Aachen - Neues zum Mord an Oppenhoff

Neues zum Mord an Oppenhoff

Von: Hans-Peter Leisten
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Hat in den Archiven Belege für seine juristischen Thesen gefunden: der Aachener Rechtsanwalt Hans-Werner Fröhlich. Foto: Andreas Steindl
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Gehorchte auch im Terrorstaat seinem Gewissen: Franz Oppenhoff. Foto: Metzner-Oppenhoff
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Gemeinsam für die Kirche und gegen die Nazis: Franz Oppenhoff (links) kooperierte eng mit Bischof Johannes Joseph van der Velden (sitzend 2. von rechts). Foto: Diözesanarchiv Aachen

Aachen. Die historische Figur Franz Oppenhoff hat Hans-Werner Fröhlich schon immer interessiert, der Mensch Oppenhoff hat ihn fasziniert. Dieser Mann, der am 25. März 1945 in Aachen als eingesetzter Oberbürgermeister ermordet wurde und wie kaum ein anderer für den verzweifelten Neuanfang in einer geistigen und realen Trümmerlandschaft stand.

 Und der – so betont Hans-Werner Fröhlich – in „einer schwierigen Zeit unter schwersten Rahmenbedingungen seinem Gewissen gefolgt ist“. Fröhlich selbst war viele Jahre Justiziar beim Bistum Aachen, ist Rechtsanwalt und Rechtshistoriker. Und letztlich war es diese Kombination, die in ihm immer wieder eine Frage aufkommen ließ: Wie konnte es sein, dass die Mörder Oppenhoffs mit einer derart milden Strafe davon kommen konnten? So hat sich der Aachener Jurist aufgemacht und Aktenbestände durchforstet, beim Bundesgerichtshof, im nordrhein-westfälischen Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf und im Bundesarchiv in Berlin. Und er hat die Antworten gefunden, die er gesucht hat. Der Fall Oppenhoff – längst ein wichtiges Kapitel in der Aachener Stadtgeschichte – wird so durchaus zu einem Präzedenzfall der deutschen Kriegs- beziehungsweise Nachkriegsgeschichte. Denn die Urteile gegen die Oppenhoff-Mörder sind in ihrer Entstehung und Begründung durchaus typisch. Die Recherchen und ihre Ergebnisse will Fröhlich in einer juristischen Fachzeitschrift veröffentlichen und so zu einer größeren Transparenz beitragen – gleichzeitig Franz Oppenhoff auch 68 Jahre nach seiner Ermordung zu noch mehr Respekt verhelfen.

Oppenhoff hatte sich 1933 als Anwalt in Aachen niedergelassen, musste aber direkt mit den Bedingungen des nationalsozialistischen Unrechtssystems kämpfen. „Der Anwalt als freies Organ der Rechtspflege wird zu einem ‚Deutschen Rechtswahrer‘, hat seine Stellung als einseitiger Interessenvertreter des Angeklagten verloren“, definiert der Aachener Jurist Fröhlich die „neue“ Rolle der Rechtsanwälte. Oft seien so die Plädoyers der Anwälte einer zweiten Anklage gleichgekommen. Oppenhoff habe stets den Beitritt zur NSDAP verweigert, in seiner Personalakte wurde seine „nationalsozialistische Zuverlässigkeit infrage gestellt“. Oppenhoff habe aufgrund seiner kirchlichen Einstellung die Vertretung zahlreicher Geistlicher und Laien in der Diözese Aachen übernommen. Ein Beispiel nennt Fröhlich in seinem Beitrag: „Leider ist bis heute seine Vertretung der Druckerei Metz, die 1937 für die Diözese Aachen die Enzyklika ‚In brennender Sorge‘ gedruckt hatte und deren Betrieb am 21. März 1937 deshalb von der Gestapo geschlossen wurde, zu wenig bekannt.“ Die Enzyklika nahm kritisch Stellung zur NS-Politik und -Ideologie. 1939 verwahrte sich Oppenhoff „in Abstimmung mit dem Generalvikariat“ gegenüber dem Landgerichtspräsidenten Aachen gegen die Beschneidung seiner Rechte als Verteidiger durch die Geheime Staatspolizei.

Oppenhoffs kritische Haltung und eine Empfehlung von Bischof van der Velden ließen den Amerikanern Oppenhoff als den geeigneten Mann für die Leitung der deutschen Zivilverwaltung in Aachen erscheinen. Am 31. Oktober 1944, die Kämpfe waren hier beendet, wurde Oppenhoff auf die Bibel vereidigt. Wie hinreichend in der Geschichtsschreibung dargestellt, wurde er nur wenige Monate später von einem sogenannten Wehrwolfkommando heimtückisch in seiner Wohnung an der Eupener Straße ermordet.

Fröhlich hat eine Untersuchung des früheren Amtsgerichtsdirektors Dr. Martin Birmanns von 1982 aufgegriffen, der die milden Urteile gegen die Attentäter, soweit man derer habhaft wurde, bereits 1982 als „wenig verständlich“ bezeichnet. Das Schwurgericht, so hat Fröhlich recherchiert, sah SS-Reichsführer Heinrich Himmler als eigentlichen Täter, die Angeklagten als Gehilfen. Das Gericht habe das Attentat nicht als Mord, sondern als Totschlag gewertet. Vier Angeklagte wurden wegen Beihilfe zum Totschlag in Tateinheit mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt, zwei wurden freigesprochen. 1952 hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf und verwies das Verfahren an das Landgericht Aachen zurück.

Landgericht verkürzte Strafen

Das Landgericht verkürzte die Strafen, später wurde sogar die Strafvollstreckung aufgrund des Straffreiheitsgesetzes 1954 erlassen. Spätestens diese Fakten kollidierten mit Fröhlichs Rechtsempfinden. Wieso konnten diese milden Urteile zustande kommen? Hans-Werner Fröhlich stieß bei seinen Recherchen auf die Antwort: „Der Vorsitzende Richter der Kammer in Aachen war Parteimitglied seit 1937 und Angehöriger eines von den Nationalsozialisten eingerichteten Sondergerichtes.“ Auch ein Beisitzer der Kammer sei Mitglied der NSDAP gewesen – entsprechende Belege aus der NS-Mitgliederkartei liegen Fröhlich vor. In der Begründung des Urteils wurde zur Entlastung der Angeklagten ausgeführt, dass diese in ihrer jahrelangen Zugehörigkeit zur SS dazu gedrillt worden seien, Befehle kritiklos auszuführen – selbst wenn sie Bedenken hegten.

„Die juristische Aufarbeitung des Verbrechens an Franz Oppenhoff hinterlässt bis heute Fragezeichen“, so schreibt Hans-Werner Fröhlich. Die unbefriedigende Aufarbeitung sei auch damit zu erklären, dass bald nach 1945 erheblich belastete Juristen wieder Aufnahme in die Rechtsprechung und Verwaltung gefunden hätten. Bei den Verfahren vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe und vor dem Landgericht Aachen seien Richter mit NS-Vergangenheit beteiligt gewesen. Auch sie hätten sich in einer speziellen Rolle gesehen und dadurch im Nachhinein gerechtfertigt: Befehle und Vorgaben von oben ausgeführt zu haben. Ihnen stellt Fröhlich Franz Oppenhoff gegenüber, der trotz aller persönlichen Gefährdung seinem Gewissen gefolgt sei. Fröhlich selbst will mit seinem Beitrag der „unbefriedigenden Aufarbeitung“ des Unrechts gegenüber Oppenhoff ein wichtiges Stück entgegensetzen.

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