Aachen - Persien, Libanon, Wales: Amateurboxer Hans Nägeler, 70 Jahre

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Persien, Libanon, Wales: Amateurboxer Hans Nägeler, 70 Jahre

Von: Isabelle Hennes
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Die Boxhandschuhe, mit denen er seine Karriere begonnen hat, hat Nägeler verwahrt. Wenn er sie nicht trägt, hängen sie zu Hause an der Wand. Foto: Isabelle Hennes

Aachen. Hans Nägeler hatte früher oft einen schwarzen Fleck auf seinem kleinen Zeh. Sein rechter Turnschuh hatte ein Loch. Damit das im Ring bei seinen Kämpfen keinem auffiel, übermalte er das Loch mit schwarzer Schuhcreme.

Hans Nägeler, ehemaliger Amateurboxer aus Aachen, wird am 25. Oktober 70 Jahre alt. An den Wänden in seiner Wohnung im roten Haus am Marktplatz in Brand hängen eingerahmte Zeitungsberichte neben alten braunen Boxhandschuhen aus Leder und neuen knallroten Boxhandschuhen aus Synthetik. Als er die Handschuhe herunter nehmen will, droht eine Blumenvase umzukippen. „Komm, ich mach das”, sagt seine Frau Marita (62) lächelnd. Nägeler ist aufgeregt. Heute steht er noch mal im Mittelpunkt. Früher kam das öfter vor.

Fragt man den Aachener nach den Kämpfen von damals, geht er ins Nebenzimmer. Als er zurückkommt, hält er eine Kladde in seinen Händen und beginnt zu blättern. Alle Berichte und Fotos von seinen Kämpfen hat er fein säuberlich ausgeschnitten und aufgeklebt. Ordnung muss eben sein. Nägeler erinnert sich noch genau daran, als er zum ersten Mal im Ring stand. 1959 war das und Nägeler 17 Jahre alt.

Dass der erste Kampf mit einer Niederlage endete, davon hat sich Nägeler nicht beeinflussen lassen. Zu lange hatte er auf seine erste Herausforderung warten müssen. Nägeler war lange zu leicht: Mit 17 Jahren wog er 44 Kilogramm. Ein Fliegengewicht im wahrsten Sinne des Wortes. „Die haben gedacht, der kommt bestimmt nicht mehr”, sagt er und grinst verschmitzt. Aber er kam wieder. Nur wenige Tage später stand er erneut im Ring und schaffte immerhin ein Unentschieden gegen einen Gegner aus Düren. Obwohl Nägeler Talent und Ehrgeiz besaß, was auch sein Trainer Jupp Offermanns wusste, fehlte es wegen seines Gewichts an Partnern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nicht so viel zu essen wie heute. Aber sein Vater, der ebenfalls boxte, hatte eine Idee. Er verpasste seinem Sohn eine spezielle Kur. Regelmäßig gab es fortan Traubenzucker. „Ich musste zusätzlich täglich ein rohes geschlagenes Ei mit einem Schuss Rotwein und Kaffee trinken”, erinnert sich Nägeler und verzieht das Gesicht. Aber es scheint gewirkt zu haben. Er nahm zu und brachte seine Leistung im Ring. Gerne erinnert sich Nägeler an die Kämpfe in der Aachener Talbothalle. 1500 Zuschauer kamen damals, um ihn und seine Kontrahenten im Ring zu sehen.

Mit 22 Jahren heiratete Nägeler. Mit seiner ersten Frau hat er drei Kinder: Markus, Gabi und Rita. Mittlerweile sind sieben Enkelkinder und ein Urenkel dazu gekommen. Vor 15 Jahren hat Nägeler sich entschieden, noch einmal zu heiraten. Seine zweite Frau Marita, gebürtige Kölnerin, hat er in einer Aachener Gaststätte kennengelernt. Nach Köln zu ziehen, kam für die beiden aber nicht in Frage. „Den kriegt man ja hier nicht weg”, sagt Marita Nägeler lachend. „Nein”, sagt ihr Mann, „ich bin nun mal ein Öcher.”

Der Boxsport hat Nägeler viel gegeben. Zwar hatte er überlegt, zu Alemannia zu gehen, um Fußball zu spielen, aber im Grunde genommen ist Nägeler keiner für den Mannschaftssport. Er steht lieber im Ring und macht sein Ding. „Es ist ja auch schöner zu sagen ,Ich habe gewonnen, anstatt ,Wir haben gewonnen”, sagt Nägeler. Überhaupt scheinen die Nägelers Einzelkämpfer zu sein. Auch Hans Bruder Karl-Heinz stand für Helios Aachen im Ring. Fortan gab es Nägeler eins und Nägeler zwei.

Einen Tag nach seinem Geburtstag, am 26. Oktober 1962, ging es für Nägeler und seine Helios-Kollegen mit dem Schiff nach Ammanford in Wales. Dort war sein 22. Kampf. Stolz deutet er auf das Foto in seiner Kladde. „Damals war ich noch jung, was?”, sagt er lachend. Aufregender als mit dem Schiff wurde es, als er kurze Zeit später in ein Flugzeug nach Persien stieg. Es war sein erster Flug überhaupt.

Ohne den Boxsport hätte Nägeler nicht so viel erlebt und von der Welt gesehen. Er wäre nicht in England, Griechenland und dem Libanon gewesen. Und ohne Boxsport hätte Nägeler wohl auch nicht in jungen Jahren seine beiden vorderen Zähne verloren. Den Mundschutz musste er sich selber zurecht schneiden. „Der war so hart wie ein Autoreifen”, erinnert er sich. Also kämpfte er ohne Mundschutz.

Sein Leben lang ist Nägeler Amateurboxer geblieben. Natürlich gab es das Angebot, Profi zu werden, aber das kam für Nägeler nicht in Frage. „Das hatte auch finanzielle Gründe, schließlich musste ich eine Familie ernähren”, sagt er. Das Gehalt eines Profiboxers hätte dafür nicht gereicht. Deshalb ist Nägeler Glasbläser bei Philips geblieben. Für die Kämpfe wurde er freigestellt. Während seines Urlaubs hat er die Arbeitszeit nachgeholt.

1973, nach elf Jahren Boxsport und 91 Kämpfen, hat er seine Karriere beendet. Ausschlaggebend war eine strittige Entscheidung eines Punktrichters bei einem Kampf in Köln; Nägeler fühlte sich ungerecht behandelt. „Ich bin betrogen worden”, sagt er. Obwohl er für die Kernmannschaft der Olympischen Spiele nominiert war, hat ihn diese Erfahrung veranlasst, nicht mehr in den Ring zu steigen.

Heute, mit 70 Jahren, steigt er aufs Rad oder geht Schwimmen, um sich fit zu halten. Wenn die Gesundheit es zulässt, möchte er mit seiner Frau noch einmal einige Zeit auf Gran Canaria verbringen.

Eins aber steht fest: Einen schwarzen Fleck auf seinem kleinen Zeh, den wird er wohl nie wieder haben.

Jugendliche für Sport im Verein begeistern

Hans Nägeler setzt sich seit mehreren Jahren dafür ein, dass Jugendliche die Möglichkeit erhalten, Sport in einem Verein zu betreiben. „Es ist wichtig, dass Jugendliche eine Aufgabe haben und in ihrer Freizeit aktiv sind”, sagt Nägeler.

Deshalb hat sich die Hilfsorganisation „Kampf gegen Gewalt” auf die Fahne geschrieben, Spenden zu sammeln, damit Jugendliche beispielsweise mit Trainingsanzügen ausgestattet werden. Schirmherr der Organisation ist der ehemalige Alemannia-Profi Reiner Plaßhenrich.

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