Aachen - Neue Treppe verärgert Behinderte

Neue Treppe verärgert Behinderte

Von: Amien Idries
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Ärgernis: Behinderte kritisieren die neue Verbindung zwischen Bahnhof und Kapuziner Karree. Foto: M. Jaspers

Aachen. Noch nicht offiziell eröffnet - und schon gibt es Ärger. Noch vor der Einweihung der neuen Freitreppe zwischen Bahnhof und Stadtmitte, die durch den Neubau-Komplex der AachenMünchener Versicherung führt, regt sich Unmut.

Wie zahlreiche Aachener hat auch Dietlind Schudoma-Wollgarten die Möglichkeit genutzt, die neue städtebauliche Attraktion zwischen Aureliusstraße und Borngasse zu erkunden. Schudoma-Wollgarten ist sehbehindert und verfügt nur über zwei Prozent Sehkraft. „Die Treppe ist für Sehbehinderte eine Zumutung”, sagt die Regionalgruppenleiterin von Pro Retina, ein Zusammenschluss blinder und sehbehinderter Menschen.

Sie habe Besuch von anderen Sehbehinderten gehabt und diese über die Treppe geführt: „Gemeingefährlich war noch einer der harmloseren Ausdrücke.” Die Probleme seien vielfältig: „Die unterschiedlichen Farben der Stufen führen in die Irre”, sagt Schudoma-Wollgarten. Es sei kein Muster zu erkennen, an dem sich Menschen mit geringer Sehkraft orientieren könnten.

Stolperfallen für Passanten

Darüber hinaus entstünden durch die Rollstuhlrampe, die in Serpentinenform verläuft, unregelmäßige Stufenhöhen, die nicht nur für Sehbehinderte zu Stolperfallen würden. Doch damit nicht genug. Die Hell-Dunkel-Gestaltung der Treppenmündung in der Borngasse verlaufe bis auf die Fahrbahn. „So steht man mitten auf der Straße - und merkt es als Sehbehinderter nicht”, erklärt sie.

Die Verkehrssicherheit für die Treppe, die über das Gelände der AachenMünchener verläuft, aber zum Großteil aus öffentlichen Mitteln der Städtebauförderung finanziert wurde, liegt bei der Stadt. Pressesprecher Hans Poth: „Wir sind uns der Problematik bewusst und haben bereits reagiert.” So sei auf einer Seite - dort verlaufen die Stufen durchgängig - ein Handlauf angebracht worden, der in Zukunft durchgehend sein soll. Am oberen Rand der Treppe gebe es eine taktile Leitlinie, die gezielt zu der Seite hinführe. Bei der Baumaßnahme habe es die Vorgabe des barrierefreien Bauens, also die Berücksichtigung der Belange Behinderter, gegeben.

„Zum Zeitpunkt der Planung waren aber viele für das Thema Sehbehinderung weniger sensibilisiert als beispielsweise für die Situation Gehbehinderter”, sagt Poth. Man werde mit den Betroffenen im Gespräch bleiben und versuchen, Lösungen zu finden. Die AachenMünchener, der nach eigenen Angaben „viel daran liegt, dass die Treppe von allen Bürgern gerne genutzt wird”, will die Stadt dabei unterstützen.

Apropos Gehbehinderung: Auch hier stellen die Betroffenen den Verantwortlichen ein schlechtes Zeugnis aus. „Den Begriff Barrierefreiheit kann man komplett streichen”, sagt Caline Strack, die auf einen Rollator angewiesen ist und nicht nur deshalb eine Fachfrau in Sachen behindertengerechtes Bauen ist.

Strack ist die Sprecherin der „Kommission barrierefreies Bauen”, die vor zwei Jahren gegründet wurde und die Verwaltung beraten soll. „Es gibt Industrienormen für barrierefreies Bauen, von denen viele nicht erfüllt wurden”, stellt Strack klar. So mangele es der Rollstuhlrampe an Handläufen. Auch seien die Abschnitte der Rampen zu lang, und es fehle an sogenannten Radabweisern, die am unteren Ende verhindern sollen, dass der Rollstuhl abrutscht. „Diese Normen sind zwar nicht vorgeschrieben, aber doch erforderlich, um das Ziel der Barrierefreiheit zu erreichen.” Die Stadt sagt dazu, dass die Rampe aufgrund der Höhendifferenz nicht anders hätte konzipiert werden können.

Strack kündigte an, am Montag zur Einweihung gehen und den Anwesenden demonstrieren zu wollen, wie katastrophal die Treppe sei. Ein solcher Missgriff sei künftig nur zu verhindern, wenn Betroffene frühzeitig in die Planung einbezogen würden, sagt Strack. Schudoma-Wollgarten pflichtet ihr bei und fügt hinzu: „Wenn man von Anfang an wirklich barrierefrei plant, dann sind solche Maßnahmen nicht teurer als konventionelle.”
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