Olga Heusch erzählt von ihrem Job in der JVA Aachen

Von: Carolin Cremer-Kruff
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Enge Zusammenarbeit in der JVA: (v.l.) Dr. Olga Heusch, Dieter Heinen (Leiter allgemeiner Vollzugsdienst), Willi Rüters (Leiter Krankenpflege).
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Gefängnisärztin Dr. Olga Heusch: „Die medizinische Versorgung ist hinter Gittern genauso gut wie draußen.“ Foto: Andreas Steindl

Aachen. Olga Heusch ist seit sechs Monaten im Knast – freiwillig. Sie arbeitet als Gefängnisärztin in der Justizvollzugsanstalt Aachen. Ein nicht alltäglicher Job, den sie hinter vielen verschlossenen Türen ausübt. Dort erwartet sie eine andere Welt.

Ihre rund 700 Patienten sind alle verurteilte Straftäter oder Menschen, die in Untersuchungshaft sitzen. Unterstützt wird die Allgemeinmedizinerin von zehn Kollegen aus dem Krankenpflegedienst. Zufällig erfuhr die 60-Jährige, die seit 35 Jahren als Ärztin im Einsatz ist, von dieser Stelle. Zuerst wollte sie diese gar nicht annehmen. Warum sie es doch getan hat und was sie dabei alles erlebt, erzählt sie im Wochenendinterview.

 

Wie kann man sich eine Praxis „hinter Gittern“ eigentlich vorstellen?

Heusch: Eigentlich ganz normal, wie eine niedergelassene Praxis. Von montags bis freitags ist Sprechstunde. Den Notdienst übernimmt ein weiterer Kollege. Somit ist die 24-Stunden-Versorgung abgedeckt. Natürlich ist die Organisation ganz anders – viel straffer. Hinzu kommt, dass wir hier überdurchschnittlich viele Drogen- und Alkoholabhängige behandeln und viele gebrochene Persönlichkeiten, die auf psychologische Hilfe angewiesen sind. Allein 50 Häftlinge nehmen an unserem Methadon-Programm teil. Der Schweigepflicht unterliege ich natürlich auch als Gefängnisärztin.

Wenn ein Häftling krank wird, sind Sie also die erste Ansprechpartnerin.

Heusch: Das stimmt. Ich muss dann entscheiden, wie weiter verfahren wird: Kann ich selbst die Behandlung fortführen oder brauche ich zusätzliche Hilfe? Dabei kann ich auf die Unterstützung von niedergelassenen Fachärzten zählen. Wenn zum Beispiel ein Neurologe hinzugezogen werden muss, dann würde der entsprechende Patient für einen Untersuchungstermin ausgeführt. Manche Fachärzte wie unser Zahnarzt kommen auch in unsere Praxis, um Untersuchungen durchzuführen. Bei Notfällen ist das Uniklinikum die erste Adresse, der Gefangene wird von unserem Fahrdienst dort hingebracht und auf seinem Zimmer rund um die Uhr von zwei Justizvollzugsbeamten bewacht. Für geplante Operationen steht das Gefängniskrankenhaus in Fröndenberg im Sauerland zur Verfügung, welches für alle 30 Justizvollzugsanstalten in NRW zuständig ist. Die medizinische Versorgung ist hinter Gittern genauso gut wie draußen. Wir sind sehr gut ausgestattet.

Das klingt fast nach paradiesischen Verhältnissen.

Heusch: Verbringen Sie einmal eine Nacht in einer Gefängniszelle, dann werden Sie merken, dass die Freiheit über allem steht. Das können materielle Güter – und auch eine exzellente medizinische Versorgung – nicht ausgleichen. Das ist etwas, was mir in den vergangenen Monaten bewusst geworden ist: Ich habe gelernt, dass die Freiheit das höchste Gut auf Erden ist.

Wie sind Sie Gefängnisärztin geworden?

Heusch: Ich habe in Moskau Medizin studiert und habe danach viele Jahre dort in einem Krankenhaus gearbeitet. Später bin ich nach Aachen gezogen. Nach einem kurzen Abstecher ins Saarland wollte ich wieder zurück nach Aachen und habe mich nach einer passenden Stelle umgeschaut. Da ich nicht mehr die Allerjüngste bin, wollte ich auf keinen Fall nachts arbeiten, was im Krankenhaus regelmäßig der Fall ist. Als ich meinem Berater im Jobcenter sagte, dass ich am liebsten in Aachen bleiben möchte, hatte er tatsächlich ein Angebot für mich und druckste zuerst etwas rum. Schließlich rückte er mit der Sprache heraus: „Die Justizvollzugsanstalt sucht eine Gefängnisärztin.“

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie diesen Satz gehört haben?

Heusch: Zuerst dachte ich: Oh mein Gott, das kommt überhaupt nicht infrage. Mein Berater ermutigte mich jedoch, zumindest zum Vorstellungsgespräch zu gehen. Das habe ich dann auch getan und es bis heute nicht bereut. Ein bisschen neugierig war ich anscheinend doch…

Unter Ihren Patienten befinden sich Mörder, Sexualstraftäter und pädophile Täter. Ist das kein Problem für Sie?

Heusch: Ich habe mir lange überlegt, wie ich damit umgehe, ob ich mich mit der Lebensgeschichte, den Straftaten der Insassen auseinandersetzen soll. Ich habe mich letztlich dafür entschieden, es zu lassen. Ich möchte nicht wissen, was der Patient, der vor mir steht, getan hat. Natürlich kommen in manchen Gesprächen mit Patienten ein paar Informationen ans Tageslicht, zum Beispiel wenn jemand pädophil ist und mit mir über seine Neigung reden möchte. Das ist auch für mich sehr schwer. Und manche Patienten werden in Fesseln sowie in Begleitung von zwei Justizvollzugsbeamten vorgeführt, dann weiß ich selbstverständlich auch, dass dieser Mensch eine sehr schwere Straftat begangen hat. Es ist jedoch wichtig, mit den Straftätern „menschlich“ umzugehen.

Haben Sie keine Angst vor Übergriffen?

Heusch: Nein, ich habe keine Angst, ich bin auch noch nie angegriffen worden. Außerdem bin ich ja nie mit einem Patienten alleine. Es ist immer ein Krankenpfleger bei der Untersuchung dabei. Zudem trage ich ein Personennotrufgerät, auf das ich im Notfall drücken kann.

Hat man es als Frau in dieser Position schwerer als ein männlicher Kollege?

Heusch: Die Erfahrung habe ich bislang nicht gemacht. Ich versuche, mit den Patienten normal umzugehen und sie aufzuklären. Natürlich sind viele Patienten im Gefängnis aufgrund ihrer kriminellen Lebensgeschichte sehr misstrauisch. Vielen kann ich ansehen, was sie denken: Da ist eine Frau und sie ist Ausländerin. Warum hat sie diese Stelle im Gefängnis angenommen? Ist sie eine gute Ärztin? Ich kann verstehen, dass viele sich insgeheim die Frage stellen, warum eine gute Ärztin gerade im Gefängnis arbeitet. Ich untersuche gut, ich diagnostiziere gut, und ich denke, dass die meisten das auch schnell merken und so langsam Vertrauen aufbauen. Das ist sehr wichtig, da es ja im Gefängnis nicht die Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Ärzten gibt.

Welche Eigenschaft muss man als Gefängnisärztin unbedingt besitzen?

Heusch: Ich denke, dass man auf jeden Fall eine Portion gesunden Menschenverstand braucht. Manchmal muss man auch aus dem Bauch heraus handeln. In meiner Sprechstunde habe ich es mit ganz unterschiedlichen Menschen zu tun. Allein in der JVA Aachen finden sich unter den Häftlingen 57 verschiedene Nationalitäten, das hat auch Auswirkungen auf meine Arbeit. Es gibt zum Beispiel Kulturen und Religionen, in denen es nicht normal ist, dass Männer sich einfach vor einer fremden Frau ausziehen. Das respektiere ich und bitte dann meinen Kollegen, die Untersuchung durchzuführen, auch wenn ich solchen Patienten erkläre, dass ich nicht als Frau hier bin, sondern als Ärztin. Und natürlich gibt es manchmal auch sprachliche Probleme, weil einige die deutsche Sprache nicht richtig beherrschen. Und nicht immer ist ein Dolmetscher zur Stelle. Häufig helfen Mithäftlinge aus, welche die deutsche Sprache und die Sprache des entsprechenden Patienten verstehen und sprechen können.

Versuchen einige auch, eine Krankheit vorzuspielen, zum Beispiel, um so die Fahrt ins Krankenhaus als Fluchtmöglichkeit zu nutzen?

Heusch: Ja, das kommt vor – aber selten. Allerdings kann ich mittlerweile recht schnell herausfinden, ob jemand simuliert oder nicht. Als ich in der JVA Aachen als Ärztin angefangen habe, haben einige Häftlinge natürlich auch erst einmal getestet, wie weit sie gehen können, wo meine Grenzen liegen. Das ist aber eine ganz normale Phase, die ich mittlerweile überstanden habe.

Joe Bausch, bekannt aus dem Kölner Tatort, ist wohl der prominenteste Gefängnisarzt in Deutschland. Wie finden Sie ihn?

Heusch: Ein guter Typ, der es vielleicht geschafft hat, unseren Beruf ein bisschen aus dem Schattendasein zu holen und ihm ein positives und vor allem realistisches Gesicht zu geben. Sein Buch „Knast“ möchte ich unbedingt noch lesen und bin gespannt, was er zu erzählen hat. Im Fernsehen wird ja manchmal eine völlig falsche Realität des Gefängnislebens dargestellt.

Ist der Beruf der Gefängnisärztin ein Traumjob?

Heusch: Das ist vielleicht das falsche Wort in diesem Zusammenhang. Der Beruf ist sehr interessant und spannend, ich kann hier zahlreiche Erfahrungen machen, da ich es mit vielen verschiedenen Fällen zu tun habe. Der Zusammenhalt unter den Kollegen ist sehr gut, das gefällt mir. Gerade zu Beginn meiner Tätigkeit habe ich unglaublich viel Unterstützung bekommen. Und man darf auch nicht vergessen: Der Beruf wird sehr gut bezahlt. Die JVA Aachen ist auf der Suche nach einer weiteren Ärztin oder einem weiteren Arzt, da ich momentan ständig zwischen Strafvollzug und U-Haft wechseln muss.

Welche Begegnung werden Sie aus ihren ersten Monaten als Gefängnisärztin nie vergessen?

Heusch: Eines Tages kam ein junger kräftiger Mann zu mir in die Sprechstunde, der insulinpflichtiger Diabetiker war. Er hatte sehr schlechte Werte und ich habe geschaut, woran das liegt. Ich habe ihm dann in leserlicher Schrift aufgeschrieben, was er beachten muss. Daraufhin nahm er das Blatt ganz vorsichtig entgegen und wurde zurück in seine Zelle gebracht. Später sagte mir ein Pfleger, dass er gar nicht lesen kann. Seitdem frage ich jeden Patienten, ob er lesen und schreiben kann, denn viele Analphabeten schämen sich und sprechen das Thema von sich aus nicht an. Diese Begegnung hat mich tief getroffen und mir gezeigt, dass man im Leben oft zweimal hinschauen muss.

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