Nichts geht mehr? Kasino spielt Flüchtlingsheim

Von: Robert Esser
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Erst Kurhaus, dann Spielkasino, jetzt Flüchtlingsunterkunft: Der neoklassizistische Bau – eingeweiht 1916 – soll nach der Generalsanierung 2020 wieder aufblühen. Foto: Andreas Herrmann
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Der ausgebombte Konzertsaal des Kurhauses nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Aachenerin Christa Heinrichs hat unserer Zeitung dieses Foto zur Verfügung gestellt, das aus dem Nachlass ihres Vaters Josef Goebels stammt.
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Glamour zwei Jahre nach der Kasino-Eröffnung: 1978 drehen Curd Jürgens (2.v.r.), Ehefrau Margie Jürgens (rechts), Margot Werner und der damalige Vorsitzende des Arbeitsausschusses Glücksspirale, Lothar Lammers, einen TV-Spot im Aachener Spielcasino. Foto: Westdeutsche Spielbanken GmbH
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Bald soll hier alles voller Betten für Flüchtlinge stehen: Hausmeister Alois Kröll im früheren Spielsaal des Kasinos – er hat die Entwicklung des Hauses mit allen Höhen und Tiefen über 30 Jahre erlebt. Foto: Michael Jaspers

Aachen. So mancher Croupier würde sich wohl die Kugel geben. Natürlich bildlich. „Unfassbar, diese Entwicklung. Man reibt sich die Augen“, sagt Alois Kröll und schüttelt den Kopf. Über 30 Jahre hat der Hausmeister Höhen und Tiefen des Spielcasinos erlebt. Exakt 100 Jahre nach der Einweihung des neoklassizistischen Kurhauses im Aachener Kurpark an der Monheimsallee steht ein Wahrzeichen der Stadt am Scheideweg.

Der glamouröse Glückstempel – in Aachen war das Spielcasino jahrzehntelang Synonym für das Neue Kurhaus – verwandelt sich gerade in ein ziemlich eigenartiges Flüchtlingsheim. Direkt neben dem Publikumsmagneten Euro-gress, nur einen Steinwurf von Aachens nobelstem Hotel Pullman Quellenhof entfernt.

Mehr Wandel scheint kaum möglich: 220 Feldbetten statt 20 Roulettetische, Erbseneintopf statt Kaviar, nur Selters, kein Sekt. Aber alles in riesigen, hohen Hallen – vor prunkvollen Säulen, zwischen denen schon Weltstars wie Curd Jürgens im Blitzlichtgewitter der Weltpresse haufenweise Jetons aufs Filz schmissen. In den Achtzigern war das. Damals strömten Hunderttausende pro Jahr in das Kasino, bescherten Westspiel, Stadt und Land zweistellige Millioneneinnahmen. Von der Blütezeit künden jetzt nur noch die meterlangen Ketten, die trostlos zu Tausenden von den Decken des reichlich heruntergewirtschafteten Gebäudes baumeln.

In den 70er und 80er Jahren kamen bis zu 1000 Spieler pro Tag. Nach der Jahrtausendwende – spätestens mit dem Online-Glücksspielboom und dem Rauchverbot der rot-grünen Landesregierung – verlor Nordrhein-Westfalens älteste Spielbank 70 Prozent ihres Publikums, allein zwischen 2007 und 2013 gut 33 Prozent. Mitte 2015, 39 Jahre nach der Eröffnung, zog das Kasino (das kaum noch 100.000 Besucher pro Jahr zählt) aus und richtete sich auf ein paar hundert Quadratmetern im Tivoli ein. Neue Heimat beim viertklassigen Fußballverein. Zumindest vorübergehend sollte das für beide passen. Denn da gab es längst schon mehr als Gerüchte, dass Betreiber Westspiel die Aachener Defizit-Dependance komplett schließen könnte. Und stattdessen in Köln eine neue Spielbank baut – auch dank 110 Millionen Euro, die das Auktionshaus Christie‘s bei der Versteigerung von zwei Warhol-Bildern aus Aachen (!) erzielte.

Neue Bescheidenheit

Offiziell heißt es nun, dass ein Teil des Geldes auch in Aachen investiert wird – wenn das Kasino auf bescheidener Fläche ins Neue Kurhaus zurückkehrt. Neben dem Glücksspiel will der Eventveranstalter „Explorado“ multimediale Kunstausstellungen „alter Meister“ zeigen. Der niederländische Gastronomiebetrieb „Maison van den Boer“ soll zahlungskräftige Klientel locken. Um dieses Konzept hat Oberbürgermeister Marcel Philipp jahrelang gekämpft. Und so wurde das nun verabredet.

Jahre nachdem der legendäre Glaskamin inmitten des früheren Sterne-Restaurants „Gala“ im Kasino erloschen ist. „Das waren noch Zeiten“, schwärmt Hausmeister Kröll. Ganz zu schweigen vom „Club Zero“, der früher als Diskothek ein „Must“ und später „No go Area“ war. Weniger Anzüge und Krawatten, mehr Jeans und Kapuzen-shirts. Weder Masse noch Klasse. Was auf dem Weg vom Roulette zum Poker modisch marodiert, kennzeichnet auch die Umgebung des Glücksspielbetriebs.

Die aktuelle Zeitschiene von Politik und Aachener Stadtverwaltung sieht so aus: Im laufenden Jahr 2016 sollen die Planungen beginnen, wobei die (externe) Projektsteuerung erst europaweit ausgeschrieben werden muss. Bis Ende 2017 sollen die Aufträge stehen und sämtliche Genehmigungen eingeholt werden. Dann dürfte feststehen, ob man mit den bislang kalkulierten 20 Millionen Euro für Generalsanierung und Umbau des Kurhauses hinkommt – und ob dies alles zu Lasten des Steuerzahlers geht. Das Haus gehört der Stadt. 2018 beginnt die Bauausführung – voraussichtlich für mindestens 21 Monate. Frühestens im Jahr 2020 könnte die Immobilie dann den neuen Nutzern – Kasino, Ausstellungsbetrieb und Gastronomie – übergeben werden. Wenn alles glatt läuft.

In Sachen Zeitverzug hat das Kurhaus Erfahrung. Als die Architekten Karl Stöhr und Theodor Fischer 1914 im Auftrag der Aktiengesellschaft für Kur- und Badebetrieb der Stadt Aachen mit dem Bau (inklusive Konzert und Rauchersaal) begannen, sollte die neue Kuranlage am 1. Mai 1915 fertiggestellt sein. Weil der 1. Weltkrieg ausbrach, verspätete man sich um ein Jahr. So etwas dürfte heutzutage noch als Punktlandung durchgehen. Kröll hofft nur, dass „sein“ Kurhaus die Zwischenbelegung gut übersteht. „Wenn hier 220 Menschen 24 Stunden am Tag leben, hat das Auswirkungen auf das Haus – ganz egal, woher die Leute kommen“, stellt er fest. Rechnerisch entspricht das 80.000 Gästen pro Jahr.

Das ist zufällig genau die Besucherzahl, die „Explorado“ danach fürs neue Museum anpeilt. Da könnte auch Warhol wie zu besten Zeiten des Kasinos wieder an der Wand landen. Tatsächlich bildlich. Billig. So mancher Croupier würde sich kugeln vor Lachen.

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