Ordner aus Leidenschaft: Der Urlaub wird in der Soers verbracht

Von: Annika Kasties
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Der Sport gehört für ihn beim CHIO zur Nebensache: Ordner Wilhelm Speck liebt in der Soers vor allem den Kontakt zu den Menschen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. An sonnigen Tagen hängt die grüne Jacke mit dem Pferdeanstecker auch schon mal locker über dem Hocker. Die komplette Montur braucht Wilhelm Speck sowieso nicht, um als Ordner beim CHIO erkannt zu werden. Sein Platz an der Mercedes-Benz Tribüne des Hauptstadions zwischen Block B und Block C ist ihm sicher, und das schon seit Jahren.

Beim Kontrollieren der Platzkarten muss Speck deshalb auch immer mal wieder kurz innehalten. Nicht etwa, weil der 72-Jährige die kleinen Pausen braucht. Sondern weil ihn ein vertrautes Gesicht entdeckt hat. Ein herzlicher Handschlag hier, ein kurzes Pläuschchen da. Man kennt sich, zumindest unter den alteingesessenen Aachenern.

Zu den „wahren Öchern“ in der Soers gehört Speck allemal. 1967 war er zum ersten Mal als Helfer auf dem Turniergelände eingesetzt. Seitdem stand für ihn, aber auch für seinen Chef fest: Wenn CHIO ist, hat Wilhelm Speck Urlaub. Und der wird in der Soers verbracht. Anfangs unterstützte Speck noch das Team, das den Parcours für die Gespannfahrer aufbaute. Schon sein Vater hatte Hindernisse geschleppt und Absperrungen verlegt, gegen eine kleine Aufwandsentschädigung. Und seinen Sohn eines Tages einfach mal mitgenommen.

Auf einem Foto von 1967, das Speck gerne zeigt, wenn er von guten alten Zeiten spricht, sieht man den jungen Speck, wie er in Anwesenheit seines Vaters – „ich bin der einzige auf dem Bild, der arbeitet“ – im Hauptstadion neben dem Wassergraben hockt und ein Plastikband verlegt, das den Richtern bei der Bewertung der Turnierprüfung helfen sollte: Trat das Pferd auf das Band, wurde es beschädigt – ein Fehler, der in die Wertung einfloss. Plastikbänder verlegen muss Speck heute nicht mehr. Bereits Ende der 70er Jahre sattelte er auf den Job des Ordners um. Der sei körperlich weniger anstrengend, dafür aber umso kommunikativer.

Denn die sportlichen Ereignisse in der Soers gehören nicht zu den Gründen, warum Speck seine Termine schon ein halbes Jahrhundert lang nach dem CHIO ausrichtet, auch als Rentner. Auf einem Pferd habe er selbst nie gesessen. „An manchen Tagen konnte ich meiner Frau abends nicht mal sagen, wer gewonnen hatte“, berichtet der Ordner lachend. An solchen Tagen sei der Trubel fernab der Wettkämpfe nun mal spannender gewesen. Für ihn steht nämlich „das Menschliche“ im Vordergrund. „Man trifft hier alle möglichen Menschen. Jung, alt, reich, arm. Und mit allen kommt man ins Gespräch.“ Und dafür stehe er gerne zehn bis elf Stunden am Tag an seinem vertrauten Platz im Hauptstadion. Und zwar mit einer Leidenschaft, die er auch an seinen Sohn weitergegeben hat, der nun ebenfalls als Ordner beim CHIO arbeitet.

Verändert hat sich viel

Trotz all dieser Vertrautheit gilt: Verändert hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Soers viel. Und zwar nicht nur zum Besseren, wie Speck findet. Dass das Turnier größer und professioneller geworden ist, lässt sich allein schon an der Anzahl der Ordner ablesen, die zum Einsatz kommen. Während sich in den 80er Jahren sämtliche Ordner noch locker für ein Foto im Hauptstadion versammeln konnten – damals waren es rund 50 Menschen – wird das heute schon schwieriger. Schließlich werden mittlerweile mehr als 300 Männer und Frauen für den geordneten Ablauf des CHIO eingesetzt. Auch die Besprechungen mit den Helfern in Vorbereitung auf das Turnier erstrecken sich mittlerweile über mehrere Tage. Specks Urteil ist eindeutig: „Früher war das Turnier familiärer“, findet er.

Das Aachener Weltfest des Pferdesports wird aber auch in Zukunft seinen Terminkalender bestimmen. Solange es seine Gesundheit zulässt, will er weiter machen. Auf dem CHIO, an der Tribüne und vor allem mit den Menschen in der Soers.

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