„Neue Wege gehen“: Suche nach dem Weg aus der familiären Gewaltspirale

Von: Rauke Xenia Bornefeld
Letzte Aktualisierung:
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Beratung gegen die Spirale häuslicher Gewalt: die Experten Elsbeth Ostlender und Michael Kempen vom Projekt „Neue Wege gehen“.

Aachen. Im Jahr 2015 stellte die Polizei in der Städteregion Aachen 860 Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt. In 605 Fällen wurde der Täter der Wohnung verwiesen. 65 Frauen und 56 Kinder suchten im gleichen Jahr Schutz im Aachener Frauen- und Kinderschutzhaus. Viele dieser Beziehungen bleiben dennoch bestehen.

Viele scheuen die Trennung vom gewalttätigen Partner: Wegen der Kinder, wegen des Geldes, wegen der nach wie vor gefühlten Liebe, aus Scham.

Es gibt Paare, die wollen etwas ändern, damit sie weiter Paar, Familie bleiben können und sich doch einiges ändert. Ihnen ist bewusst: „Wir brauchen eine andere Kommunikation.“ Denn die besteht nur noch aus Streiten, Schreien, Herabwürdigen. Manchmal fliegen Teller, manchmal Fäuste. „Sie sind in einer Schleife aus Kritik und Rechtfertigung gefangen. Ihnen ist die Wertschätzung füreinander verloren gegangen“, beschreibt Elsbeth Ostlender die Situation.

Ostlender, Sozialpädagogin und Systemische Familientherapeutin beim SkF, ist ein Teil des Berater-Duos des Beratungsangebots „Neue Wege gehen – häusliche Gewalt gemeinsam beenden“ des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) und des Katholischen Beratungszentrums Aachen. In den vergangenen zwei Jahren hat sie zusammen mit Michael Kempen, Psychologe und Systemischer Berater beim Katholischen Beratungszentrum, 35 Paaren in 160 Gesprächen geholfen, ihr Zusammenleben auf eine andere Grundlage zu stellen.

Wann wirs aus Streit Gewalt?

Anders als zunächst gedacht, kamen bislang vor allem Paare in die Beratung von „Neue Wege gehen“, die in der Eskalationsstufe noch nicht so weit nach oben gestiegen sind, dass ein Wohnungsverweis oder ein Aufenthalt in einem Schutzhaus notwendig gewesen wäre. „Die Paare kommen eher präventiv“, erläutert Kempen.

Doch wann wird aus einem normalen Beziehungsstreit Gewalt? Schließlich gibt es neben der physischen auch die psychische Gewalt. „Körperliche Gewalt von Männer ist oft verheerender, weil sie meist mehr Kraft haben. Zur Eskalation tragen in der Regel beide Partner bei.“, weiß Kempen.

Für Ostlender und Kempen gilt folgende Definition: „Die Paare, die wir beraten, können in Streitsituationen nicht aufhören, sie missachten eigene und andere Grenzen und verlieren die Kontrolle über ihre Worte, über ihr Handeln. Sie können nicht aus der Streitdynamik aussteigen, die Eskalationsspirale dreht sich immer weiter. Ihnen fehlen andere Handlungsoptionen“, beschreibt Ostlender. Ein solches Szenario führt häufig zu einer dauerhaften Belastung aller Familienmitglieder.

Die Kinder leiden

Obschon die Kinder der Paare bei den Gesprächen selbst nicht anwesend sind, sind sie aber doch in den Gesprächen präsent. Denn häusliche Gewalt birgt ein hohes Risiko für die Selbstwertentwicklung der Kinder, auch wenn sie selbst nicht Opfer sind. Das „nur“ Miterleben verursacht Gefühle wie Hilf- und Wertlosigkeit, Angst, Scham und Ohnmacht. Schaffen die Eltern aber eine Veränderung ihrer Kommunikations- und Streitkultur, „erfahren die Kinder, dass Veränderung möglich ist“, so Ostlender.

Auch sie könnten dann lernen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Spielen Kinder im Leben des Paares eine Rolle, ist zudem die Motivation, etwas dauerhaft zu ändern, größer. Trotzdem war für einige der 35 Paare schließlich doch eine Trennung die Lösung. „Aber auch das ist eine Veränderung“, sieht Kempen auch darin Positives.

Ob „Neue Wege gehen“ dauerhaft ein Bestandteil des kirchlichen Beratungsangebots in der Städteregion bleibt, ist laut Ostlender noch nicht klar. „Bislang tragen die für die Paare kostenlose Beratung die beiden Institutionen SkF und Katholisches Beratungszentrum. Sie stellen Michael Kempen und mich für die Beratungen frei. Für 2017 ist diese Finanzierung noch gesichert“, erläutert sie. Ab 2018 werde ein anderes Finanzierungsmodell gesucht. Ostlender: „Denn dass wir eine Lücke in der Beratungslandschaft geschlossen haben, darin sind sich alle einig.“

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