Notunterkünfte: Jetzt sind schon sieben Turnhallen dicht

Von: Stephan Mohne
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Kein Sport, kein Unterricht: Sieben Turnhallen sind in Aachen mittlerweile als Landes-Notunterkünfte für Flüchtlinge genutzt oder vorgesehen, darunter auch die große Dreifachhalle der Gesamtschule Brand. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die E-Mail ging um 16.17 Uhr am Dienstag bei Helmut Schönell ein. Doch Zeit, um über den Inhalt schockiert zu sein, blieb ihm nicht. Dabei hatte der Vorsitzende der Brander Borussia gerade von der Stadt erfahren, dass auch noch die große Dreifachturnhalle der Gesamtschule an der Rombachstraße zur Landes-Notunterkunft für Flüchtlinge wird.

„Bis zum Abend mussten wir unsere Ausrüstung aus der Halle holen. Oder wahlweise am nächsten Morgen zwischen 8 und 8.15 Uhr“, erzählt Schönell. Mehrere Borussen rückten umgehend aus und holten die Sachen, die dann in Kellern von Privathäusern gelagert wurden. Alle Spiele wurden abgesagt, ebenso ein Bambini-Turnier am Wochenende. Die Handballer sind nicht die einzige Abteilung des Vereins, die betroffen ist.

Die Fußballer können den Trainingsplatz an der Rombachstraße nicht mehr nutzen, weil sie keinen Zugang zu Umkleiden mehr haben. Und die große Tischtennisabteilung (fünf Herren-, drei Jugendteams) – die 1. Mannschaft ist Verbandsligist, damit das klassenhöchste Team im Tischtennis-Kreis Aachen und derzeit auch noch Tabellenführer – hatte es schon vorher erwischt, als die kleine Halle der Schule „umfunktioniert“ wurde. Rund 300 Sportler seien insgesamt betroffen.

„Wo soll Integration geschehen?“

Mindestens ebenso viele sind es beim Brander Turnverein mit seinen insgesamt 1400 Mitgliedern, wie dessen Vorsitzender Matthias Breuer sagt. Vor allem den „Branderbaskets“, dem größten Basketball-Club im Kreis Aachen, fehlt jetzt die Halle. Breuer sagt, man versuche vereinsintern zusammenzurücken, Trainingszeiten anders zu koordinieren. Problematisch wird es bei Ligaspielen, denn es gibt für die Hallen Vorgaben des Verbands. Da müsse man Sondergenehmigungen beantragen. Derzeit arbeite man mit Hochdruck an Lösungen, so Breuer. Er stellt sich in diesem Zusammenhang aber auch die Frage: „Die Vereine sollen ja bei der Integration der Flüchtlinge zentral mitarbeiten. Da fragt man sich, wo das geschehen soll, wenn keine Hallen mehr da sind.“

Ein weiterer betroffener Verein ist Rasensport Brand, insbesondere die Abteilungen Leichtathletik, Fußball und Volleyball. Letztere könne wegen der Anforderungen ans Spielfeld auch nicht einfach in eine x-beliebige Halle ausweichen, wie Abteilungsleiter Ruben Keuchen erklärt. Am Donnerstag wurde die Lage im Vorstand besprochen.

Doch auch in der Verwaltung wird rotiert. Drei Tage lang hätten die Mitarbeiter Stunde um Stunde an Lösungen gearbeitet, sagt Sportamtsleiterin Petra Prömpler. Am Donnerstag bekamen der Brander TV und Raspo ein Schreiben, in dem Alternativen aufgezeigt werden. Bei Raspo habe man für elf von zwölf betroffenen Trainings- und Spielzeiten Ausweichmöglichkeiten gefunden, sieben davon zu ähnlichen Uhrzeiten. Beim Brander TV seien es 15 von 24, für die man Alternativangebote gemacht habe, davon 13 zu identischen Zeiten. Fußball habe man als nicht hallentypische Sportart erst einmal außen vor gelassen. Möglicherweise könnte es für Fußballer sogar Widerrufe ihrer Hallenzeiten geben, um Platz für die hallenabhängigen Sportarten zu schaffen.

Insgesamt sind nun sieben Turnhallen für die Flüchtlingsunterbringung genutzt oder vorgesehen: Vetschauer Straße in Laurensberg, Barbarastraße in Rothe Erde, Königstraße, Reumontstraße, Rombachstraße (große und kleine Halle) in Brand und Michaelsbergstraße in Burtscheid. Das hat eine Solidaritätswelle unter den Aachener Vereinen ausgelöst, schließlich könnte jeder morgen selber betroffen sein. Beispiel Tischtennis: Nachdem die Brander Borussia auf der Straße stand, boten mit DJK Forster Linde, Eintracht Aachen und DJK Nütheim-Schleckheim gleich mehrere Clubs Trainingsmöglichkeiten an.

Die Vereine sind die eine, die Schule mit ihren 1300 Schülern ist die andere Seite: Denn sie ist Hauptnutzerin der Turnhallen, wobei die große Halle vor einigen Jahren nach einer Brandstiftung bereits lange geschlossen bleiben musste. Laut Petra Prömpler nutze die Schule die Hallen 180 Stunden pro Woche plus Schwimmzeiten.

Der Gesamtschule habe man nun 120,75 Zeitstunden in Turnhallen angeboten. Dazu 33,75 Schwimmstunden. 67 Prozent der Hallenzeiten könnten ersetzt werden, mit den Zusatzschwimmzeiten sogar knapp 86 Prozent. „Der Optimismus wächst stündlich, das hinzubekommen“, sagt Schulleiter Dr. Andreas Lux. „Einige hier beschäftigen sich im Moment mit kaum etwas anderem, als alles zu koordinieren.“ Insbesondere für die Oberstufe und da speziell für den Sportleistungskurs sei man zuversichtlich, den Unterricht annähernd zu ersetzen, so Lux. Insgesamt sei das eine große Herausforderung, „aber andere Menschen stehen vor weitaus größeren Herausforderungen“.

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