Ohne Urkunde keine Verwandtschaft

Von: Daniel Gerhards
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Kennt die Fälle: Angelika Haak-Dohmen leitet das Team „Beratung und Unterstützung in Vaterschaftsfragen, Unterhaltsangelegenheiten, Beistandschaften, Beurkundungen“ des Jugendamts. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Sechs Jahre ist die kleine Johanna schon alt. Aber einen Vater hatte sie bis vor Kurzem nicht – zumindest nicht vor dem Gesetz. Erst als Mutter Sandra Schmidt (die Namen von Mutter und Tochter sind geändert) das Jugendamt um Unterstützung bat, bekannte sich Johannas biologischer Vater auch auf dem Papier zu seiner Tochter.

Dabei hat Johanna ein gutes Verhältnis zu ihrem Vater. Sie sieht ihn regelmäßig am Wochenende und besucht ihn in den Ferien. Wichtig wurde die Vaterschaftsfrage für Schmidt erst wieder als kein Geld mehr kam.

Unterhalt für ein Kind, das gar nicht mit seinem Vater verwandt ist – rechtlich ist das nicht durchzusetzen. „Ich wusste gar nicht, dass mein damaliger Lebensgefährte die Vaterschaft nicht gleich nach der Geburt anerkannt hat. Ich dachte damals, das sei alles rechtskräftig“, sagt Schmidt.

Also wandte sie sich an den städtischen Fachbereich Kinder, Jugend, Schule. Dort bot man ihr an, dass die Behörde sich mit dem Vater in Verbindung setzt. Doch Schmidt wollte zunächst versuchen, die Angelegenheit mit ihrem Ex selber zu regeln. Ohne Erfolg. „Er hat das immer wieder vergessen oder hat gesagt, dass er keine Zeit gehabt habe“, sagt sie. Also schaltete sie das Amt ein. „Dann ging es ruck zuck“, sagt sie.

Ein paar Tage später bekam Johannas Vater Post mit der Aufforderung die Vaterschaft anzuerkennen. Das tat er dann auch gleich. Damit die Anerkennung der Vaterschaft rechtswirksam wurde, musste Schmidt noch urkundlich zustimmen.

In vielfältigen Formen gelebt

Mit solchen und ähnlichen Fällen hat das Team von Angelika Haak-Dohmen oft zu tun. „Familie wird heute in vielfältigen Formen gelebt und wenn Eltern bei der Geburt eines Kindes nicht miteinander verheiratet sind, kann dies Konsequenzen für die rechtliche Stellung und die Rechtsansprüche des Kindes haben“, sagt sie. Das Jugendamt-Team „Beratung und Unterstützung in Vaterschaftsfragen, Unterhaltsangelegenheiten, Beistandschaften, Beurkundungen“ hat die gesetzliche Verpflichtung, nach Geburt eines Kindes allen Eltern, die nicht miteinander verheiratet sind, ein persönliches Gespräch anzubieten.

Denn jeder Vater, der nicht mit der Mutter seines Kindes verheiratet ist, selbst wenn er mit ihr zusammenlebt, muss in einer gesonderten urkundlichen Erklärung bei der Urkundsperson des Jugendamtes, beim Standesamt oder auch bei einem Notar anerkennen, dass er der Vater des Kindes ist, um so die Abstammung des Kindes rechtlich zu sichern. Betroffen sind davon viele Eltern: Rund 30 Prozent der Neugeborenen in Aachen haben keine verheirateten Eltern.

Häufig ist die Beurkundung bloße Routine. „Oft leben die Menschen eben ohne Heirat zusammen und über die freiwillige Beurkundung der Vaterschaftsanerkennung erlangen die nicht miteinander verheirateten Eltern fast familiären Status, um so Elternschaft verantwortlich leben und gestalten zu können“, sagt Haak-Dohmen.

Komplizierter und emotional sehr belastend wird es, wenn die Lebenssituation nicht so klar ist, beispielsweise nach einer Trennung oder aber aufgrund eines Beziehungswechsels im „gesetzlichen Empfängniszeitraum“. Ist der Vater eines Kindes nicht bereit, seine Vaterschaft freiwillig anzuerkennen, kann seine Vaterschaft nur gerichtlich festgestellt werden. „Das Jugendamt als Beistand des Kindes kann in diesen Fällen kostenfrei auf Antrag der Mutter das gerichtliche Verfahren auf Vaterschaftsfeststellung führen. Zur Beweissicherung wird in der Regel ein Abstammungsgutachten oder Vaterschaftstest durch entsprechend zertifizierte Labore angeordnet“, sagt Haak-Dohmen.

Ein Grundrecht des Kindes

Herauszubekommen wer biologischer Vater eines Kindes ist, ist nicht nur für Unterhalt, Sorgerecht und Erbschaften wichtig. „Es ist ein Grundrecht des Kindes und für seine Persönlichkeitsentwicklung von immenser Bedeutung zu erfahren, wer der Vater ist“, sagt Haak-Dohmen. Wenn Kinder später, zum Beispiel während der Pubertät herausfinden, dass der Mann, den sie Papa nennen, gar nicht ihr biologischer Vater ist, könnten dadurch „Lebenswahrheiten“ zusammenbrechen. „Dadurch können Kinder total verunsichert sein, sie wissen vielleicht gar nicht, ob man der Mutter oder anderen Erwachsenen trauen kann. Die Erfahrungen zeigen, dass die Suche nach den Wurzeln der Herkunft sogar bis ins hohe Lebensalter andauern “, sagt Haak-Dohmen.

Vor den Richter musste der Fall von Sandra und Johanna Schmidt nicht. „Das ist uns zum Glück erspart geblieben“, sagt die Mutter von fünf Kindern. Es hätte für den Vater wohl auch keinen Zweck gehabt, seine Vaterschaft nicht anzuerkennen. „Er weiß ja, dass er der Vater ist“, sagt sie. Und meistens wissen die Mütter doch ganz gut, wer der Vater ihrer Kinder ist. In 80 Prozent der Fälle bestätigen gerichtliche Abstammungsgutachten die Vaterschaft, in 20 Prozent der Fälle kommt raus, dass es sich nicht um den Vater handelt.

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