„Offenes Aachen“: Namentlich für Menschenwürde einstehen

Von: Laura Beemelmanns
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Künstler Sebastian Schmidt hat die Ringskulptur geschaffen, die nun im Kennedypark steht und die Aktion „Offenes Aachen“ unterstützt. Adolf Bartz, Marita Jansen und Norbert Greuel (v. l.) von der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen haben sich an diesem Ort getroffen, um die Missstände im Bereich der Menschenwürde offenzulegen. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Als Norbert Greuel im Herbst vergangenen Jahres die Idee zur Kampagne „Offenes Aachen“ hatte, wurde er zuvor von der Offenen Gesellschaft Berlin und eigenen vorangegangenen Projekten der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen inspiriert.

 Im Januar 2017 hat sich dann eine Arbeitsgruppe gebildet, die am heutigen Freitag zum 14. Mal tagt. Aus einer Idee ist ein ziemlich großes Projekt mit vielen Veranstaltungen und großen Unterschriften- und Stellwandaktionen geworden, bei der die Vertreter der Bürgerstiftung ausdrücklich darauf achten, dass aus einem allgemeinen „dagegen sein“ ein „dafür sein“ wird – für Demokratie, Vielfalt und vor allem für Menschenwürde.

„Die Menschenwürde ist im 1. Artikel unseres Grundgesetzes verankert“, sagt Greuel. „Und das Recht auf Menschenwürde ist ein unveräußerliches Recht. Die Menschenwürde gilt für jeden. Egal, ob es ein Säugling ist oder ein Aufsichtsratsmitglied, egal ob Komapatient oder ein Mörder, der im Gefängnis sitzt.“ Das betonen auch Adolf Bartz und Marita Jansen von der Bürgerstiftung Lebensraum. „Man muss sich die Menschenwürde nicht erarbeiten, man hat sie, es ist ein angeborenes Grundrecht“, sagt Jansen. Das betont sie, weil dieses Recht nicht abhängig von Leistungen und vom Lebensumfeld sei. Und das sei auch gut so.

Umso wichtiger empfinden die drei es, sich für die Menschenwürde einzusetzen. „Wir stellen fest, dass dieses Recht immer wieder verletzt wird“, sagt Jansen. Es sei daher schutzbedürftig und da müssten die Menschen Verantwortung übernehmen. Mit einer groß angelegten Unterschriftenaktion möchte die Bürgerstiftung alle Bürger in Aachen, der Städteregion und über die Grenzen hinaus, dazu auffordern, genau dies zu tun und für Demokratie, Vielfalt und Menschenwürde einzustehen. „Viele sagen, dass das doch selbstverständlich sei“, sagt Bartz.

Aber in Zeiten wie diesen, in denen der Rechtspopulismus voranschreite, müsse man ein Zeichen setzen und die positiven Werte wieder in den Vordergrund und in die Medien bringen. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Gruppe der Menschen, die hinter der Demokratie steht, im Mittelpunkt ist, und nicht die, die dagegen sind“, so Bartz.

„Wir wollen global denken, aber lokal handeln“, sagt Greuel. Daher sollen auch gerade in Aachen und der Städteregion Unterschriften gesammelt werden. 1500 haben sie bereits zusammen, viele Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Kultur zählen zu den Erstunterzeichnern. Außerdem alle Bürgermeister aus der Städteregion und Aachen. Das Ziel sind aber mehrere Tausend.

„Wir müssen hinschauen, statt wegzusehen, und ins Handeln kommen. Wenn wir unsere Stellwände an verschiedenen Plätzen in Aachen aufstellen und mit Passanten ins Gespräch kommen, sagen viele: ,Eigentlich müsste man was tun‘“, so Jansen.

Und ein erster Schritt könne sein, mit einer Unterschrift zu zeigen, was die Mehrheit der Bürger ohnehin denke. „Wir erleben auch viele Menschen, die sehr wohl für Demokratie, Vielfalt und Menschenwürde sind und dies sogar als selbstverständlich empfinden. Aber das ist es für andere nun mal nicht“, sagt Greuel. „Dem kann man nur entgegentreten, indem man den Gedanken des Dialogs lebt“, sagt Bartz.

Wenn zwei verschiedene Meinungen aufeinander treffen, helfe nur ein Gespräch. „Oft hat die Gegenseite gar keine Argumente. Man muss ruhig seine Meinung vertreten und diese erklären. Nur so kann man etwas in den Köpfen der Menschen bewegen“, so Bartz weiter.

„Müssen nicht alles gut finden“

Mit den Aktionen möchten sie die Aufmerksamkeit auf diese Schlagworte lenken und sie damit wieder mehr in die Köpfe der Menschen holen. „Und das heißt nicht, dass wir alles gut finden müssen, was Menschen tun. Zur Menschenwürde gehört auch, dass wir Menschen zutrauen, die Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen“, sagt Bartz. Auch Mörder hätten daher beispielsweise das Recht auf Menschenwürde. Das sei nicht für jeden nachvollziehbar, aber man könne ja darüber diskutieren.

„Unsere gemeinsame Wertebasis ist das Grundgesetz. Das müssen wir allen vermitteln“, sagt Greuel. Daher hat die Bürgerstiftung auch eine vereinfachte Version des Grundgesetzes auf Flyer drucken lassen, um sie für ihre Flüchtlingsarbeit zu nutzen. „Mehr als 8000 Flyer haben wir verteilt“, sagt Greuel. Er weiß, dass Flüchtlinge teilweise auch andere Wertevorstellungen haben. Schließlich haben sie auch eine andere Kultur und eine andere Religion. „Es ist wichtig, dass wir unsere Werte erklären und vermitteln. Mich hat einmal ein Mann gefragt, ob seine Tochter denn wirklich in Deutschland am Schwimmunterricht teilnehmen müsse. Und ich sagte: ,Ja, das muss sie.‘ Denn es ist wichtig.“

Greuel sagt, dass Werte nicht mehr allein über Religionen vermittelt werden können. Dazu seien sie zu unterschiedlich. Aber das Grundgesetz gelte für alle, die in Deutschland leben. „Wir müssen mit dem Grundgesetz unterm Arm und im Herzen rumlaufen“, sagt Jansen. Denn dann wüssten die Menschen, dass die Menschenwürde unantastbar ist – und dies auch bleiben soll.

Mit Signatur oder Spende unterstützen

Wer die „Aachener Erklärung für Demokratie“ unterzeichnen möchte, hat verschiedene Möglichkeiten. Unterschriftenlisten liegen in Geschäften und Institutionen aus, können bei der Bürgerstiftung Lebensraum, Goffartstraße 45, angefragt oder online ausgefüllt werden. Eine weitere Möglichkeit ist, die Postkarte aus der Zeitungsausgabe von Freitag zu verwenden.

Mit der Veranstaltung „Offenes Aachen – Gemeinsam Vielfalt feiern“ erreicht die Initiative ihren vorläufigen Höhepunkt am Sonntag, 27. August, von 14 bis 18 Uhr im Elisengarten. Geboten werden musikalische Beiträge von Detlef Malinkewitz, Rick Takvorian, dem Schlagsaiten-Quantett und Dieter Kaspari. Außerdem werden interessante Gäste aus Kultur, Politik und Wirtschaft erwartet.

Auch finanziell kann die Initiative unterstützt werden. Denn die Bürgerstiftung hat eine Crowdfunding-Aktion ins Leben gerufen. Spenden ab einem Euro können auf folgendes Konto überwiesen werden: Bürgerstiftung Lebensraum Aachen, Sparda Bank West, IBAN DE46370605900003690091, BIC GENODED1SPK, Verwendungszweck: „Offenes Aachen“.

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