Olympiasiegerin ins kalte Wasser gesprungen

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
5160604.jpg
Rica Reinisch sucht seit Januar neue Sponsoren für die Alemannia. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt sie über ihre schwierige Arbeit beim insolventen Fußball-Drittligisten. Foto: Andreas Steindl
5160605.jpg
Der Beweis: Rica Reinisch (Mitte) ist eine echte Olympiasiegerin. Bei den Spielen 1980 in Moskau verwies sie ihre DDR-Teamkolleginnen Cornelia Polit (links) und Birgit Treiber (rechts) über 200 Meter Rücken auf die Plätze. Foto: Imago/Sven Simon

Aachen. Bei all den Abgängen hat sich der Verein dann doch sportlich fast unbemerkt spektakulär verstärkt. Rica Reinisch übernahm im Januar freiberuflich bei Alemannia Aachen das Ressort „Sponsoring und Vertrieb“. Für sie ist es ein Sprung ins kalte Wasser, aber damit kennt sie sich bestens aus.

Bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau siegte sie für die DDR jeweils in Weltrekordzeit über 100 und 200 Meter Rücken sowie mit der 4 x 100-Meter-Lagenstaffel.

Jetzt muss sie beim Aachener Fußball-Drittligisten den Kopf über Wasser halten, beruflich ist das Neuland. Sie ist studierte Lehrerin und gelernte Journalistin, hat bei RTL volontiert, später Filme für Arte und 3sat gedreht, war zwei Jahre Leiterin der Redaktion „Offensiv Interview“ beim damaligen DSF und somit insgesamt vier Jahre beim DSF, ehe sie selbst vor die Kamera gezerrt wurde. Beim regionalen Sender Center TV moderiert sie seit zwei Jahren die „Vision Lounge“.

Jetzt ist sie aber keine distanzierte Begleiterin mehr, sondern will für das wankende Projekt Alemannia begeistern. Manager Uwe Scherr, den sie aus Kölner Tagen schon lange kennt, hat die Beziehung eingefädelt. Mit Sponsorenakquise hat die 47-Jährige Erfahrungen gesammelt in den letzten Jahren, als sie das bundesweite Schulsportprogramm „Speed 4“ in der Region betreute.

Dieser neue Job am Tivoli ist eine große Herausforderung, sagt sie, aber solche Herausforderungen sind ein ständiger Begleiter im Sportlerleben. Vermutlich hilft ihr dabei das ausgesprochen sonnige Gemüt auch an trüben Tagen.

Rica Reinisch ist ein zweibeiniger Stimmungsaufheller, sie erinnert an Moderatoren beim Radio, die schon morgens um 5 Uhr ohne erkennbaren Grund gute Laune haben. „Ich werde nie ein Magengeschwür bekommen“, behauptet sie, „ich spreche sofort an, wenn mich etwas stört.“

Sie hat eine ziemlich direkte Art und sich auch mit dem Deutschen Turn- und Sportbund der DDR angelegt, nachdem sie ihre Karriere aufgrund gravierender gesundheitlicher Probleme 1982 beenden musste. Sie war im Jahr 2000 Zeugin vor dem Landgericht Berlin im Prozess gegen den ehemaligen Vorsitzenden Manfred Ewald. „Die heimliche Verabreichung von Dopingmitteln an Kinder und Jugendliche ist ein Verbrechen“, sagt sie. Sie ist selbst ein Opfer dieser Machenschaften.

Richtiger Weg

Angekommen ist sie in dem Verein in der größten Tristesse, als der Alemannia das Wasser mindestens bis zum Halse stand, als nicht einmal klar war, wie lange es den Betrieb noch geben wird. Die ersten Erfolge haben sich eingestellt, obwohl das Marketing-Team von 15 auf vier Mitarbeiter geschrumpft ist.

„Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt die zweifache Mutter: „Gemeinsam mit den Sanierern Michael Mönig und Rolf-Dieter Mönning, als kleines aber eingeschworenes Team und mit einiger Unterstützung durch den „Wirtschaftsbeirat“, haben wir es geschafft, den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten.“ Die erste Hürde auf dem Weg zur Sanierung.

Im Grunde betrat Reinisch im Januar eine große Geröllhalde, auf der das wichtigste Gut des Traditionsklubs verschüttet lag. „Hier ist viel Vertrauen mit falschen Versprechungen verlorengegangen.“ Die Aufräumarbeiten werden wohl noch eine Weile andauern, Glaubwürdigkeit lässt sich schneller zerstören als wieder aufbauen.

Die ersten Erfolge sind dennoch sichtbar, in Zeiten existenzieller Not sind Sponsoren hastig von Bord gegangen, aber neue Partner haben sich gefunden. Die Bitburger Brauerei hat ihr Engagement im Januar sogar noch ausgedehnt. „Wir glauben an die Zukunft des Klubs“, sagt Dr. Werner Wolf, Sprecher der Geschäftsführung, „in der Krise steht man zu seinen Partnern.“

Ausdauer und Wille

Doc Morris ist dazu gekommen, würde auch in der 4. Liga beim Klub bleiben. Vorstandschef Olaf Heinrich sieht Parallelen zwischen seinem Unternehmen und Alemannia. Ein Aufstieg erfordere Ausdauer, Wille und Durchsetzungskraft. „Die Stimmung und das Gemeinschaftsgefühl sind faszinierend. Alemannia hatte 2012 Platz 1 in der Zuschauertabelle der 3. Liga – die beste Voraussetzung, wieder auf erfolgreiche Zeiten vertrauen zu können“, sagt der Wahl-Aachener, der mit seinen Söhnen regelmäßig am Tivoli vorbeischaut.

Zum ersten Mal hat der Klub nun auch wissenschaftliche Firmen überzeugen können. Die Ingenieurgesellschaft P3 ist dazu gekommen, „Streetscooter“ will als Trikotsponsor überregional bekannter werden. Nur die wenigsten Logenmieter am Tivoli sind nach der Insolvenz ausgezogen und auch die meisten Business-Seat-Partner halten der Alemannia die Treue obwohl noch einmal ein Nachschlag von 25 Prozent erbeten wurde.

„Die meisten wollen den Verein mit uns retten und dafür sind wir sehr dankbar – auch den vielen Fans, die ihre Eintrittskarten reaktiviert haben“, sagt Rica Reinisch. Bei Alemannia ist zwangsläufig Demut eingezogen, der Verein liegt am Boden. Er soll wieder eine Perspektive bekommen. „Wir sind kein Luxusklub, wir sind in der 3. Liga, aber wir sind Alemannia Aachen.“

Wie soll der Verein auch untergehen mit einer Schwimm-Olympiasiegerin? Dem Wasser ist sie treu geblieben. Fast jeden dritten Tag schwimmt sie ihre Bahnen noch. Demnächst will sie die Fußballer mal zum Training mitnehmen. Es wird eine anstrengende Einheit, üblich sind bei Rica Reinisch „drei bis vier Kilometer“.

Leserkommentare

Leserkommentare (12)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert