Nur der Ententanz hat sich nicht durchgesetzt

Von: Albrecht Peltzer und Robert Esser
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Sorgt mit dafür, dass heute die richtigen (musikalischen) Töne bei der Festsitzung „Wider den tierischen Ernst“ getroffen werden: Meinolf Bauschulte. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Er ist der Meister des karnevalistischen Tons, Komponist und Arrangeur ungezählter Öcher Fastelovvendshits, seit zwölf Jahren musikalischer Kopf der Ordenssitzung „Wider den tierischen Ernst“ und ein ausgewiesener Experte in Sachen Öcher Platt – und das als gebürtiger Westfale! Am Samstagabend wird er vom Kontrollraum im Eurogress aus die AKV-Sitzung verfolgen.

Abschluss eines viele Wochen dauernden Prozesses - bis jede Note notiert, jeder Ton gespielt und jede Regie aufgegangen ist. Eine aufregende und spannende Aufgabe, die der 62-Jährige mit viel Liebe zu Aachen auf sich nimmt. Eine, die viele Ungewissheiten – zum Beispiel ein knallrotes Gummiboot - in sich birgt, die aber vor allem eines macht: jede Menge Spaß, wie man Meinolf Bauschulte beim AZ-Interview sichtlich anmerkt.

Kommen wir direkt zu diesem ominösen Gummiboot: Wenn Wencke Myhre ihren Schlager auf der AKV-Bühne singt, dann denkt der Laie, okay, das ist eine simple Sache. Ist es aber nicht. Warum?

Bauschulte: Für den Musiker ist das auch nicht so kompliziert. Aber man muss in der Vorbereitung höllisch aufpassen. Ich hatte das zum Beispiel mit Vicky Leandros und ihrem Titel „Wir lieben das Leben“. Ältere Songs sind häufig mit Sinfonieorchester und Bigband produziert. Das muss man dann runterbrechen auf unsere nicht ganz so große Bigband mit elf Musikern, die das sozusagen mundgerecht notiert bekommen müssen. Dann schreibt man das, bekommt von der Agentur das Playback geschickt, mit dem die Band punktgerecht die Sängerin begleiten soll, und – die Version ist eine andere als die originale. Das sind dann die Momente, wo mir die nicht vorhandenen Haare zu Berge stehen.

Und dann geht alles von vorne los?

Bauschulte: Natürlich. Und dann hatte ich bei Leandros das Erlebnis der dritten Art, als sie mir auf der Probe – nachmittags, wenige Stunden vor der Aufzeichnung – sagte: „Schade, die alte Form hatte viel mehr Charme.“ Das alte Arrangement, das ihres und meines Erachtens viel schöner war, lag zu Hause in Rott in der Mülltonne.

Und wer wollte das neue Arrangement?

Bauschulte: Das Management, Vicky Leandros wusste nichts davon.

Da ist dann aber nichts mehr zu ändern.

Bauschulte: Natürlich nicht, das kann man nicht mehr neu proben so kurz vor der Sitzung.

Noch einmal zum Verständnis für uns Laien: Die Liveband spielt zum Playback, beides ergänzt sich also.

Bauschulte: Ja genau. Das muss absolut übereinanderpassen. Aber der AKV-Soundexpress unter Leitung von Dieter Graaf ist absolut professionell. Eine erstklassige Band! Und echte Kumpels!

Wann hat für Sie das Kapitel „Orden wider den tierischen Ernst“ begonnen?

Bauschulte: Vor über zwölf Jahren.

Und wann fängt die Vorbereitung auf die jeweilige Sitzung an?

Bauschulte: Nach Möglichkeit nicht zu früh. Ich habe auch schon ein paar mal für die Tonne produziert, weil die Planungen für die Sitzung immer wieder umgeschmissen wurden. Bis Oktober wird jetzt erst einmal das Drehbuch zusammengestellt und geschaut: Wie passt das alles zusammen, was bisher unter Vertrag genommen wurde? Und dann fange ich zunächst mit den Neuproduktionen an.

Was ist eine klassische Neuproduktion?

Bauschulte: Zum Beispiel das gemeinsame Lied von großem und kleinem Prinzen. Der Auftritt der Prinzen trieb früher den Verantwortlichen regelmäßig den Schweiß auf die Stirn, weil man nie wusste, was von einem riesigen Aachener Programmteil in die Sendung genommen werden kann bzw. sollte. Jeder Prinz sang ein Lied, zwei Gruppen tanzten. Das war eine sehr lange Nummer insgesamt. Dann kam jemand auf die Idee, beide Prinzen gemeinsam singen zu lassen. Und so hat man beide im TV, keiner fühlt sich benachteiligt und alles ist gut. So schafft man eine kompakte Fernsehnummer. Die Idee fand ich klasse. Aber die Sache hat auch einen Haken.

Welchen?

Bauschulte: Rein musikalisch gesehen. Man muss eine Melodie und Tonart finden, die zu beiden passt und die beide vernünftig singen können. Es muss aber auch vom Text her zu beiden passen. Der große Prinz kann ja nicht mit dem kleinen eine Kinderdisconummer singen. Auch wenn beide Prinzen fast gleich groß sind. Was für Prinz Thomas III. mit 170 Zentimetern Körpergröße kein Problem ist, der spielt ja öffentlich damit, was ich ungeheuer sympathisch finde.

Ein Duett auf Augenhöhe also.

Bauschulte: Ja fast. Aber im Ernst: Was wie klingen und aussehen soll, muss man natürlich im Vorfeld mit allen Beteiligten genau durchsprechen.

War das im aktuellen Fall mit Thomas III. und Luc I. ein Problem?

Bauschulte: Überhaupt nicht. Thomas zum Beispiel kann richtig gut singen. Was man auch bei der Prinzen-CD hören kann. Und Luc singt ebenfalls richtig gut.

Daran hat der Produzent Meinolf Bauschulte aber auch einen gehörigen Anteil.

Bauschulte: Wenn Du aber keinen Sänger hast, der singen kann, hast Du als Produzent – trotz aller digitalen Möglichkeiten – ein Problem. Als Thomas das erste Mal bei mir im Studio war, habe ich sofort gemerkt, welches sängerische Potenzial der Mann hat. Der singt Sachen, da muss sich ein normaler Öcher Amateursänger vorher operieren lassen, damit er an alle Töne herankommt.

Welches AKV-Prinzenlied werden wir dann am Samstag bzw. am Sonntag im TV hören?

Bauschulte: Wir haben Thomas‘ aktuelles Prinzenlied genommen, es einen Ton heruntergesetzt, damit Luc keine Probleme bekam, die ganze Sache dann neu arrangiert und neu getextet.

Was macht denn einen Prinzenhit aus? Braucht man dazu die bekannte Melodie?

Bauschulte: Nicht unbedingt. Das Lied muss textlich, melodisch, stimmlich zu dem passen, der es vorträgt. Es hat auch schon Jahre gegeben, da passte es eben nicht. Da kannst Du Dich anstrengen, so viel Du willst. Eine Garantie gibt es sowieso nicht. Da haben auch schon ganz große Komponisten schwer daneben gelegen. Es gibt auch Hits, die überall funktionieren, nur in Aachen nicht.

Tatsächlich? Welche denn?

Bauschulte: Der Ententanz zum Beispiel, wie mir berichtet wurde. Der Öcher stand nicht darauf, aufzustehen und mit den Ellenbogen zu wackeln.

Wenn man dann den richtigen Song hat, dann kommt es auch darauf an, dass es in den Sälen richtig klingt.

Bauschulte: Das ist die Aufgabe des Produzenten, vorher zu prüfen, wie die Musik unter unterschiedlichsten Bedingungen – volle Säle, kleine Säle, im Auto, auf der kleinen Stereoanlage, auf der kleinen CD-Anlage, morgens beim Frühstück etc. – klingt. Das sollte man mit jeder Produktion kontrollieren. Wenn es auf allen Anlagen klingt, dann klingt‘s meist überall.

Es ist immer mal wieder kritisiert worden, dass viele Künstler bei der Ordenssitzung nicht live singen.

Bauschulte: Ich als Musiker würde mir natürlich wünschen, dass alles wirklich live ist. Aber das ist schon allein zeitlich nicht möglich. Wenn man sich den Probenplan anschaut, sträuben sich selbst einem Profi die Nackenhaare, so eng ist der getaktet. Jedes Musikstück wird höchstens zwei Mal durchgespielt. Dazu muss das Licht stehen, das Ballett muss sich gefunden haben, die Kameraleute müssen ihre Position finden, dazu kommen die Bühnen- und die Übertragungstechnik. Das muss alles nach zwei Durchgängen perfekt zusammenpassen. Wird live gesungen und es klappt nicht, zeigen alle mit dem Finger auf den Künstler und den WDR – und keiner fragt nach Probenzeiten und sonstigen Problemen.

Singt Wencke Myhre denn live?

Bauschulte: Ja, sie singt live. Aber sie hat auch neue Playbacks, mit mehr Druck und mehr Partysound. Da bin ich froh, dass ich nicht schon vorher mit den Arrangements angefangen habe. Das wäre auch wieder für die Tonne gewesen.

Zurück zum Thema Aachen: Sie sind ausgewiesener Öcher-Platt-Spezialist. Platt spielt aber beim Orden keine Rolle, oder?

Bauschulte: Ja, da wird nicht ganz zu Unrecht versucht, das Platt zu vermeiden. Hinter dem Nirmer Tunnel interessiert Platt niemanden mehr, weil es einfach keiner versteht. Wir setzen das nur dosiert ein, zum Beispiel beim Prinzenlied.

Wie kommt man als Westfale zum Öcher Platt?

Bauschulte: Ich bin familiär vorbelastet, die Familie meiner Mutter stammt aus Geilenkirchen. Da hatte ich die ersten Beziehungen zum rheinischen Singsang. Den fand ich als Kind schon lustig. 1972 kam ich nach Aachen und dann wuchs die Beziehung zum Platt. Richtig los ging es 1989, als ich mit Öcher Musikproduktionen begonnen habe, mit der LP „Öcher senge Samba“. Eine hochinteressante Sache. 72 südamerikanische Melodien auf Öcher Platt umgetextet. Verstanden habe ich nicht alles, aber es war lustig. Und wir waren damit gefühlte 15 Jahre vor den Kölnern mit südamerikanischen Melodien im Karneval am Start. Das weiß heute auch kaum noch jemand.

Ist Ihnen das Plattlernen schwer gefallen?

Bauschulte: Eigentlich nicht. Dialekte zu lernen, sie auch zu singen, war für mich kein großes Problem. Südlimburg zum Beispiel hat alle 25 Kilometer einen eigenen Dialekt. Und ich habe viele südlimburgische Produktionen gemacht. Da kommt einiges an Dialekten zusammen.

Sie sprechen also mindestens 25 Sprachen?

Bauschulte: Ich kann sie nachsingen, mehr nicht. Aber das reicht. Ich sage auch immer, dass ich nicht Öcher Platt spreche, sondern akzentfrei singe. Aber im Ernst: Wir vom Verein Öcher Platt sind sehr bemüht, das Textverständnis der Menschen zu fördern. Dafür haben wir mehrfach eine Art „Hörbuch“ produziert, in dem der Text der CD auch in Öcher Platt oder für Nicht-Öcher in Hochdeutsch mitgelesen werden kann. Viele, die Öcher Platt sprechen, haben mit der Schriftform nichts am Hut. Diese Form der Vermittlung ist dann sehr hilf- und lehrreich und ist super angekommen.

Apropos Hilfe: Wenn die Show läuft, der Orden sozusagen auf dem Weg ist: Was machen Sie dann? Daumen drücken hinter der Bühne?

Bauschulte: Ich bin immer im Technik-Büro oben im Eurogress. Da gibt es Monitore und den Live-Sound aus dem Saal. Notfalls kann man bei einigen Sachen noch eingreifen, wenn etwas schief läuft.

Zum Beispiel?

Bauschulte: Michael Schanze sollte vor Jahren mal bei einer Nummer aus einer Kiste springen. Das klappte dann aber nicht bei der TV-Aufzeichnung. Schanze blieb in der Kiste, und man hat das Ganze dann noch einmal laufen lassen. Im Saal vor 1300 Gästen merkt man das natürlich, aber im Fernsehen vor einem Millionenpublikum nicht. Da war‘s perfekt.

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