„neyo“: Im Haifischbecken der Modebranche

Von: Carolin Cremer-Kruff
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Hoffen darauf, die Erfolgsgeschichte des Start-up-Unternehmens weiter schreiben zu können (v.l.): Ineke Frohnhofen, AndréSchillings und Tosca Sepoetro. Foto: Michael Jaspers
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Das Foto ist in der Strickerei etwa zwei Jahre vor dem Erdbeben entstanden und zeigt einen Großteil des Teams der Stricker von neyo. Foto: Ineke Frohnhofen

Aachen. Nieten, Strass, Mickey Mouse-Gesichter und das übliche Bling-Bling sind nichts für Ineke Frohnhofen. Die Textildesignerin und Gründerin des Aachener Modelabels „neyo“ mag es puristisch, elegant und zeitlos. Die 31-Jährige entwirft „Lieblingsstücke“, die nicht schon nach drei Wochen in der hintersten Ecke des Kleiderschranks verschwinden.

Nicht nur ihre Kunden schätzen diese ungewöhnliche Stilkomposition aus weichen Stoffen, klaren Schnitten und ruhigen Farben, sondern auch zwei Männer an ihrer Seite: Mitgründer André Schillings und ihr drei Monate alter Sohn Iasson, der auf ihrem Schoß sitzend über beide Backen strahlt, wenn seine Mama von selbst entworfenen Kaschmirschals, Pullovern aus Merino-Wolle und Ledertaschen erzählt.

Es begann mit einem Praktikum

Alles begann mit einem Praktikum in Nepal, das Frohnhofen 2008 zum Ende ihres Studiums absolvierte. Dieses öffnete ihr die Augen zu einer neuen Welt und ebnete den Weg für eine ebenso ungewöhnliche wie mutige Geschäftsidee. Sie knüpfte vor Ort Kontakte, informierte sich über Materialien und schnupperte in verschiedene Handwerksbetriebe hinein.

Mit vielen Plänen im Gepäck kam sie zurück nach Deutschland. Fest entschlossen, ihren großen Traum in die Tat umzusetzen: Hochwertige und selbst entworfene Mode in Nepal unter fairen Bedingungen für den europäischen Markt produzieren zu lassen. 2012 war es soweit. Gemeinsam mit André Schillings gründete sie „neyo“, die erste Kollektion wurde entwickelt. Frohnhofen ist seitdem der kreative Kopf und übernimmt die Organisation in Nepal. Schillings kümmert sich um alles andere: Business Development, Internetseite, PR und was halt noch dazugehört.

Die Begeisterung weicht auch dann nicht aus seinem Gesicht als die Schattenseiten der Textilindustrie zur Sprache kommen. Lohndumping, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in sogenannten Billiglohnländern, Preiskampf. Kann man in einem solchen Umfeld und der um sich greifenden Geiz-ist-geil-Mentalität mit solch einer Geschäftsidee überhaupt wettbewerbsfähig sein? „Keine Frage, die Modebranche ist ein Haifischbecken. Und reich werden wir mit unserem Unternehmen auch nicht“, verrät Schillings. Es liegt auf der Hand: Vernünftige Arbeitsbedingungen für Strickmeister und Co., Handarbeit und hochwertige Materialien schlagen auch beim Verkaufspreis der Kleidungsstücke zu Buche.

„Aber ganz ehrlich: Wer sich bei einer Kaufhauskette einen Kaschmirpullover für 80 Euro kauft, der müsste eigentlich wissen, dass dieser entweder unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt wurde oder es sich nicht um reines Kaschmir handeln kann“, meint der 32-jährige Geschäftsführer. Auf der Homepage des Modelabels hingegen wird jeder einzelne Mitarbeiter vorgestellt. „Unsere Mitarbeiter sind keine anonymen Menschen in einer großen Fabrik, sondern Freunde von uns“, sagt Frohnhofen stolz.

Die glücklichen Anfänge wurden jedoch jäh durchbrochen als sich im Frühjahr dieses Jahres schwere Erdbeben in Nepal ereigneten. Diese haben auch das junge Modelabel getroffen, deren Existenz seitdem auf dem Spiel steht. Zwar wurde kein Mitarbeiter verletzt, dafür lag die Infrastruktur zeitweise brach.

Durch Spendenaktionen in Deutschland konnte diese zumindest ansatzweise wieder hergestellt werden. Für Mitarbeiter und deren Familien, die kein Dach mehr über dem Kopf hatten, wurden Notunterkünfte gebaut. Ein Teil der Produktionsstätten stürzte ein, die Lagerhalle musste neu aufgebaut werden.

Kreative Ideen

Dass der Betrieb dennoch auf Sparflamme weiterging, ist den nepalesischen Mitarbeitern zu verdanken, die mit kreativen Ideen weitermachten. Manche strickten die Kleidungsstücke einfach zu Hause, ein Mitarbeiter errichtete in seinem Garten sogar eine provisorische Lagerstätte. „Dennoch ist der Umsatz einer ganzen Saison ausgeblieben“, bedauert Frohnhofen.

Für ein Start-up eine Katastrophe, da die laufenden Kosten weitergehen. Zurzeit läuft eine Crowdfunding-Kampagne, durch die sich das Gründerduo erhofft, genug Geld zusammenzubekommen, um weitermachen zu können. Denn aufgeben kommt die beiden Unternehmensgründer selbstverständlich nicht infrage.

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