltkrieges nach Aachen gekommen sind. Wir hatten zum Beispiel zu Weihnachten die Aktion, dass ein Koffer mit Figuren von Maria und Josef durch die Familien der Gemeinde gereicht wurde. Symbolisch sollten sie jeden Abend eine neue Herberge suchen. Dabei kamen ganz viele Geschichten zu Tage, bei denen Gemeindemitglieder über ihre Erfahrungen während der Flucht berichteten.

Und was machen Sie sonst so, in Ihrer Freizeit?

Schreiber: Privates und Berufliches gehen bei mir stark ineinander über. Deswegen kann ich das nicht immer voneinander trennen. Ich lese unheimlich gerne. Bücher sind mein absolutes Steckenpferd. Die Musik liegt mir auch am Herzen. Besonders klassische Musik gefällt mir. Vor meinem Theologiestudium war ich auch lange Zeit als Organistin in meiner Heimatkirche tätig.

Wie bringen Sie Kindern und Jugendlichen den Glauben näher?

Schreiber: Die Beziehung zu Gott ist sehr wichtig, denn sie prägt und hält. Sie gilt als Stärkung, um im Leben mit schwierigen Situationen fertig zu werden. Das vermitteln wir auch den Kindern. Seit ich vor einem Jahr mein Amt als Pfarrerin angetreten habe, widme ich mich gemeinsam mit unserer Jugendleiterin vermehrt der Kinder- und Jugendarbeit und der Arbeit mit Familien. Bei vielen Veranstaltungen gibt es deshalb einen religiösen Input, aber der Spaß steht im Vordergrund. So können wir auf einem niedrigschwelligen Niveau Glaube und Religion vermitteln. Die Kinder und Jugendlichen zeigen sich dabei wissbegierig und aufnahmebereit.

Sind Sie beunruhigt angesichts zunehmender Radikalisierung religiöser Gruppen?

Schreiber: Mich persönlich beunruhigen gewaltbereite und fundamentalistische Strömungen in allen Religionen sehr stark. Einer der Gründe, warum ich Pfarrerin geworden bin, ist der, dass ich der Gesellschaft aufzeigen möchte, dass man mit aufgeklärter Religiosität diesem radikalen Gedankengut entgegenwirken kann. Wir müssen aufzeigen, wie Religion, Nächstenliebe und Toleranz gemeinsam gelebt werden können.

Und wie kann das ihrer Meinung nach erreicht werden?

Schreiber: Die Bibel ist natürlich die Quelle unseres Glaubens. Wir sehen sie aber als Buch, das Geschichten über die Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben, erzählt. An diese Gotteserzählungen können wir mit unseren Lebensgeschichten anknüpfen, ohne dabei die Grenzen zu eng zu ziehen.

Was wünschen Sie sich für Zukunft?

Schreiber: Ich möchte die Vernetzung unserer Gemeinde im Stadtteil noch weiter stärken und ausbauen. Außerdem sollen generationsübergreifende Projekte mehr Raum einnehmen, damit unsere Gemeinde noch bunter und vielfältiger wird.

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