Aachen - Obdachlos in Aachen: Wenn das Leben in einen Rucksack passt

Obdachlos in Aachen: Wenn das Leben in einen Rucksack passt

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Obdachlos: Was steckt hinter solchen Schicksalen? Wer kümmert sich um diese Menschen? Und welche Vorurteile gibt es? FH-Studierende haben Foto: CMD
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Ein Treffpunkt für Menschen, die Hilfe und Betreuung brauchen: Auch in Aachen gibt es solche Einrichtungen. Foto: CMD

Aachen. Sind wir doch einmal ehrlich. Wir alle kennen ihn. Den „Unwohl-Moment“. Ein Obdachloser kommt auf einen zu, im Kopf direkt die Frage „Was antworte ich nun?“ Worauf? Auf die Frage nach ein bisschen Kleingeld.

Es gibt mittlerweile viele Varianten des klassischen „Haste mal nen Euro“. „Eine kleine Spende“ oder ein sehr liebes „Ich mache das normalerweise nicht...“ sind gerade im Trend. Innerhalb von Millisekunden haben wir uns entschieden. Wir sind immerhin schon trainiert, ja in den Straßen von Aachens Innenstadt fast schon darauf eingestellt.

Wir neigen unseren Kopf gen Boden und drehen in einem leichten Winkel seitwärts ab, um eine andere Route einzuschlagen. Kollisionskurs vermeiden. Nicht zu auffällig, versteht sich. Oder wir versuchen es so aussehen zu lassen, als seien wir in einem tiefen Gespräch. Am Telefon oder mit unserem Begleiter. Ein mitleidiges „Tut mir Leid, aber ich habe gerade selbst kein Kleingeld“, welches meistens auch direkt aus Ausrede erkannt wird.

Manchmal sind wir uns aber auch nicht zu schade. Wir zücken das Portemonnaie und öffnen das Fach, wo sich die roten Münzen häufen. Greifen einmal rein, lassen wieder ein paar zurückfallen und geben es dem Obdachlosen.

Das sind die Antworten eines Großteils unserer Gesellschaft. Was wir nicht wissen: „Die meisten haben eine Wohnung um die Ecke.“ Das berichtet uns Sabine Lejeule vom Ordnungsamt, Bereich Sicherheit und Ordnung, Stadt Aahen.

Raus an die frische Luft

Um halb sieben wird Norbert (51) geweckt. Jeden Tag aufs Neue. Er ist obdachlos. Um halb acht heißt es dann: Raus an die frische Luft. Er ist nur im Café Plattform, um zu schlafen. Offiziell gibt es 16 Betten dort. Tagsüber läuft er herum.

Besonders an Feiertagen und Sonntagen weiß er nicht, wohin. Öffentliche Plätze wie Stadtbibliotheken haben nicht geöffnet. Seit Januar dieses Jahres lebt er auf der Straße. Er hat das Notdürftigste im Café Plattform in einem Spind untergebracht, den Rest seines Besitzes trägt er in einem Rucksack bei sich. Dabei darf er sich nicht auf einem öffentlichen Platz mit seinem gesamten Hab und Gut breit machen. Lagern ist in Aachen verboten.

Aber so viele Sachen hat Norbert nicht mehr. Er fühlt sich unwohl in seiner Situation. Viel lieber hätte er wieder eine Wohnung. Mit den Menschen, die nach Alkohol riechen, Drogen nehmen und dreckig sind, möchte er sich nicht identifizieren. Im Café Plattform fehlt ihm die Privatsphäre, sich einfach mal zurückzuziehen. „Man hat keinen einzelnen Raum für sich, also keine richtige Privatsphäre. Es muss nicht groß sein. Ein Bett, Schrank, Tisch und eine Tür, die man mal zumachen kann, reicht.“

Unwohl rutscht Norbert auf seinem Stuhl hin und her, lächelt schüchtern. Wir schätzen Norberts Mut, seine Gedanken mit uns zu teilen, fragen uns auch gleichzeitig, wie es wohl ist, wenn das ganze Leben in einen Rucksack passt. „Es ist kein leichtes Los“.

Auch soziale Kontakte fehlen ihm, sich einfach mal hinsetzen und sich unterhalten, mit Menschen, die so wie er kein Interesse daran haben, sich in Alkohol und Drogen zu flüchten. Ohne Zeitdruck. Doch die Realität ist: Die Menschen erkennen diesen Unterschied nicht, sie stecken ihn in dieselbe Schublade.

Uns fällt es nur so einfacher, sie zu ignorieren, wenn wir ihre Geschichte nicht kennen. Zwar hängen Suchterkrankung und Obdachlosigkeit manchmal zusammen, aber es ist ein „Trugschluss, dass jeder, der auf der Straße sitzt, obdachlos ist“, verrät uns Sabine Lejeule beim Ordnungsamt. Genauso wie die Vorstellung, dass jeder, der obdachlos aussieht, keine Wohnung hat.

Streit auf der Straße

Als wir zu unserem letzten Interview für diese Reportage zum Ordnungsamt Aachen fuhren, war die Antwort auf unsere erste Frage eine Gegenfrage. „Woher wissen Sie, dass jemand obdachlos ist?“, hieß es. „Ich rasiere mich fünf Tage nicht und wasche mir meine Klamotten Wochen lang nicht und trotzdem habe ich ein Haus“, verdeutlicht Horst Pütz, der immer noch im Außendienst arbeitet. Dies tut er mit einem fast schon siegreich anmutenden Blick, einen Mundwinkel lächelnd nach oben gezogen. Als wüsste er, dass er gerade unseren gesamten Fragekatalog umgeworfen hat.

Doch das ist genau der Punkt: Wir prognostizieren schon Meter vorher den „Unwohl-Moment“ und gehen davon aus, unser Gegenüber sei obdachlos. Wenn wir aus dem Bus aussteigen und nun mal an Kaiser Friedrich III vorbei in Richtung Kugelbrunnen laufen, dann gehen wir davon aus, hier am Kaiserplatz seien alle obdachlos. Oder solche am Hauptbahnhof, oder in Rothe Erde.

Dabei sind es meistens keine Menschen ohne Wohnung, sondern Menschen mit einem Alkohol- oder Drogenproblem. Die Linie dazwischen vermögen wir nur nicht zu ziehen. Vielleicht der Einfachhalt halber. Oder, weil es gegen unsere Vorstellung ginge: „So hat ein Obdachloser auszusehen!“. Wir benutzen den Begriff „Obdachloser“ viel zu häufig und tun richtigen Obdachlosen somit Unrecht, wenn wir sie immer in den gleichen Kontext mit Drogen- und Alkoholabhängigen bringen.

Viele Plätze existieren nicht, wo Norbert nicht sofort wieder weggeschickt wird. Es gibt viele Streitigkeiten auf der Straße, berichtet er. Wem gehört welcher Platz? Wer entscheidet das? Richtige Plätze gibt es zwar nicht, aber es herrscht viel Räuberei und Aggression draußen. Rivalität ist ein großes Thema. Norbert versucht Abstand von solchen Situationen zu halten, er spürt jedoch auch alltäglich die Abweisung von Anwohnern und Ordnungsamt. „Man ist halt ein Schandfleck der Stadt“.

Mittagessen bekommt er entweder im Kloster am Preusweg oder in der Alexius-Stube. Irgendwo wird sich schon was finden. „Wer in Aachen verhungert, ist selber schuld.“ Es gibt genug Angebote. Warme Mahlzeiten für 2 Euro. Aber es ist ein gleichzeitiges Drücken und Ziehen. Innerhalb von Einrichtungen wie dem Kloster am Preusweg, der Alexius-Stube oder auch dem Café Plattform wird zwar Vertrauen aufgebaut, doch eine gewisse Distanz muss gewahrt werden.

„Es ist wichtig, eine gesunde Nähe und Distanz zu haben. Es ist eine Gratwanderung, wir müssen unseren jüngeren Praktikanten auch oft einreden, dass sie diese Distanz brauchen. Das kann ganz schnell kippen,“ sagt Verena Bauwens. Im Kloster der Armen Schwestern an der Kleinmaschierstraße werden Geschenke der Gäste abgelehnt. Es darf keine zu enge Beziehung entstehen. Versprechen sich Gäste mehr von den Mitarbeitern, muss dies direkt geklärt werden. Die Arbeit im Kloster dient oftmals nur als Wegbegleitung.

Selten möchten oder können die Personen ihr Leben verändern. Das nachzuvollziehen, ist umso schwerer, wenn man sich nicht von den Schicksalen und Leben dieser Menschen distanziert.

Es waren zwei Herzinfarkte, die Norbert das Leben erschwerten. Seitdem lebt er von Hartz IV. Dass man von einem Tag auf den nächsten keine Wohnung mehr haben kann, weiß Norbert. Dass man nicht von einem Tag auf den nächsten aus der Obdachlosigkeit heraus kommt, auch.

Gesundheitliche Probleme

Noch immer leidet er unter gesundheitlichen Problemen. Es lässt sich Verzweiflung in seinem Blick erkennen, als er uns fragt, wie er sich gesund ernähren soll, wenn er keine Möglichkeit hat, Lebensmittel für sich zu lagern. Er kann nun mal nur das Angebot annehmen, das vorhanden ist. „Die warmen Mahlzeiten, ich bin froh, dass es sie gibt für kleines Geld, aber da wird auch oft mit Sahne gekocht und mit Käse überbacken. Ich kann nicht dauernd nein sagen und fragen, ob die für mich extra kochen, die würden dann sagen ‚Hast du sie nicht mehr alle? ‘ Wer gesundheitliche Probleme hat und auf sich achten will , das ist nicht möglich.“

Norbert und die anderen im Café Plattform müssen morgens um halb acht aus dem Haus. Man soll sich nicht zu heimisch fühlen. Sonst ginge das Bestreben danach, aus dieser Situation hinaus zu kommen, verloren. Deshalb gibt es auch nur zusätzliche Matratzen und Isomatten und keine neuen Betten hier, obwohl der Bedarf in den letzten Jahren stieg.

„Wir schicken keinen weg, aber komfortabel soll es auch nicht sein“, bringt es Simone Holzapfel auf den Punkt. „Es geht darum hier einen Raum der Ruhe zu schaffen. Sie dürfen alle Alkohol trinken und illegale Drogen konsumieren, aber nicht in unsren Räumen.“

Kleine Wohnungen

Hält man sich nicht an die Regeln, kann es zum Hausverbot kommen. Gewalt und Fremdenfeindlichkeit sind ebenfalls tabu. Bei kalten Nächten wird das Hausverbot zwar aufgehoben aber die Betroffenen dürfen nicht nach unten in die Gemeinschaftsräume. Nur oben schlafen. Nicht zu komfortabel, wir erinnern uns. Trotzdem nehmen nicht alle dieses Angebot wahr. Viele kommen mit den beengenden Umständen nicht klar. Auch Norbert hat schnell gelernt: Ohne Geld findet man auf der Straße keine Freunde.

Doch eine Frage, die sich stellt: Muss in einem Land wie Deutschland, jemand auf der Straße leben? Die Antwort vom Ordnungsamt lautet „Nein“. Neben den staatlichen Geldern werden von den Behörden Zimmer in Obdachlosenheimen oder kleine Wohnungen an Bedürftige vergeben. Warum gibt es dann trotzdem so viele „Unwohl-Momente“, wenn man in Aachen spazieren geht?

Nun ja, spätestens an dieser Stelle muss eines gesagt sein. Viele Menschen, die man auf der Straße sieht, leben ganz bewusst dort. Vielleicht eine bewusste Entscheidung gegen Grenzen. Gegen Regeln oder Vorschriften. Oder gegen die Norm. Manche wollen sich von nichts und niemanden was sagen lassen. Sie wollen sich nicht eingeengt fühlen. Wenn jemand wirklich unfreiwillig auf der Straße lebt, ist das eine Ausnahme. „Davon haben wir in Aachen nur eine Hand voll“, sagt Sabine Lejeule.

Bei Norbert ist das anders. Er hat sich seine Situation nicht ausgesucht. Auch heute, nach dem Essen, ist er wieder auf Wohnungssuche. Doch Aachen ist eine Studentenstadt. Wohnungen gehen bevorzugt an sie. Welch Ironie, dass auf die Frage, ob Obdachlose dem Ordnungsamt Schwierigkeiten bereiten, Horst Pütz antwortet: „Wirkliche Obdachlose nicht, sondern eher Studenten.“ Wieder mit dem „Mundwinkel-Lächeln“.

Aber wie nun umgehen mit der Situation? Mit diesen „Unwohl“-Momenten. Vielleicht ist es gut, als erstes anzuerkennen, dass all diese Menschen Hilfe benötigen, seien es nun Obdachlose, Alkohol- oder Drogenabhängige.

Stereotypes Denken

Diese Hilfe können wir nur leider nicht in vollem Maße leisten, nicht wir als Einzelpersonen. Aber auch den Hilfeeinrichtungen sind Grenzen aufgetan, denn ihre Angebote müssen auch wahrgenommen werden. Wir können letztendlich nur versuchen, unseren Horizont zu erweitern und nachzudenken. Dankbar dafür sein, was wir haben und versuchen, unseren Teil zu einer Stadt beizutragen, die Obdachlosen gegenüber offen und zugänglich agiert.

Vielleicht sollte man einfach sein stereotypes Denken überprüfen und offener mit der Situation umgehen, denn andernfalls kann sich nichts ändern. Und vielleicht wird dem ein oder anderen bewusst, dass solche „Unwohl“-Momente gar nicht ein solches Unwohlsein hervorrufen müssen, wenn man sich mehr in die Lage dieser Menschen hineinversetzt. Obdachlosigkeit sollte kein Tabu-Thema sein, deswegen sollte man sie auch nicht als Solches behandeln.

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