„Onkel Hein“ und die sozialdemokratische Familienbande

Von: Hans-Peter Leisten
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Zeigt stolz die Ehrenurkunde, die sein „Onkel Hein“ 1963 vom damaligen Bundesvorsitzenden Erich Ollenhauer überreicht bekam: Willi Hünerbein, selbst viele Jahre für die SPD im Stadtrat und Jahrzehnte lang Vorsitzender der Burtscheider AWO. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Alles andere als verrückt war die Idee, die eine Gruppe von Männern in einer Holzbaracke, die früher auf dem Blücherplatz und jetzt im früheren Bauerngut Wiesental stand, entwickelte. Es ging um nicht weniger als die Neugründung der Sozialdemokratischen Partei für Aachen. Die Stadt war weitgehend zerstört am Jahreswechsel 1945/46, und so musste eine einfache Baracke mit einem kleinen Saal als Ideen- und Organisationsschmiede reichen.

Mittendrin der damals zehnjährige Willy Hünerbein. An der Hand seines Vaters Wilhelm und seines Onkels Heinrich, vorbei an der Baracke, ging er oft mit zu den Treffen am Ende von Wiesental, am früheren Bauerngut „Elf Jecken“, wo sie neben Onkel Hein einen Garten besaßen. Und so verwundert es nicht, dass er bereits früh sozialdemokratische Ideale und Ideen verinnerlichte, gewissermaßen als jüngster Beobachter der Neugründung der Aachener SPD.

Die erfolgte vor gut 70 Jahren, offiziell am 1. Januar 1946 wurde der Antrag gestellt auf Wiederzulassung, unterschrieben von Heinrich Hünerbein und Toni Valder, dem späteren Vorsitzenden der SPD. Gut zehn Monate später, am 13. Oktober, folgte die erste Wahl zur Aachener Stadtvertretung. „Mein Onkel war von Anfang an dabei“, erinnert sich Willy Hünerbein auch 70 Jahre später noch an den extrem schwierigen Neustart.

Onkel und Neffe hatten ganz offensichtlich eine ganz besondere Beziehung. Die Familienbande waren ganz eng, nicht nur angesichts der herrschenden Not. „Wir sind dreimal ausgebombt worden und immer bei Onkel Hein untergekommen“, erinnert sich der langjährige Ratsherr und ehemalige Vorsitzende der Burtscheider AWO. Wenn er von seinem Onkel, dem SPD-Mitbegründer, spricht, schwingt eine Mischung aus Stolz, Zuneigung und Respekt in seiner Stimme.

Geboren zu Hochzeiten des Kaiserreiches 1892 in Burtscheid, war Heinrich Hünerbein Soldat im Ersten Weltkrieg, trat 1918 der „Preußischen Eisenbahn“ bei und wurde schnell Betriebsratsvorsitzender des Ausbesserungswerks Jülich. Widerstand leistete er einerseits gegen die Besatzung des Rheinlandes 1923, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten schon ab März 1933. Dafür wanderte er zwei Jahre lang ins KZ.

Da hatte Heinrich Hünerbein längst diverse Abgeordnetenposten bei der SPD bekleidet. Immer wieder geriet der Aachener wegen seiner antifaschistischen Gesinnung in Konflikt mit der Gestapo. Nach einer letzten Inhaftierung in Berlin-Friedrichshagen flüchtete er im März und im April 1945, taucht in seiner Heimatstadt unter. Er wurde vorübergehend Landrat des Kreises Schleiden, kehrte aber bereits im September 1945 nach Aachen zurück.

Als Geschäftsführer des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes und überzeugter Sozialdemokrat war er prädestiniert für die Neugründung der hiesigen SPD. Die eigentliche Parteigründung – so erinnert sich Willy Hünerbein – fand zu Beginn des Jahres in den Rethel-Stuben in der Rethelstraße statt. Dort wurde zugleich der erste Vorstand gewählt. Heinrich Hünerbein gehörte fortan zu den prägenden Sozialdemokraten in Aachen. Bei den ersten freien Stadtratswahlen im Oktober 1946 erzielte die SPD 21,6 Prozent – die CDU kam auf 64,1 Prozent. Heinrich Hünerbein aber wurde direkt gewählt und dies alle vier Jahre wieder bis 1972. Von 1954 bis 1964 war er Fraktionsvorsitzender.

Die politische Kultur war eine andere, die Gespräche waren direkt, offen – manchmal zu offen. Willy Hünerbein, selbst von 1969 bis 1999 und nochmals 2003/04 für die SPD im Gremium, erinnert sich an gemeinsame Sitzungen im Rat: „Mein Onkel kam bekennend aus der Arbeiterklasse – und war auch nicht unbedingt ein großer Rhetoriker.“

In politischen Kontroversen sei es auch schon mal zu deftigeren Disputen gekommen. Zum Beispiel mit dem honorigen Fraktionsvorsitzenden der CDU, Dr. Jost Pfeiffer (1920-2010), seines Zeichens Mediziner und Kaufmann, Ehrenbürger unserer Stadt. „In der Hitze einer politischen Diskussion rief mein Onkel Dr. Pfeiffer irgendwann zu: ‚Hau de Mull, du Bokseverköüfer!‘ Das brachte ihm natürlich eine Rüge ein, und Onkel Hein nahm seinen Satz sofort zurück“ – Willy Hünerbein muss heute noch lächeln, wenn er an den „Dialog“ denkt. Denn nach den Sitzungen seien in der Regel alle wieder Freunde gewesen, und die Wogen hätten sich bei einem Bier schnell geglättet.

Unvergessene Ehren

Heinrich Hünerbein, der vor 70 Jahren der Aachener SPD wieder zu neuem Leben verhalf, war auch Mitbegründer der AWO und deren Vorsitzender bis 1946. Für seine Verdienste erhielt er unter anderem das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und den Goldenen Ehrenring der Stadt. Für sein Engagement in der SPD zudem am 1. Mai 1963 für 50 Jahre Mitgliedschaft eine Ehrenurkunde, unterschrieben vom damaligen Bundesvorsitzenden Erich Ollenhauer und Heinz Kühn, damals Fraktionsvorsitzender der SPD im NRW-Landtag.

Die Urkunde befindet sich heute noch im Besitz von Willy Hünerbein. Er hegt und pflegt sie als Erinnerungsstück an ein echtes Stück sozialdemokratischer Familienbande – vor allem aber als Erinnerung an „meinen Onkel Hein“.

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