Nico Riedemann: In den Bundestag in Jeans und T-Shirt

Von: Laura Laermann
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Selbstbewusster Wahlkampf: Der junge Politiker Nico Riedemann will mit seiner offenen Art für die Menschen greifbar bleiben. Daher wird er in den nächsten Wochen an Infoständen und bei Podiumsdiskussionen Präsenz zeigen. Foto: Laura Laermann

Aachen. Eigentlich hatte Nico Riedemann nie Lust auf Parteien. Die ÖDP (Ökologisch-Demokratische Partei) überzeugte den 27-jährigen Studenten aber mit ihrer Politik für Mensch und Umwelt. Anfang 2016 trat er der mittig positionierten Partei bei, die erst vor fünf Jahren in Aachen Fuß fasste.

Und dann ging alles sehr schnell: Erstmals nimmt die ÖDP in diesem Jahr in Aachen an den Landtags- und Bundestagswahlen teil – ihr Kandidat: Nico Riedemann.

Wie es zu seiner Kandidatur kam, kann er selbst kaum erklären: „Es war nie mein Ziel, Politiker zu werden“, sagt Riedemann. „Das ist von alleine passiert.“ Denn eigentlich studiert der 27-jährige Gesellschaftswissenschaften an der RWTH. Politik ist zwar ein wichtiger Teil seines Studiums, aber in der „Futureblog AG“ an der RWTH Aachen hat er sich erstmals intensiv mit Themen wie Nachhaltigkeit oder alternative Wirtschaftsmodelle beschäftigt und kam dabei mit der ÖDP in Kontakt.

Sein Grundsatz: Kein Gesetz darf dem Menschen schaden. Er weiß, dass dieser Ansatz idealistisch ist, aber das mache die ÖPD eben aus. Damit spielt er auf die Abneigung der ÖDP gegenüber Wirtschaftsinteressen an. Politik müsse die Interessen von Menschen vertreten und nicht die der Unternehmen. Kürzer drückt die ÖDP es in ihrem Wahlslogan aus: „Mensch vor Profit“. Bewusst nimmt die Partei keine Spenden von Unternehmen an, fordert in ihrem Wahlprogramm eine Politik „mit einem Verbot von Lobby-Einflüssen jeglicher Art“. Vor allem „Doppelbesetzungen von Personen in Politik und Vorständen großer Unternehmen“ sind Riedemann ein Dorn im Auge.

Auch hinter der Braunkohleindustrie stecke ein rein wirtschaftliches Interesse, sagt Riedemann. „Es wird mehr Energie produziert als wir brauchen.“ Daher fordert er den Ausstieg aus der „schmutzigsten Energie Deutschlands“. Genauso steht das Abschalten der Atomkraftwerke Tihange und Doel selbstverständlich auf seiner Agenda. Das Verhalten der Bundesregierung, einen Atomausstieg zu fordern und gleichzeitig den Export von Kernbrennstoffen zu genehmigen, hält Riedemann für unehrlich und paradox.

Statt die Wirtschaft zu stärken, will er schon so früh wie möglich die individuellen Interessen junger Menschen fördern. Ein Schulsystem, in dem es nicht um Leistung geht und in dem weniger Konkurrenzdenken herrscht, stellt er sich für die Zukunft vor. Stattdessen möchte er alternative Modelle fördern: „Kreativität ist der Rohstoff des 21. Jahrhunderts“, sagt er. „Der sollte in der Schule mehr Bedeutung bekommen.“

Riedemann selbst kann vor allem in politischen Diskussionen kreativ werden. Viele Stunden habe er schon mit Freunden im Café Kittel, der Ort unseres Gesprächs, verbracht, um sich über Ideen auszutauschen. Doch manchmal wird es für ihn auch Zeit abzuschalten. Statt über Politik nachzudenken, macht er dann Musik, schreibt oder malt. „Das ist für mich Glückseligkeit“, sagt der gebürtige Hamburger.

In den nächsten Wochen wird dafür keine Zeit mehr sein. Denn der Wahlkampf bestimmt seinen Tagesablauf: Plakate aufhängen, an Infoständen werben und an Podiumsdiskussionen teilnehmen – Riedemann will Aufmerksamkeit für die ÖDP schaffen. „Ich möchte für die Wähler ein greifbarer Mensch sein, der präsent ist und sein Gesicht zeigt.“

So macht er es auch auf seinen Wahlplakaten: Als Direktkandidat für Aachen zeigt er sich in einer dynamischen Pose, lacht und trägt sogar ein Hemd und ein Sacko aus dem Secondhand-Shop, ganz nach der Devise „Mit wenig kann man viel machen“. Den Business-Look findet man sonst eher nicht in seinem Kleiderschrank. Doch auch wenn er sich eigentlich selbst treu bleiben möchte, weiß Riedemann, dass Auftreten und Aussehen wichtige Faktoren im Wahlkampf sind: „Man sollte auch nicht zu lässig wirken.“

In seinem politischen Alltag will er sich aber nicht für andere verändern: Wenn er tatsächlich ihn den Bundestag einzieht, dann in Jeans und T-Shirt, sagt der 27-Jährige. Bei seinem derzeitigen Praktikum im Europaparlament ist er auch schon mal barfuß unterwegs.

Seine alternative Haltung findet sich auch in seiner Politik wieder: Riedemann fordert ein Grundeinkommen. Ein fester Betrag für jeden Bürger, der ausreicht, um überleben zu können und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das soll vor allem Menschen stärken, die kein eigenes Einkommen haben, also Kinder, Rentner oder Erwerbsunfähige. Finanziert werden soll dieses System durch eine ökologische Steuerreform, bei der zum Beispiel Flüge oder Warenverkehr besteuert werden.

Zudem kann sich der junge Politik einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr vorstellen. Kontrollen, Schalter und Verwaltung würden nicht mehr benötigt und die fehlenden Ticketeinnahmen finanziell ausgleichen. Auf europäischer Ebene fordert Riedemann die Stärkung der ökologischen Landwirtschat. Freihandelsabkommen wie CETA oder TTIP lehnt er ab.

Wie viel Riedemann letztlich von seinen politischen Ideen in die deutsche Politik einbringen kann, wird sich zeigen. Er selbst bleibt realistisch: „Die Fünf-Prozent-Hürde werden wir nicht knacken“, sagt er. „Unser Ziel ist aber zumindest 0,5 Prozent zu erreichen.“ Dann würde die ÖDP von der Parteienfinanzierung profitieren. „Mit dem Geld können wir bei der Europawahl 2019 mehr Kraft und Energie investieren, um mehr Erfolge einzufahren.“

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