Notruf wird überrannt und schlägt Alarm

Von: Stephan Mohne
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Blickt in eine unsicher Zukunft: Agnes Zilligen vom „Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen”. Die Beratungsstelle weiß nicht, wie sie die nächsten Monate überstehen soll. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Agnes Zilligen kann langsam nicht mehr. Zermürbend ist es und frustrierend. Nicht ihre Arbeit meint die Diplom-Pädagogin. In die kniet sie sich wie ihre Kolleginnen auch nach all den Jahren noch gerne und - für ihre Qualifikation unterbezahlt - mit viel Idealismus hinein. Zum Wohle jener Frauen und Mädchen, die zu ihr kommen, weil ihr Leben an einem Abgrund angelangt ist.

Weil sie vergewaltigt worden sind, genötigt, sexuell missbraucht. Weil sie Hilfe brauchen. Weil sie nicht mehr ein noch aus wissen. Nein, es ist das schnöde Geld, das Agnes Zilligen verzweifeln lässt: „Es gibt keine Sicherheit. Jeden Tag sitzt uns die Gefahr im Nacken, dass es nicht reicht, dass es Kündigungen geben könnte, dass wir die wichtige Hilfe nicht mehr leisten können.”

Seit Jahren am Rand der Existenz

Und nein, es ist wahrlich nicht das erste Mal, dass der „Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen” SOS funkt. Ständig bewegt sich die städteregional tätige Beratungsstelle an der Aachener Kurbrunnenstraße am Rande ihrer Existenz. So ist es auch im Jahre 2010.

Dabei geht es vergleichsweise um Kleckerbeträge: 15.000 Euro müssen sofort her, sonst sieht es für den Rest des Jahres zappenduster aus. Der Notruf finanziert sich zum Teil aus Zuschüssen der öffentlichen Hand und zum anderen Teil aus Eigenmitteln, die aufgebracht werden müssen. 85.000 Euro bekommt man von der Städteregion, 40.000 vom Land. 45.000 Euro muss der Verein für dieses Jahr selbst auftreiben - über Spenden oder andere Einnahmequellen. Bisher hat man das nur bis zur 30.000-Euro-Marke geschafft. Ein Grund ist laut Zilligen, dass Zuwendungen aus Bußgeldern und Geldstrafen, die von Gerichten in Verfahren verhängt werden, drastisch weggebrochen seien.

Solche Gelder werden üblicherweise im Gießkannenverfahren an gemeinnützige Institutionen verteilt. Da es mittlerweile immer mehr notleidende Hilfsorganisationen gibt, die von diesem Kuchen ein Stück haben wollen, gibt es eben für alle weniger.

Um Geld zusammenzubekommen, haben Zilligen und eine Kollegin auch persönlich gesammelt. Beide feierten ihren 50. Geburtstag und baten um Spenden statt um Geschenke. „Aber ich werde ja nicht jedes Jahr 50”, sagt die seit 1997 beim Notruf tätige Expertin.

Derzeit laufen beim Frauennotruf auch die Etatplanungen für 2011. Auch da: Unsicherheit. Wie viele Spenden wird man hereinholen können? Fließen die Landesmittel überhaupt noch? Und dabei geht es nur um den „Status quo” der Beratungsstelle, die derzeit 2,5 Mitarbeiterinnen beschäftigt. Hinzu kommen 15 Ehrenamtlerinnen, die helfen.

1700 Beratungen geleistet

Doch das Personal reicht hinten und vorne nicht: „Wir brauchen mehr”, erklärt Agnes Zilligen klipp und klar. Das hat einen handfesten Grund: Die Beratungsstelle ist dieses Jahr regelrecht von Opfern überrannt worden, wenn man die Zahlen mit jenen anderer Jahre vergleicht.

331 Opfer sexueller Übergriffe waren es bis Freitag, die um Hilfe baten. Das führte zu fast 1700 Beratungsgesprächen. 39 Mal begleiteten die Mitarbeiterinnen Opfer zur Polizei - oder auch zum Gericht, wo diese Begleitung immens wichtig ist. Dort treffen die misshandelten Frauen und Mädchen oft erstmals wieder auf ihren Peiniger. Doch solche Begleitungen dauern oft einen ganzen Tag.

Und dann hat es dieses Jahr noch ein Phänomen gegeben. Denn in ihrer Verzweiflung - bis hin zu Selbstmordgedanken - haben sich auch viele Männer an den Notruf gewandt. Auch sie sind im Laufe ihres Lebens Opfer sexueller Gewalt geworden und wollen nun reden, wissen nicht mehr wohin mit ihrer seelischen Last. Denn ein Angebot für Männer wie jenes des Notrufs für Frauen gibt es weit und breit nicht.

Agnes Zilligen und ihre Kolleginnen wollten diese Männer nicht wieder nach Hause schicken. Eine Beratung wie für die Frauen und Mädchen konnte man bei den Männern nicht leisten. Trotzdem hörte man zu, bemühte sich, den Opfern weitere Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

„Auch für Männer müsste es eigentlich ein adäquates Hilfsangebot geben”, fordert Zilligen. Insbesondere nach der Aufdeckung der Missbrauchsskandale Anfang des Jahres kamen Männer, die ihre Last bis dato für sich behielten. „Jetzt begegneten sie ihrem Schicksal jeden Tag beim Aufschlagen der Zeitung”, so Zilligen.

Jede siebte Frau ein Opfer

Unter dem Strich bleibt für den Notruf eine riesige Aufgabe. Schließlich wird laut einer Studie jede siebte Frau mindestens einmal in ihrem Leben im strafrechtlichen Sinne Opfer einer sexuellen Gewalttat. Und wenn mehr Frauen Hilfe brauchen, braucht man auch mehr Hilfsangebote.

2011 feiert die Beratungsstelle übrigens ihr 30-jähriges Bestehen. Zunächst einmal weiß man beim Frauennotruf aber nicht einmal, wie man die kommenden Monate überstehen soll.
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