Otto Trebels: Ein Drehbuch aus 53 Jahren Verwaltung

Von: Hans-Peter Leisten
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Der große Projektor entlockt Otto Trebels ein charmantes Lächeln: In 53 Jahren Verwaltungsdienst hat der Ur-Öcher auch manche technische Entwicklung mitgemacht. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Man darf getrost sagen, dass Otto Trebels seinen Weg gemacht. Vom Kanzleilehrling zum Leiter des Medienzentrums, 53 Jahre öffentliche Verwaltung – nur zwei Aspekte einer alltäglichen, aber doch nicht normalen Erfolgsgeschichte.

Viele Öcher kennen Otto Trebels als Spielleiter des Öcher Schängche. Bei aller Vielseitigkeit des Mannes lässt er sich dennoch auf ein einfaches Wesensmerkmal „reduzieren“ – als waschechten Öcher durch und durch. Im heutigen Samstagsinterview berichtet der Neupensionär aus einem Berufsleben, das in dieser Form heute so nicht mehr möglich ist.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag?

Trebels: Allerdings, ich erinnere mich noch bestens an den 1. April 1961. Meine Eltern waren echte Ostviertler und hatten ein Lebensmittelgeschäft in der Stolberger Straße. In dem Haus, das auch mein Geburtshaus ist und in dem ich übrigens heute noch wohne.

Dann wären Sie doch der ideale Einzelhändler gewesen. . .

Trebels: Meine Eltern meinten, ich sei den Kunden gegenüber – mal vorsichtig formuliert – zu zurückhaltend. Und dann war da mein Patenonkel, der Innenrevisor bei Polizeipräsidenten war und meinte: Der Junge ist etwas für die Verwaltung. Und da das Gericht am Adalbertsteinweg in direkter Nähe lag, fiel die Entscheidung für den Justizdienst. In den drei Lehrjahren habe ich alles gelernt, was man in einer schriftlichen Verwaltung braucht. Das war eine sehr intensive Zeit, die mich fürs Leben geprägt hat.

Sind Sie während Ihrer Zeit beim Gericht mit großen Verfahren in Berührung gekommen?

Trebels: Allerdings. Ich war Protokollführer beim großen Contergan-Verfahren über zwei Jahre. Das war seinerzeit gewiss das größte Verfahren in der Bundesrepublik. Der Prozess war so groß, dass er ins Casino der Grube Anna nach Alsdorf ausgelagert werden musste. Es gab damals 11 Angeklagte und 22 Anwälte. Auch später habe ich von Berufs wegen zahlreiche Prozesse um Mord und Totschlag verfolgt.

Bis es Ihnen reichte und Sie den Arbeitgeber wechselten.

Trebels: Das hatte mitnichten mit der Materie zu tun. Ich habe einfach die Möglichkeit des beruflichen Aufstiegs gesucht und sah zudem die Chance, langfristig in Aachen zu bleiben. Das wäre im Justizdienst nämlich nicht garantiert gewesen. Sie sehen: Ich bin nicht nur ein echter Ostviertler, sondern auch ein überzeugter Öcher.

Und dann sind Sie in die Kuschelecke Stadtverwaltung Aachen gewechselt.

Trebels: Ja genau, in die Kuschelecke. Meine erste Station war das Sozialamt, ich war zuständig für die Nichtsesshaftenhilfe, auf Deutsch die wandernden Obdachlosen. Sehr kuschelig. . . Ich hatte bis zu 20 Klienten an einem Tag im Büro stehen. Viele davon wollten aus Überzeugung nicht fest an einem Ort leben. Und nicht alle waren geborene Diplomaten. . .

Gab es auch bedrohliche Situationen?

Trebels: In der Tat. Neben dem Schreibtisch hatte ich auf einem Aktenbock einen Gummiknüppel liegen. Und wenn es zu doll oder gefährlich wurde, habe ich mit dem Knüppel auf den Tisch gehauen – und dann war Ruhe.

Aber Sie haben bestimmt viele Typen von Menschen kennengelernt.

Trebels: Die gesamte menschliche Bandbreite vom gescheiterten Professor bis zum echten Eckenpitt! 90 Prozent waren übrigens Männer. Da wäre manche Type fürs Öcher Schängche bei gewesen. Aber das machte die Arbeit gerade interessant. Mir fällt da eine Anekdote ein. Irgendwann stand Josef vor mir, ein Baum von einem Mann. Der war aus dem Landeskrankenhaus Düren entlassen worden. Er war als 14-Jähriger hinter seiner Mutter mit dem Hackebeil her gerannt. . . Für den wurde ich im Lauf der Zeit zu einer Art Vaterersatz, der nannte mich nur noch „Papp“. Irgendwann hörte ich lauten Tumult vor meinem Büro. Als ich rausging um nachzusehen, lagen zwei Typen auf dem Boden, der Josef darüber. Als ich fragte, was los sei, sagte Josef nur: ‚Die haben schlecht über Dich geredet!‘ Der Josef hat übrigens später in Eigenregie die Alkoholiker vom Markt vertrieben. . .

Hört sich aber irgendwie alles harmlos an.

Trebels: Ich habe auch schlimme Erinnerungen. Es gab einen Menschen, der lebte quasi in der Mülltonne. Ein anderer war so schwerstabhängig, dass er sich zum Schluss Rotwein gespritzt hat. Aber auch angesichts dieser traurigen Begegnungen war mir immer wichtig, im Beruf den Umgang mit Menschen zu pflegen.

Sie haben aber noch viele andere Facetten von Verwaltung kennengelernt.

Trebels: Vom Sozialamt bin ich zum Statistischen Amt gewechselt. Aber da war der erwähnte Kontakt zu den Menschen naturgemäß etwas geringer. Im Gegensatz zum Ausländeramt, wohin ich vom Statistischen Amt gewechselt bin. 1977 bot sich dann eine Chance beim Schulamt. Die Arbeit beim Schul- und Kulturdezernat war dann eine ganz andere Welt. Bis heute zu habe ich den damaligen Kulturdezernenten Johannes Malms als charismatische Figur der Verwaltung in Erinnerung, von der ich unheimlich viel gelernt habe.

Wo lagen Ihre Arbeitsschwerpunkte?

Trebels: Wir haben mit einem Mini-Team damals die großen Ausstellungen Sumer-Assur-Babylon in der damaligen Neuen Galerie Sammlung Ludwig und die über die Zisterzienser im Krönungssaal des Rathauses gemeinsam mit dem Landschaftsverband Rheinland organisiert. Geschafft haben wir dies, weil wir fast rund um die Uhr gearbeitet haben. Meine Familie ist damals zwangsläufig leider zu kurz gekommen. Bei der Ausstellung Sumer-Assur-Babylon kam es zu einem witzigen Randereignis. Ich hatte als Dankeschön ein Rollsiegel geschenkt bekommen. Und als Beamter darf man bekanntlich keine Geschenke annehmen. Der irakische Botschafter bestand aber auf der Annahme – ansonsten wäre es zu schweren diplomatischen Verwicklungen gekommen. So spielte die hohe Diplomatie auf einmal eine Rolle in der Aachener Verwaltung.

Wäre auch eine gute Vorlage fürs Schängche gewesen. . .

Trebels: Stimmt. Aber das trat erst später in mein Leben.

Wann?

Trebels: 1981 hatte ich die Leitung der Verwaltungsstelle der Öffentlichen Bibliothek angetragen bekommen. Dann stand plötzlich Mattschö Stevens, der langjährige künstlerische Leiter der Puppenbühne, in der Bibliothek und fragte mich: Wollen Sie beim Schängche mitspielen? Mein erster Gedanke war: Um Gottes willen, wieso ich? Kann ich das überhaupt? Wir haben uns dann auf einen Test-Text geeinigt, und Mattschö Stevens war sehr angetan. Von da an war ich mit von der Partie.

In welchen Rollen?

Trebels: Ich hatte das Glück, damals mit Hans Alt zusammen arbeiten zu dürfen. Von ihm habe ich das perfekte Öcher Platt gelernt. Ich habe dann im Laufe der Jahre alle Rollen durchgespielt – selbst die alte Hexe. So ist mir die Puppenbühne immer mehr ans Herz gewachsen. 1989 habe ich dann die Aufgabe des Spielleiters der Stadtpuppenbühne übernommen. In diesem Jahr bin ich also seit 25 Jahren Schängche-Chef.

Ist mit dieser Arbeit jetzt genau wie bei Ihrer Verwaltungsarbeit Schluss?

Trebels: Gottseidank nicht! Ich kann die Leitung auf unbestimmte Zeit weiterführen, bis mal klare Signale kommen, dass die Zeit vorbei ist. Irgendwann muss natürlich auch mal ein Nachfolger eingearbeitet werden. Aber daran denke ich jetzt noch nicht – vor allem, weil wir ein unheimlich begeisterungsfähiges und engagiertes Team haben. Ich bin froh, dass ich nach meiner aktiven Berufszeit jetzt mehr Zeit fürs Schängche habe. Zumal das Stockpuppen-Kabarett ‚Pech&Schwefel‘ einen regelrechten Hype ausgelöst hat.

Wir sitzen hier gerade im Medienzentrum am Blücherplatz. Ihre berufliche Laufbahn haben Sie also nicht in der Bibliothek beendet.

Trebels: Leiter der ehemaligen Stadtbildstelle wurde ich am 1. September 1983 und vor sechs Jahren wurde ich zum Teamleiter des Teams ‚Medienzentrum‘ im damals neu gebildeten Fachbereich Kinder, Jugend und Schule bestellt. Für mich eine tolle neue Herausforderung, die medienpädagogische Bildung liegt mir sehr am Herzen. Gleichzeitig liegt hier aber auch ein Ärgernis: In der übergeordneten Politik sagen immer alle, wie wichtig diese Arbeit ist. Aber die sächliche und personelle Ausstattung hinkt dem leider stark hinterher.

Sie können auf gut 53 Jahre Arbeit im öffentlichen Dienst zurückblicken. Würden Sie jungen Menschen diesen Berufsweg nahelegen?

Trebels: Ja, aber nur wenn sie den Dienstleistergedanken verinnerlichen. Dann macht die Arbeit große Freude und verschafft auch eine innere Befriedigung. Man hat einen sicheren Arbeitsplatz – auch wenn man in der freien Wirtschaft deutlich mehr verdienen kann.

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