Aachen - Petö-Therapie aus Ungarn hilft Kindern

Petö-Therapie aus Ungarn hilft Kindern

Von: Nina Leßenich
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Fünf ausgebildete Konduktoren wurden für die Förderwochen zusätzlich aus Ungarn eingeflogen. Ein Konduktor ist für maximal drei Kinder zuständig. Mit den Kindern arbeiten sie an alltäglichen Dingen wie Sitzen, Stehen oder Laufen. Foto: N. Leßenich

Aachen. Singen, lachen, gemeinsam üben – und so ganz nebenbei spielerisch und mit viel Spaß lernen, wie man im Alltag auch trotz Behinderung alleine zurechtkommen kann. Mit diesem Ziel veranstaltet der gemeinnützige Verein „FortSchritt“ in diesen Herbstferien bereits zum vierten Mal die Intensiv-Förderwochen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderungen.

Zwei Wochen lang arbeiten die jungen Teilnehmer in der Regenbogenschule in Stolberg täglich nach dem Konzept der konduktiven Förderung Petö und sollen so zu mehr Selbstständigkeit im Alltag finden. Denn egal, ob Toilettengang, Ankleiden oder vermeintlich simple Dinge wie Sitzen und Stehen: Das Leben mit einer Behinderung ist für Kinder und ihre Eltern nicht immer einfach.

Methode aus Ungarn

Die Methode der konduktiven Förderung kommt aus Ungarn und wurde dort vor mehr als 60 Jahren von dem Arzt und Pädagogen András Petö entwickelt. Ziel seiner Methode ist es, Menschen mit Behinderung durch eine intensive und gezielte Förderung in die Lage zu versetzen, trotz ihrer Behinderung aktiv am alltäglichen Leben teilzuhaben. Der ganzheitliche Ansatz vereint dafür Sprach- und Bewegungsförderung sowie Lern-, Entwicklungs- und Erziehungsprozesse.

Genau diese Kombination verschiedener Therapieansätze sei auch das Tolle an der Methode, so Sascha Cipetic, stellvertretender Vorsitzender des Vereins „FortSchritt“. „Das Besondere an Petö ist eben, dass die unterschiedlichsten Therapiefelder hier zusammengreifen. Trotzdem haben die Kinder aber nur eine Kontaktperson. Das ist ideal“, sagt Cipetic. Würde man die verschiedenen Aspekte der Methode einzeln angehen, müssten die Kinder sich an mindestens vier verschiedene Therapeuten gewöhnen. Bei Petö werde ein Kind lediglich von einem Konduktor betreut und habe so eine feste Kontaktperson. „Die Kon­duktoren sind ausgebildete Grundschullehrer mit einem Sonderschwerpunkt auf der konduktiven Förderung“, erklärt Cipetic.

Fünf Konduktoren eingeflogen

Die meisten Konduktoren kommen, wie die Methode selbst, aus Ungarn. Dort ist das Berufsbild seit 1963 staatlich anerkannt, und die Konduktoren werden in einem speziellen Hochschulstudium da­zu ausgebildet, pädagogische, therapeutische und medizinische Ansätze zu kombinieren. „FortSchritt“ selbst beschäftigt zwar eine fest angestellte Konduktorin, für die Förderwochen wurden aber fünf weitere Konduktoren aus Ungarn eingeflogen. Der Grund: Ein Konduktor soll sich um maximal drei Kinder kümmern, damit die Betreuungssituation möglichst optimal ist und die Kinder individuell gefördert werden können.

Wie wichtig spezielle Angebote wie die Petö-Förderwoche für Kinder mit Behinderungen sind, erkennt man gleich an den strahlenden Gesichtern der 17 Kinder und Jugendlichen, die in diesen Herbstferien an dem Programm in der Regenbogenschule teilnehmen. Die Teilnehmer, die zwischen 4 und 26 Jahren alt sind und aus der gesamten Städteregion kommen, wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: eine Kleinkindergruppe und eine Schulkindergruppe, in der auch die jungen Erwachsenen sind. Diese Einteilung funktioniere erfahrungsgemäß gut, so Cipetic.

Die sechs Konduktoren üben mit den Kindern spielerisch alltägliche Dinge: Zum Beispiel richtiges Sitzen, Stehen oder Ankleiden. Dabei wird den Kindern viel Abwechslung geboten. Mal gibt es körperliche Übungen am Barren, mal wird gemeinsam gespielt oder gesungen – zum Beispiel eine abgewandelte Version von „Bruder Jakob“, in der die richtige Körperhaltung erklärt wird.

„Das ist ein wichtiges Zusammenspiel von Komponenten“, erklärt Cipetic. Die Kinder würden eine Übung, wie zum Beispiel das gerade Sitzen, erst ausprobieren und das Wissen darüber dann auf unterschiedliche Weise mehrfach abrufen. „So lernen sie, Abläufe zu verinnerlichen. Sie können sich das vorstellen wie bei einem Schlaganfall-Patienten. Nach einem Schlaganfall müssen Betroffene Dinge auch immer und immer wiederholen, um sie sich wieder merken zu können“, erklärt er.

Cipetic, selbst Vater einer 15-jährigen Tochter, die an der Förderwoche teilnimmt, ist überzeugt, dass die konduktive Förderung diesen Prozess beschleunigt – und den Betroffenen hilft. „Für Außenstehende mögen das manchmal nur kleine Fortschritte sein“, weiß er. „Für die Betroffenen und deren Angehörige bedeuten aber auch kleine Erfolge schon die Welt!“

Verein unterstützt Familien

Nicht zuletzt deshalb habe es sich der Verein „FortSchritt“ zum Ziel gemacht, die Petö-Förderung in der Städteregion zu etablieren. Die Petö-Einrichtung des Vereins in Stolberg ist die einzige in der Region. „Andere Einrichtungen findet man erst wieder in Düsseldorf oder Oberhausen und sonst nur in anderen Bundesländern“, sagt die stellvertretende Vorsitzende Brigitte Vlaovic. Der Verein schafft jedoch nicht nur ein lokales Angebot zur konduktiven Förderung, sondern unterstützt betroffene Familien auch bei der Organisation der Therapie – zum Beispiel bei Fragen zur Finanzierung.

Auf Spenden angewiesen

Denn trotz der laut Cipetic und Vlaovic erkennbaren Erfolge der Petö-Therapie wird diese nicht von der Krankenkasse übernommen: Offiziell ist die Methode nicht als Heilmittel anerkannt. Auch die Eingliederungshilfe in der Städteregion übernehme die hohen Kosten für die Therapie bisher nur in wenigen Einzelfällen. „Aber nicht jede Familie kann sich so eine Therapie ohne Hilfe selbst leisten“, weiß Cipetic.

Die Kosten einer Förderwoche betragen für eine dreiköpfige Gruppe etwa 2700 Euro. Deshalb sei der Verein auf Spenden angewiesen. Aktuell fördere der Lions-Club Aachen Aquisgranum drei der Kinder des Ferienprogramms, die Firma Pharma West aus Eschweiler übernimmt die Kosten für weitere fünf Kinder. Auch der Förderkreis Schwerkranke Kinder unterstützt den Verein seit vier Jahren mit einer jährlichen Spende - in diesem Jahr waren es rund 10.000 Euro.

Wenn Sascha Cipetic bei Veranstaltungen wie den Ferienprogrammen sieht, wie sehr die Kinder und Jugendlichen dank konduktiver Förderung aufblühen, weiß er, dass sein Verein das Richtige tut: „Es ist unsagbar schön zu sehen, dass die Kinder Freude an der Förderung haben. Als Außenstehender sieht man es vielleicht nicht sofort, aber die Kinder sind danach ganz verändert!“

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