Neues Müllsystem: „Wir wissen, dass es eine Revolution ist“

Von: Stephan Mohne
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Spricht von einer „Revolution“ in Sachen Müllabfuhr: Dieter Lennartz vom Stadtbetrieb. Foto: Jaspers

Aachen. Im Stadtbetrieb hat am Mittwoch mit Dienstbeginn um 7.30 Uhr eine neue Zeitrechnung begonnen. Nach der Grundsatzentscheidung für eine radikale Umstellung der Müllabfuhr – neue Tonnen, neue Abfuhrrhythmen, neue Gebühren, Mindestvolumen pro Person, zweiwöchentliche Biotonnenleerung, neue Sperrmüllgebühr – wird im Haus am Madrider Ring rotiert.

Schließlich soll das Ganze schon am 1. Januar starten. Und es wird viele Fragen geben, die zu beantworten sind. Einige wichtige Stichpunkte:

Was kostet die neue Müllabfuhr?

Dazu gibt es eine Gebührenberechnung (siehe Grafik), die allerdings noch vorläufig ist und sich in den nächsten Monaten noch etwas ändern kann, wie Peter Maier, Thomas Thalau (beide Geschäftsführer des Stadtbetriebs) und Abteilungsleiter Dieter Lennartz erklären. Die drei betonen, dass die Gebühren ohne neues System nächstes Jahr für alle deutlich klettern würden.

Zwischen Einnahmen und Kosten klafft eine Millionenlücke, die bisher aus einem Ausgleichstopf beglichen werden konnte, der nun leer ist. Die nun beschlossene Umstellung führt dazu, dass kleine Tonnen teils deutlich teurer werden, große Tonnen und Container andererseits deutlich preiswerter. Mittlere bleiben ungefähr gleich. Die Gebühr pro Gefäß basiert auf einer Grundgebühr (55 Euro bei Tonnen, 221 Euro bei Containern). Dazu kommt eine „Leistungsgebühr“, die sich nach dem Abfuhrrhythmus richtet. Neu ist, dass die Biotonne, die demnächst alle zwei Wochen statt wöchentlich geleert wird, extra berechnet wird. Sie kosten je nach Größe (60, 90, 120, 240 Liter) zwischen 47 und 188 Euro pro Jahr.

Zwei Extreme im Beispiel: Die bisherige 60-Liter-Tonne mit vierwöchentlicher Leerung kostet derzeit 69 Euro inklusive Biomüll. Ohne Änderung des Systems würde sie 2017 auf 79 Euro verteuert. Mit neuem System kostet sie nach derzeitigem Stand 108 Euro (55 Euro Grund- und 53 Euro Leistungsgebühr).

Dazu muss man eine Biotonne wählen, soweit man nicht selber kompostiert. Im günstigsten Fall kommen also 47 Euro dazu, was insgesamt eine Jahresgebühr von 155 Euro macht – ungefähr das Doppelte von dem, was ansonsten 2017 fällig wäre. Anders bei den großen 1100-Liter-Containern: Derzeit zahlt man bei wöchentlicher Leerung 5107,20 Euro und würde 2017 auf 5796 Euro klettern. Mit dem neuen System werden hingegen nur 4105 Euro fällig. Nimmt man nun noch zum Beispiel zwei Mal die größte Biotonne hinzu, kommt man auf 4482 Euro.

Mindestvolumen

Bei der Suche nach der individuell passenden Gebühr spielt auch das neue Mindestvolumen von 7,5 Litern pro Person und Woche eine wichtige Rolle. Die 60-Liter-Tonne mit vierwöchentlicher Leerung kommt nur noch für Ein- und Zwei-Personen-Haushalte infrage. Leben drei Personen unter einem Dach, sind 90 Liter vierwöchentlich das Minimum. Das kostet 134 Euro plus Biotonne – mindestens also 181 Euro. Bei einem Vier-Personen-Haushalt „passen“ 120 Liter vierwöchentlich, die es inklusive Biotonne ab 208 Euro gibt. In Städten, die ein Mindestvolumen haben, ist dieses meist höher und liegt zwischen zehn und 30 Liter pro Person und Woche. Jeder Aachener produziert derzeit rund 20 Liter Müll pro Woche. Man habe das Mindestvolumen dennoch am unteren Level gehalten, um den Anreiz zur Mülltrennung nicht zu zerstören, sagt Lennartz.

Tonnentausch

Abgeschafft werden die 60-Liter-Tonnen mit schwarzem und rotem Deckel (wöchentlich, zweiwöchentlich). Sie werden ersetzt durch 120-Liter-Tonnen mit entsprechend gestreckten Abfuhrrhythmen. Die Tonnen werden „von Amts wegen“ getauscht, sagt Dieter Lennartz. Rechtzeitig vor dem Jahreswechsel sollen die neuen Tonnen vor Ort sein. Auch werden bis auf Ausnahmen 120 Liter wöchentlich durch 240 Liter vierwöchentlich ersetzt.

Kontrolle

Wer kontrolliert eigentlich, ob ein Haushalt bezogen auf die Personenzahl das nötige Volumen hat? Erst einmal niemand. Die kleinen Tonnen mit dem weißen Deckel etwa bleiben da, wo sie sind. Sukzessive würden diese dann gegebenenfalls ersetzt. Wenn es beispielsweise Ummeldungen gibt, werde die Anzahl der Personen im Haushalt abgefragt. Thomas Thalau sagt: „Wir setzen hier auch auf die Ehrlichkeit der Bürger.“ Für „Mogler“: Bis zu vier Jahre rückwirkend könnten die Gebühren noch geltend gemacht werden.

Sperrmüll

Erstmals wird es bei der Sperrmüllanmeldung eine Gebühr von 15 Euro geben. Kritiker glauben, dass dadurch noch mehr wilder Müll in die Landschaft geworfen wird. Das, so sagt Lennartz, widerlegen die Erfahrungen von Städten, die bereits so verfahren. Und man verspricht sich im Stadtbetrieb davon, dass man die Zahl der Anmeldungen von 55.000 auf 15.000 pro Jahr drücken kann. Das würde die Kosten erheblich senken.

„Solidarprinzip“

Peter Maier sagt, dass es hier und da ganze Familien gebe, die mit einer Kleinsttonne auskommen. Aber man könne in einem solch umfassenden System nicht für jeden Einzelfall das Passende haben. Und man müsse festhalten, so Lennartz, dass derzeit im Gelben Sack 40 Prozent Müll landen, der da nicht hineingehört. Ebenso verhalte es sich mit der Biotonne. Da gehört streng genommen nicht mal der Gartenabfall rein. Und dann wiederum könne man auch eine kleinere Biotonne wählen und Geld sparen, wenn man Gras etc. zum Grünschnittcontainer bringt.

Unter dem Strich müsse man „der Mehrheit der Bevölkerung gerecht werden“. Und Maier glaubt, dass man da nun „eine ausgewogene Struktur“ gefunden hat. Die bringt jedoch heftige Brüche mit sich. Lennartz: „Wir wissen, dass es eine Revolution ist.“ Aber die Verantwortlichen im Stadtbetrieb und nun auch unisono in der Politik sind überzeugt, dass diese längst überfällig war. Die Reaktionen insbesondere der am stärksten Betroffenen werden allerdings sicherlich ebenfalls heftig ausfallen. Das ist den Erfindern des Systems bewusst. Aber da muss man bei einer Revolution dann wohl durch.

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